Kultur : Maskenspiel

Das Avantgardestück „Exposure Berlin“.

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Bob-Frisuren, Federschmuck, schwarze Hauben, weiße Hüte – man hat den Saal noch nicht betreten, da ist schon klar: Hier werden die Goldenen Zwanziger Jahre zelebriert. Da sitzt jedes Versatzstück, als gälte es, den Preis für die authentischste Verkleidung zu gewinnen – beim Publikum wie bei Darstellern. Für die Ahnungslosen, die in zeitgenössischer Garderobe auftauchen, gibt es Wegwerfschmuck zu kaufen. Einen geeigneteren Schauplatz als das ehemalige Stummfilmkino Delphi in Weißensee hätte sich Brina Stinehelfers „Per Aspera Productions“ für ihr Avantgardestück „Exposure Berlin“ kaum aussuchen können. Das atmosphärische hohe Steingewölbe, das spitz zulaufende Bühnenportal und die roh gemauerte Hinterwand – ein authentisches Bühnenbild für Nikolaus Schneiders Inszenierung.

Die Verquickung eines absurd-komischen Stummfilmacts und des Geschlechtertauschdramas von Thérèse und The Husband, das auf Apollinaires „Die Brüste des Tirésias“ von 1917 zurückgeht, fügt der lustigen Maskerade eine zeitgemäße Dimension hinzu. Selbst beim Geschlechtertausch herrscht der Machttrieb ungerührt weiter. Geschichte ist offenbar keine Linie, sondern ein Kreis: Sind wir in der Genderdiskussion wirklich weiter? Auch die Direktprojektion des fantastisch ausagierten Pantomimenspiels von Daniel Unsöld und Sebastian Rein beschwört unser Überwachungszeitalter herauf, trotz Stummfilm- und Film-Noire-Optik.

Mit der Ankündigung avantgardistischer Musik hat man allerdings etwas viel versprochen. Pucinskis reichert seine eklektische Musicalkomposition sporadisch mit Dissonanzen an, es handelt sich um launige, wirkungsvolle Bühnenmusik. Die üppige Zitatwelt, die sich vom „Phantom der Oper“ bis zu „Siegfrieds Rheinfahrt“ erstreckt, flicht da und dort einen erheiternd ironischen Subtext ein. Spektakulär ist die raffinierte Videoanimation von Radha Mateva: ein mediales Zusammenspiel der Epochen. Steht das Fantôme zum Schluss in voller Montur mit wuchtigem Federkopfschmuck in psychedelischen Spiralmustern, fällt es schwer, sich nicht vom Strudel der Zeiten erfassen zu lassen. Der Gesang der Mezzosopranistin Dylan Bandy ist in der Intonation zwar schief, dabei aber so überzeugend, dass man ohne Weiteres glaubt, es müsse so sein. Jubel im Publikum. Barbara Eckle

Wieder 19. - 21.10, 19 Uhr. Mit AftershowProgramm. Info: www.exposureberlin.com

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