Martensteins Berlinale (7) : Mit Beuys ungesund leben

Über einen Film wie ein teures Herrenparfüm, einen wahnsinnig sympathischen Josef Beuys und eine Barszene in Madrid - die Endphase einer Berlinale.

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Joseph Beuys nach der Räumung der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf im Jahr 1972
Joseph Beuys nach der Räumung der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf im Jahr 1972Foto: dpa

Ein berühmter Autor fliegt für sein neues Buch nach New York, seine junge Freundin ist schon vorgereist, er trifft dort mit Vorsatz seine Jugendliebe wieder, inzwischen eine Topanwältin, haut mit ihr ab, macht ihr einen Antrag, wird abgewiesen und kehrt zur Freundin zurück, die aber ein bisschen sauer ist. „Return to Montauk“, Volker Schlöndorff: Ein Film wie ein sehr teures Herrenparfüm, dessen Flacon auf einem Buch mit Hirschledereinband und Goldschnitt steht, während im Hintergrund leise eine Norah-Jones-Platte läuft. Was sind Geld und Ruhm, wenn die Liebe fehlt – nüscht! Und Nina Hoss ist wieder eine Ostdeutsche, muss wieder verbittert gucken, und weinen muss sie auch. Streichermusik, Meeresrauschen, man schenkt einander Originale von Paul Klee. Ich würde zu gern mal einen Film sehen, in dem Nina Hoss in ein Mettbrötchen beißt, schwäbisch redet und mit Cindy aus Marzahn Polka tanzt.

Der Künstler Joseph Beuys wirkt in dem Dokumentarfilm „Beuys“ wahnsinnig sympathisch. Er war zum Beispiel ein Gegner der These, dass man auf Teufel komm ’raus gesund leben sollte. Beuys sagt: „Jeder Mensch muss sich verschleißen. Wenn man noch gut ist, wenn man stirbt, ist das Verschwendung. Man muss lebendig zu Asche verbrennen, nicht erst im Tod.“ So ein Satz im Dialog, und „Return to Montauk“ wäre gleich interessanter gewesen. Als Beuys für die Grünen zum Bundestag kandidieren will, wird er im letzten Moment vom sicheren Listenplatz entfernt, Begründung: „Du kostest uns Stimmen.“

In einem sehr späten Film ging es am Anfang um eine Bar in Madrid. Einer der Gäste wird niedergeschossen, von wem, weiß ich nicht. Großes Tohuwabohu. Die Tür geht auf – der Kommissar? Nein, es ist der Vermieter Brägele, den wir früher in Stuttgart hatten. Das gibt’s doch nicht. Jetzt sagt er: „Was hen mr denn hier? Ihr kennet doch net oifach uff d Leit schiaße! Da muss i halt die Miet a bissle raufsetza.“ Im hinteren Bereich der Bar steht mein alter, einbeiniger Mainzer Turnlehrer Dr. Krass, er trägt ein Torerokostüm, kommt zu mir hin, sagt „e bissje mehr Einsatz, Kinner! Sonst schick isch eusch all an die Ostfront!“ und boxt mir in die Seite. Jetzt merke ich, dass neben mir eine alte Dame sitzt, sie schüttelt mich und sagt: „Sie reden im Schlaf, das stört!“ Endphase einer Berlinale.

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