Kultur : Marion, die zweite

Alles so erfunden: Julie Delpys „2 Tage New York“.

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„Before Sunrise“ und „Before Sunset“ : So hießen Richard Linklaters legendäre Liebesquasselfilme von 1995 und 2003, in denen sich zwei im Zug vor Wien kennenlernen und nach einer zauberhaft zerstreunten Zufallsnacht neun Jahre später in Paris wiederbegegnen. Ethan Hawke gab den entspannten Amerikaner Jesse – und Julie Delpy spielte Céline. Schöne Wahrheitssuchen waren das, Geschichten auch vom kleinen, ewigen Verfehlen, das in jeder überraschenden kurzen Nähe steckt.

Inzwischen ist Julie Delpy, ohne vom Schauspielfach zu lassen, zur Regisseurin gereift. An der Erkundung fragiler Gefühsverhältnisse, gerne im filmischen Ereignisdoppel, hält die nun 42-Jährige auch als ihre eigene Drehbuchautorin und Produzentin fest. 2007 war sie Marion in ihrem Debüt „2 Tage Paris“, und Adam Goldberg spielte ihren New Yorker Freund, dem ein Kurzbesuch bei Marions Eltern zum Kulturschock gerät. In der unromantischen Komödie, die aus der Ernüchterung nach dem Verlieben munter Kapital schlug, prallten die Differenzen zwischen Franzosen und Amerikanern genussvoll aufeinander.

Das Sequel-Rezept von „2 Tage New York“ ist denkbar einfach: Die französische Sippschaft stürzt beim Gegenbesuch in Manhattan Marions frisch geordnetes Privatleben ins Chaos. Vom Happy End des Ursprungsfilms ist nur Marions kleiner Sohn übrig. Die Ehe mit dem Kindsvater ist längst geschieden, weshalb das Publikum auf den wunderbar stadtneurotisch agierenden Goldberg verzichten und mit Chris Rock als dem neuen Lover namens Mingus vorlieb nehmen muss. Der Radiomoderator bringt seinerseits eine kleine Tochter ins Patchwork-Familiendasein mit.

Den stressigen New Yorker Alltag kriegt das Paar gerade noch gestemmt, aber als Marions frisch verwitweter Vater (Albert Delpy) mit ihrer Schwester Rose (Alexia Landeau) eintrifft, wird die Luft schnell dick im Apartment. Zudem hat Rose ihren aktuellen Lebensgefährten Manu (Alex Nahon) dabei, mit dem auch Marion mal eine Affäre hatte. Doch bewegen sich die Gags auf Sitcom-Niveau: Der Vater bleibt beim Zoll stecken, weil er heimischen Käse schmuggelt, Manu holt einen Marihuana-Dealer ins Haus, und Rose läuft nackt vom Bad durchs Wohnzimmer, was den US-Schwager schwer schockiert. Vor fünf Jahren sah mancher „2 Tage Paris“ wegen der pointierten Dialoge voreilig auf Woody-Allen-Niveau. Dem schmeichelhaften Vergleich geht dieser fade New-York-Abklatsch entschieden aus dem Wege.

Adria, Cinemaxx, Delphi, Filmtheater

am Friedrichshain, Kulturbrauerei, Yorck

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