Martin Walser und sein neuer Roman : Es geht ihm ein bisschen zu gut

Gedanken und Empfindungen eines bald 90-Jährigen: Martin Walser präsentiert in seinem neuen Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ vor allem Martin Walser.

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Weiter unter Rechtfertigungszwang. Der Schriftsteller Martin Walser, der am 24. März 90 Jahre alt wird.
Weiter unter Rechtfertigungszwang. Der Schriftsteller Martin Walser, der am 24. März 90 Jahre alt wird.Foto: picture alliance / dpa

Einen Rahmen sollte es wohl doch geben für dieses „entfesselte“ Schreiben „am Rand der Formlosigkeit“, wie der Rowohlt Verlag Martin Walsers an diesem Donnerstag erscheinendes neues Buch angekündigt hat. Auf dem Cover sieht man ihn goldfarben leuchten, gerahmt wird damit jedoch nichts als eine „leere, musterlose Wand“. Die stellt wiederum eines der Leitmotive dieses Buches dar: den Sehnsuchtsort des Schriftstellers Walser, des Ich-Erzählers, wenn man denn will, der sich seinerseits von allem befreien möchte, der „unfassbar sein“ will wie „die Wolke, die schwebt“ oder wenigstens „eine blühende Wiese“. Unter diesem goldfarbenen Rahmen auf dem Cover steht der kryptische Titel „Statt etwas oder Der letzte Rank“, wobei Rank, das wird eingangs mithilfe des Grimmschen Wörterbuchs erläutert, Wendung, Drehung bedeutet. Unter dem Titel wiederum gibt es einen weiteren Rahmen, einen gattungstechnischen in Form des Wörtchens „Roman“.

Nun ist dieser Begriff ein inzwischen recht weit gesteckter, werden doch alle möglichen erzählerischen Hervorbringungen als Roman bezeichnet, von Autobiografien bis Sachbüchern. Im Fall dieses Buchs fragt man sich aber schon, was das soll? Zumal Walser seit seinem Romandebüt „Ehen in Philippsburg“ 1957 jahrzehntelang als vornehmlich genuiner Erzähler und Romanautor die größten Erfolge hatte und beispielsweise seine drei autobiografischen Meßmer-Bücher ohne Gattungsbezeichnung ausgekommen waren. „Statt etwas oder Der letzte Rank“ muss man vor allem als Ergänzung zu den Walser-Tagebüchern „Leben und Schreiben“ lesen, mehr noch vielleicht als viertes Meßmer-Buch.

Dem Reizklima des Rechthabenmüssens entkommen

Es ist weniger aphoristisch, weniger sentenzenmäßig als diese, klar, versammelt aber auch größtenteils Gedanken und aktuelle Stimmungen des Schriftstellers, der am 24. März 90 Jahre alt wird, inklusive der Vergegenwärtigung vergangener Kämpfe, Gegner- und Feindschaften. Auch inklusive bezeichnender, mitunter lustiger Träume so wie jenem, in dem Walser mit Jean-Paul Sartre auf einem Bahnhof in Utrecht sitzt und auf eine Pepsi-Cola-Werbung starrt. Um es mit einem Satz aus Walsers 1985 veröffentlichtem Buch „Meßmers Gedanken“ zu sagen: „Das Schönste muss sein, etwas aus sich herauszubringen, ohne dass man von außen viel braucht.“

Das braucht es erst recht nicht, wenn hier jemand gleich zu Beginn anhebt mit den Worten: „Mir geht es ein bisschen zu gut“ – was sich zumindest in den nächsten Wochen wieder erleben lässt. Walser wird dann mit seinem Buch bis zu den Geburtstagsfeierlichkeiten durch die Republik touren (am Donnerstag Abend gibt es die Buchpremiere in München, am 26. Januar ist er in Berlin im LCB). Was sich jedoch bei der Lektüre bei aller Entfesselung und Freiheit etwas anders darstellt. Dem Reizklima des Rechthabenmüssens mag er entkommen sein, wie Walser es in den letzten Jahren gern betont hat. Aber gewisse Rechtfertigungszwänge bezüglich der eigenen Person, des eigenen Lebens gibt es weiterhin. Passend dazu ist in „Statt etwas oder Der letzte Rank“ einmal davon die Rede, das „zu“ in dem Anfangssatz vielleicht doch besser zu streichen.

Manchmal nur ein Satz pro Kapitel

Martin Walser kreist in seinem neuen Buch um seine Gedanken, Empfindungen und Erlebnisse, und da spielt es keine Rolle, dass sein Ich-Erzähler mal Otto, mal Bert, mal Erstrecht heißt oder einmal mit einem Ferdinand verwechselt wird. Oder die Perspektive häufig wechselt und der Erzähler sich in der zweiten Person Singular anredet oder in die dritte springt: „Vermieden bis jetzt das, was Gewissen heißt.“ So beginnt das 13. von 51 Kapiteln, die meist einige Seiten fassen, manchmal nur aus einem einzigen Satz oder einem Gedicht bestehen. „Dazu muss ich so weit weg von mir, dass ich mich ER nennen darf.“ Und: „Er hat immer schon gedacht und getan, was er nicht hätte tun und denken dürfen.“

Wer will, darf sich jetzt an die umstrittene Paulskirchenrede Walsers aus dem Jahr 1998 erinnern. Und man darf bei der Erörterung der Feindschaften an Marcel Reich-Ranicki denken, wenn es zum Beispiel heißt: „Er tadelte, kritisierte oder beschimpfte immer im Namen und Interesse des Großenganzen bzw. der Gerechtigkeit oder der Humanität oder der Demokratie.“ Oder an Frank Schirrmacher, den „Feuilletongewaltigen“, und dessen Abrechnung mit Walser wegen des Romans „Tod eines Kritikers“, den Schirrmacher als „Dokument des Hasses“ bezeichnet hatte (hier heißt der Text des Feuilletongewaltigen „Das deutsche Desaster“ und Adornos Spruch über das richtige Leben, das es im falschen nicht geben könne, ist der Streitauslöser).

Ja, Walser bearbeitet ausdauernd seine Themen: sein unstillbares Liebes- und Frauenverlangen, seine vermeintlichen Niederlagen, die „Verkleinerungserfahrung“, wenn ihm Empörung entgegenschlug. Und seine Abwehr dagegen. Weil er seinem Gewissen gefolgt ist, aber nie Gewissheit verspürte: „Wie soll es in einer Wörterwelt Freiheit geben, in der es Gewissheit gibt... Gewissheit ist genau das, was ein Wort nicht sein darf:  Es ist ein Wort als Zwangsjacke.“ Weil er Wahrheiten misstraut: „Durch Lügen kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit. Ich wollte endlich beitragen zum Ruhm der Unwahrheit.“ Weil er von Kindheit dazu erzogen wurde, Erwartungen zu entsprechen, dieser Erziehung aber zuwidergehandelt hat.

Nicht viel Neues unter der Walser-Sonne

Natürlich geht es häufig ums Schreiben, um das enthüllende Verbergen dabei. Denn dagegen, „etwas weiterzusagen“, habe er sich stets „mit allen erdenklichen Vorstellungen, überhaupt mit Einbildungen gewehrt“, erfolgreich zumal, wie Walser behauptet. Ähnlich war es mit den Beziehungen zu Frauen: „Ich wollte versuchen“, heißt es von einer Monika, die natürlich keine Monika ist, „sie durch Schreiben so undeutlich zu machen, dass sie nicht mehr in mir herumirrlichtern kann.“

In „Statt etwas oder Der letzte Rank“ zeigt sich noch einmal der ganze Walser; ein Schriftsteller, der vielleicht wirklich „Summe und Bilanz“ zieht, wie sein Verlag weiß, obwohl das nicht seine Art ist. Der jedoch nicht viel Neues unter der Walser-Sonne aufscheinen lassen mag. Wie seit Langem schon berichtet Walser in der ihm eigenen „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr“-Dialektik: von seiner Zustimmungsfreude, seiner alles und jeden umarmenden Friedfertigkeit, seiner Unvernunft, (die er so gern rehabilitieren möchte), seinen Fluchtversuchen mittels Einbildungen, seiner Rechtfertigungsmüdigkeit, seiner Sinnlieferungsunlust und so weiter. Als „Glück“ bezeichnet er am Ende – leere, musterlose Wand hin, Unfassbarkeitssehnsucht her –, „dass ich mir nicht verloren gehen wollte“. Dieses Buch ist der vielsagende Beweis dafür.

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 171 Seiten, 16, 95 €.

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