Martensteins Berlinale (4) : Die deutsche Sau

Karl Marx, die wilde Maus, ein Film mit Hirschen und ein wütender Dieter Kosslick - Martensteins vierte Glosse über die Berlinale.

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Auch Hirsche sind ein Thema.
Auch Hirsche sind ein Thema.Foto: dpa

Vor ein paar Jahren kam der Briefwechsel zwischen Marx und Engels als Hörbuch heraus, gelesen von Harry Rowohlt. Ein Rezensent fasste den Inhalt so zusammen: „Sexismus, Antisemitismus, Rassismus“. Den Arbeiterführer Lassalle nannten sie „einen jüdischen Nigger“, über die Arbeiter heißt es: „Sie taugen nur als Kanonenfutter.“ Natürlich waren Marx und Engels mehr als das, sie waren große Denker, aber auch Kinder ihrer Zeit und keine Engel, wie die meisten von uns. Es versteht sich von selbst, dass sie in „Der junge Karl Marx“ als zwei edle, geniale Hipster auftreten, lauwarm serviert in Kitschmusiksoße. Echte Menschen mit ihren Widersprüchen entsprechen eher nicht dem Zeitgeist von heute. Wegen solcher Filme ist der Kapitalismus abzulehnen – ach so, ja, die wurden auch schon im realen Sozialismus gemacht.

Ein sauguter Film

Vor dem Eingang zu „Wilde Maus“ von und mit Josef Hader kam es fast zu Prügeleien, weil nicht alle hineinkamen. Es gibt ungefähr ein Dutzend Szenen, die mir diesen Film unvergesslich machen, unter anderem einen Ehestreit, der dadurch unterbrochen wird, dass die Putzfrau erscheint. Ein alter Wiener Großkritiker wird von seiner Zeitung entlassen und startet gegen den Chef, genannt „die deutsche Sau“, einen tragikomischen Rachefeldzug, der von der Chefsau mit ähnlichen Mitteln erwidert wird. Ein sauguter Film. Irritierend ist es im Kino, wenn die Hauptdarsteller einen an jemanden erinnern, den man kennt, und man sich dauernd fragt, wer ist das. Der Chef intonierte wie Ulrich Matthes, die Ehefrau glich der jungen Angela Winkler. Bestimmt hören Pia Herzinger und Jörg Hartmann das dauernd, Entschuldigung, ist ja keine Schande.

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Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein und Autor Josef Hader
Berlinale: Harald Martenstein über den Film "Wilde Maus"

Ein russischer Oligarch, der „The Dinner“ koproduziert hat, hat sein Kind angeblich in die Vorstellung mitgenommen, obwohl der Film ultrabrutale Szenen enthält. Eine Kollegin erzählte, sie habe Dieter Kosslick noch nie so wütend erlebt. Hurra! Zum ersten Mal taucht, neben der täglichen Trumpkritik, auch eine zumindest indirekte Kritik am russischen Manchesterkapitalismus im Festival auf. In Russland wirst du als kritischer Journalist meistens gar nicht erst so alt, dass du wegen deines Alters entlassen werden könntest. Ein anderer Kollege hatte einen Film mit Hirschen gesehen. Die Hirsche sind total liebevoll miteinander, nur während der Brunft werden sie aggressiv. Wenn die Menschen nur an drei Wochen des Jahres Sexualhormone besäßen, sagte der Kollege, dann gäbe es längst den Weltfrieden. Marx konnte das noch nicht wissen.

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