Martina Gedeck im Interview : „Ich war dem Hund ein Hund“
11.10.2012 00:00 UhrFrau Gedeck, wenn man einen Film als Schauspielerin so solitär trägt, wie Sie es bei „Die Wand“ tun, hat man dann irgendwann die Nase voll von der Geschichte?
Na ja, es ist gut, dass man sich erst ein Jahr später wieder reflektorisch mit dem Film beschäftigt. Jetzt kann ich es genießen. Ich habe meine Notizen und Unterlagen noch mal angeschaut, um alles Revue passieren zu lassen. Ich hatte eigentlich damit abgeschlossen, aber jetzt fällt mir tatsächlich noch Neues ein. Zum Beispiel ist mir gestern etwas in Bezug auf den Hund klar geworden. Ich wusste, dass ich nie ein „Herrchen“ für den Hund war. Wir hatten eher ein ebenbürtiges Verhältnis, ich war für ihn also quasi auch ein Hund! Und das lag daran, dass ich außer ihm die Einzige war, die den Befehlen seines Herrchens – nämlich des Regisseurs Julian Roman Pölsler – widerspruchs- und bedingungslos folgte, genau wie er! An mir als Mensch war der Hund nie besonders interessiert, er begegnete mir mit Gleichmut, das war mir sehr angenehm.
Hat dieses intensive Arbeiten Ihr Verhältnis zu Tieren verändert?
Das hat es zum Glück. Anfangs hatte ich keinen Bezug zu Hunden, außer einer gewissen Ängstlichkeit. Das Stöckchenspielen mit ihm oder ähnliches fand ich eher peinlich. Seit dem Film aber nehme ich Tiere mehr wahr, ich kann besser mit ihnen kommunizieren. Wenn mir jetzt ein Hund begegnet, was ja in Berlin oft passiert, begrüße ich ihn, habe keine Angst mehr. Ich werde auch nicht mehr angebellt. Ich fühle mich jetzt wohler, wenn Tiere da sind.
Was hat diese besondere Rolle sonst noch mit Ihnen angestellt?
Dadurch, dass ich mich die ganze Zeit beim Spielen nicht auf andere Menschen bezog, wurde mir eine Menge über meine Arbeit klar: Ich war wie befreit, etwas Essenzielles bleibt übrig, die Grundstrukturen der Schauspielerei. Nämlich dass man denkt, empfindet und sich körperlich ausdrückt. Das war wie eine Studie für mich.
Klingt ein bisschen nach Therapie ...
Nein, denn es hatte nichts mit meinem privaten Leben zu tun. Ich musste die verschiedenen Bereiche meines Schauspielerinstrumentariums so ausgeprägt spielen, weil ich eben keinen Text hatte. Alles sichtbar werden lassen, nur über feinmechanische Mimik. In der Form war ich statisch, konnte mich zum Beispiel am Tisch kaum bewegen, musste jegliche Regungen über das Gesicht laufen lassen. Dass jemand nachdenkt, kriegt man ja ansonsten eher selten im Film zu sehen...
Wie gehen Sie dabei vor? Denken Sie an etwas Trauriges aus Ihrer Vergangenheit, wenn sich das auf dem Gesicht spiegeln soll?
Nein, das entsteht bei mir anders. Ein Beispiel: Am Anfang des Films sieht man die Frau schreiben, und man hört aus dem Off, dass sie sich fürchtet – dass sie schreibt, um nicht den Verstand zu verlieren. An der Stelle schaue ich das erste Mal auf, man sieht zum ersten Mal ihr Gesicht. Das ist, als ob ein Vorhang aufgeht: Man schaut in den Menschen hinein. Und was soll man sehen? Eine existenzielle Bedrohtheit. Wenn ich mir das als Schauspielerin vornehme, muss das Empfindungsarsenal in mir wachsen. In dem Augenblick, in dem ihre Angst immer größer wird, muss ich mir erlauben, in diesen Zustand zu gehen, den ich kenne. Ohne dass ich an konkret Erlebtes denken muss.
















