Martin Mosebachs Roman "Das Blutbuchenfest" : Die Leichen meiner Feinde im Main

Geschwatz und Menschenhatz: Autor Martin Mosebach verknüpft in seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" hessische und bosnische Schicksale.

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Unter serbischem Beschuss. Ein bosnischer Soldat schützt die Bewohner von Sarajevo am 6. April 1992.
Unter serbischem Beschuss. Ein bosnischer Soldat schützt die Bewohner von Sarajevo am 6. April 1992.Foto: AFP

Eine bezwingende Erzählidee: Martin Mosebachs Roman „Das Blutbuchenfest“ entwirft einen Frankfurter Figurenreigen, in dessen Mitte die Frau steht, die bei all den mehr oder weniger fadenscheinigen Herrschaften für Ordnung sorgt: die resolute bosnische Putzfrau Ivana Mestrovic. Einer ihrer Dienstherren, der Wichtigmensch und Kulturimpresario Wereschnikow plant einen Kongress, dessen Thema nicht schiefer in der Zeit um 1990 liegen könnte: „Die Wurzeln und Fundamente der menschlichen Würde in den Kulturen des Balkans“. Das hat etwas von der Parallelaktion in Musils „Mann ohne Eigenschaften“, wo ein ganzer Gesellschaftskreis eine ambitionierte Idee für eine Thronjubiläumsfeier sucht, die niemals stattfinden wird.

Wieder einmal blamiert sich der Geist vor der Wirklichkeit. Denn auf dem Balkan der frühen neunziger Jahre wird die menschliche Würde in den Dreck getreten. Es herrscht wieder Krieg in Europa. „Das Blutbuchenfest“ läuft auf einen doppelten Exzess hinaus: eine anarchische Party in einem Frankfurter Villengarten und der Beginn der ethnischen „Säuberungen“ in Bosnien. Hier wird gefeiert, dort vertrieben; hier Geschwatz, dort Menschenhatz. Verknüpft werden die beiden Handlungsorte mit dem Mobiltelefon: Während Ivana das Fest betreut, steht sie in Verbindung mit ihrer Familie, die sich mit ein paar Habseligkeiten auf die Flucht macht.

Mosebachs Anachronismus erregt Kopfschütteln

Mosebachs Anachronismus hat Kopfschütteln erregt. Tatsächlich hatten Anfang der Neunziger nur die wenigsten Handys, und wenn, waren es unförmige Kästen. Über Ivanas Mutter hinter den bosnischen Bergen aber heißt es: „Ihr kleines Telephon steckte stets in der Schürzentasche.“ Als sich der Immobilienhai Breegen auf der Flucht vor einem Nebenbuhler im Kleiderschrank verstecken muss, kocht er vor Wut, weil er darin keinen Empfang hat.

„Die beklopptesten Bergsteiger schickten ihre Rettungsrufe aus dem Himalaja“, schimpft er. Mag sein, aber doch erst seit dem Jahr 2010, als am Mount Everest Sendemasten aufgestellt wurden. In der bosnischen Kleinstadt Prozor haben bei Mosebach alle Männer schwarze Lederjacken an und halten „sämtlich ihr Mobiltelephon in der Hand“. Als die Kroaten fliehen, sieht man im dunklen Wald das „eisige Licht“ der Displays. Kurz: Mosebach trägt das Motiv so dick auf, dass man an ein Versehen kaum glauben mag.

Unscharfe Chronologie

Zumal die Chronologie auch in anderer Hinsicht unscharf ist. Das Fest und die initiale Vertreibung finden im Sommer statt. Wie verhält sich das zur Realität? Im Sommer 1991 herrschte noch kein Krieg in Bosnien. Man fühlte sich noch fern vom Gemetzel in Kroatien; im multikulturellen Sarajevo gab es Friedensdemonstrationen. Auch der Sommer 1992 kommt nicht infrage, da war der Krieg bereits in vollem Gang; die Belagerung Sarajevos hatte im April begonnen.

Noch weniger passt Mosebachs Konfrontation von muslimischen Bosniaken und katholischen Kroaten zum realen Kriegsverlauf. Bei ihm beginnen die Kriegshandlungen damit, dass die auf ihren Gehöften verstreuten Kroaten vor der Aggression der Muslime fliehen: Das altehrwürdige Lehmziegelhaus der Mestrovic-Familie, mit dessen ausführlicher Beschreibung die bosnischen Partien des Romans beginnen, steht am Ende in Flammen. Im ersten Jahr des Bosnienkriegs fanden jedoch Vertreibungen durch die Serben statt, die Kroaten und Bosniaken gleichermaßen betrafen, weshalb die beiden Volksgruppen anfangs gemeinsam gegen die serbische Miliz kämpften.

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