Marlene Streeruwitz über Max Ernst : Kein Feind, kein Freund, kein Wolf

Die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz besucht die Karlsruher Kunsthalle - und horcht in Max Ernsts Gemälde „Wald“ von 1927 hinein.

Marlene Streeruwitz
Stählerne Festung. Max Ernst, "Der Wald" (1927).
Stählerne Festung. Max Ernst, "Der Wald" (1927).Foto: A. Fischer/H. Kohler

„Eine Armee soll niemalen hinter einem Wald campiren, das ist zu gefährlich: sondern allemal vor demselben, so daß sie solchen im Rücken behält.“ So schreibt König Friedrich II. in seinem „Unterricht des Königs von Preußen an die Generäle seiner Armeen“. Landschaft. Landschaft wird in dieser Unterweisung das Terrain genannt. Ein „militairischer“ Blick ist auf dieses Terrain zu richten. Krieg und Landschaft werden gleichgesetzt, wenn davon gesprochen wird, „Es ist die Pflicht eines jeden braven Officiers, den Krieg zu kennen, ehe er hineingeht und hernach sich zu befleißigen, daß er seine Wissenschaft in Ausübung bringe“.

Man kann in den Krieg hineingehen wie in eine Landschaft, weil der Krieg die Landschaft ist. Für die Zeit des Kriegs bilden Krieger und Terrain eine Einheit, deren Bewältigung über Sieg oder Niederlage entscheidet. In der Schlacht verbinden sich Krieger und Terrain zum Schlachtfeld als Landschaft von Tod und Zerstörung. Die Toten werden im Terrain begraben. Und. Wenn nicht Krieg ist, dann soll auf die Jagd gegangen werden, um diesen militarisierten Blick zu trainieren und nicht zu verlernen, die Entfernungen in der Landschaft richtig einzuschätzen. Der Wald, den Max Ernst 1927 malt, versperrt sich jeder Vorstellung von Begehung oder Invasion. Im Wald von Max Ernst könnte niemand „beym spazierengehen“ das Terrain auf seine Schlachttauglichkeit prüfen. Der Wald von Max Ernst ist der Krieg selbst geworden.

Dieser Wald ist ein stählern spitziger Bannwald

Das zu groben Halbzeugen zurückgegossene Kriegsgerät ragt in den Boden gerammt in die Höhe. Undurchdringliche Dunkelheit herrscht zu Füßen dieser Gussstücke. Kein feindlicher Spion kann durch das Dickicht schleichen und die Stellung auskundschaften. Kein Liebespaar wird auf der Flucht vor der Enge der Gesellschaft in diesen Schatten geraten. Kein Spaziergänger. Keine Spaziergängerin kann sich hier ergehen. Diese Landschaft. Dieser Wald ist uneinnehmbar. Und die Berge dahinter. Und der Himmel. Und wieder die Berge. Und wieder Himmel. Sie sind gesichert. Dieser Wald ist ein stählern spitziger Bannwald. Max Ernst sagte von sich, „Max Ernst starb am 1. August 1914. Er erlebte seine Wiederauferstehung am 11.11.1918 als junger Mann, der hoffte, ein Magier zu werden und die Mythen seiner Zeit zu finden.“

Nach dem Ersten Weltkrieg bleibt für Max Ernst nur die Hoffnung auf Magie, um zur Erzählung durchzustoßen, auf der die Bedingungen seiner Zeit beruhen. Die Magie wird hier zum Spurenlesen eingesetzt. Die Kultur, so setzt Max Ernst voraus, ist sich selbst so wenig bekannt, dass nur Zaubersprüche zu den Traumbildern führen können, die die Wahrheit enthüllen. Der Wald von Max Ernst ist ein erträumter Wald. Der undurchdringliche Wald der deutschen Märchen ist das, der sich nur für die Zeit der Märchenerzählung betreten lässt. Wie der Krieg ist das Märchen seine eigene Landschaft. Der Wald wird für Krieg oder Märchen zum angstbestätigenden Akteur. Lauern. Auflauern. Schleichen. Anschleichen. Verstecken. Überfall. Überfallen. Der Wald birgt Angreifer aller Art. Aber. Im Wald kann auch Zuflucht gefunden werden. So wird es zur Grundfrage, wo der Betrachter oder die Betrachterin des Bilds sich selbst positioniert. Es gibt ja auch die Möglichkeit, sich hinter die stählernen Palisaden zu denken und von dort geschützt aus dem Bild herauszuschauen. Vom Maler in den Bildtraum geführt. Oder. Vom Maler aus dem Bildtraum ausgeschlossen.

In analogen Zeiten war der Wald eine natürliche Festung

„Der Feind kann hinter dem Walde seine Anordnung treffen, ohne daß wir es sehen, und ohne daß wir Gegenanstalten treffen können“, schreibt Friedrich II. Hinter dem Wald. Im Wald. Was nicht gesehen werden kann, das kann nicht beschrieben werden. Unbeschreibbares drängt sich da in die Vorstellung. Steigt in der Vorstellung auf. Dämonen sind das. Geister. Im Krieg. Für den General fügen die Dämonen sich zu ungeheuer großen Armeen zusammen, die unbesiegbar hinter dem Wald ihre Vernichtungsanstalten treffen. Im analogen Krieg war der Wald eine natürliche Festung. Der Wald von Max Ernst ist eine stählerne Festung. Und während der gelbe Ring auf Max Ernsts Bild „Der große Wald“ als Ring des Saturn interpretiert wird und damit Kronos repräsentiert, der seine Kinder frisst. Oder als niedersinkender Heiligenschein einer Golgathaszene ausgelegt, die Komplizenschaft christlicher Werte am Ersten Weltkrieg symbolisiert.

Der rot gerandete Ring auf „Der Wald“ steht hinter den hochragend zerklüfteten Palisaden als beruhigend geometrische Form. Aus sich selbst rot glühend ruht dieses Rund in der Mitte des Bilds. Dahinter erst eine Wolkenlandschaft. Oder Nebel. Und weit dahinter wieder die blauen Berge, die vom nur wenig dunkler blauen Himmel kaum zu trennen sind. Ohne diesen Ring gäbe es nur die Assoziation Landschaft. Die Ordnung, die dieser Ring in das Bild bringt. Denn. Der Ring ist mittig platziert. Er wirkt glatt und gearbeitet gegen die zufällige Zerrissenheit des Materials im Vordergrund. Das Rund des Rings spricht von Verbindung und Geschlossenheit. Ein Zeichen. Aber wofür. Unwillkürlich. Und deshalb wohl möglich. Es kommt einer der Gedanke, dass der Wald nicht mehr betreten werden will und ein Verbotszeichen angebracht worden ist. Ein Verbot, das wie jedes Verbot auf eine glühende Verheißung hinweist. Der Wald will nicht mehr die Landschaft der Gegenanstalten sein. Der Wald hat sich aus dem Krieg und den Märchen befreit. Steht nicht mehr als Landschaft zu Verfügung. Und. 1927. Da konnte einer annehmen, dass das Verschließen eines Terrains den Krieg unmöglich macht.

Unbehausung. Unbehaustheit. Menschenleere

Wenn die Truppen nicht hindurchmarschieren können, dann kann es die Schlacht nicht geben. Oder den Stellungskrieg. Wenn die Großmutter in ihrem Haus im Wald nicht besucht werden kann, dann kann auch der böse Wolf nicht getroffen werden. Oder die sieben Geißlein fressen. Wenn niemand durch den Wald reisen kann, dann kann auch niemand im Wirtshaus von de Sade eintreffen. Schluss damit, sagt dieser Wald. Oder ist dieser Wald das aufgetürmte Kriegsgerät und ein Denkmal der Leblosigkeit nach dem Töten. Der rote Kreis wird zum ersten Werkstück eines Hephaistos, der auch die restlichen Stahlkristalle noch verarbeiten wird. Der die Stahlkristalle zu sinnlosen Ornamenten umarbeiten wird und so den Frieden bringt. Waffenlosigkeit. Die Löcher. Oben in den Spitzen dieser metallenen Kristalle. Sie erinnern an bombenzerstörte Häuser. Die Betonskelette von Fallujah kommen da in den Sinn. Unbehausung. Unbehaustheit. Menschenleere. Und nur die Skulptur, die von Menschenhand berichtet.

Und dann. An zwei Stellen. Trachycarpus fortunei. Oder. Chamaerops humilis. Palmen. Palmwedel sind eingekratzt. An zwei Stellen gibt es Leben. Als Erinnerung an das Leben von Pflanzen diese zwei Palmwedel hauchdünn und durchsichtig. Aber Leben. Inmitten der unbelebten Materie. Und dem Wind und dem Wetter. Die Frage bleibt. In Bezug auf dieses Bild. Wo werden die Anordnungen und die Gegenanstalten getroffen. Wo soll der Betrachter, die Betrachterin campieren und was muss als gefährlich angesehen werden. Wo sind wir, wenn wir vor diesem Bild stehen. Vor dem Wald. Oder hinter dem Wald. Aber vielleicht stehen wir auch vor dem Grab, das eine Landschaft ja immer schon gewesen ist. Während der Himmel immer nur der Himmel bleibt.

Marlene Streeruwitz, geboren 1950, lebt als Schriftstellerin in Wien. Im S. Fischer Verlag erschien von ihr zuletzt im vergangenen September der Roman „Yseut“.

Der Text entstand für das Ausstellungsprojekt „Unter freiem Himmel – Landschaft sehen, lesen, hören“ (17.2. bis 27.8.) der Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, innerhalb dessen sich 53 prominente Autoren mit ebenso vielen Landschaftsgemälden aus der Sammlung der Staatlichen Kunsthalle befassen. Der begleitende Katalog erscheint im Kerber Verlag Bielefeld. Im Museum kostet er 36,- €; im Buchhandel 38,- €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar