Massaker von Srebrenica : Wie ich meinen ermordeten Bruder identifizierte

Erinnerungen an den 11. Juli 1995: 15 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica identifizierte der Schriftsteller Hasan Nuhanovic seinen toten Bruder. Am selben Tag schrieb er diesen Text.

Hasan Nuhanovic
8372 Ermordete. Jeden Sommer werden am Jahrestag des Massakers in der Gedenkstätte Potocari bei Srebrenica neu identifizierte Opfer bestattet. Foto: dpa
8372 Ermordete. Jeden Sommer werden am Jahrestag des Massakers in der Gedenkstätte Potocari bei Srebrenica neu identifizierte...Foto: dpa

Ende Juni wurden in Bosnien-Herzegowina die aus einem Massengrab exhumierten sterblichen Überreste von Muhamed Nuhanovic identifiziert. Sein Bruder, der 41-jährige Dolmetscher, Aktivist und Schriftsteller Hasan Nuhanovic half bei der Feststellung der Identität und schrieb am selben Tag diesen Text. Jeden Sommer werden am 11. Juli, dem Jahrestag des Massakers von Srebrenica, Hunderte der Identifizierten an der Gedenkstätte Potocari bei Srebrenica bestattet, am Sonntag zum 15. Mal. In zweien der 660 Särge in diesem Jahr liegen Hasan Nuhanovics Mutter und der Bruder. Auf allen Kontinenten haben Forensiker Blut- und Gewebeproben von Überlebenden und Angehörigen der 8000 Ermordeten vom Juli 1995 untersucht, um den Toten ihre Namen zurückgeben zu können. Nur wenige der Mörder kamen bisher vor Gericht. Diese Woche hat Nuhanovic Klage gegen den niederländischen Blauhelm-Kommandeur eingereicht, dessen UN-Einheit dem Morden tatenlos zusah.

Heute habe ich meinen Bruder an seinen Turnschuhen identifiziert.

Im Herbst riefen sie mich wegen Mutter an. In einem Bach bei dem Dorf Jarovlje, zwei Kilometer entfernt von Vlasenica haben sie sie gefunden. Das, was von ihr noch übrig war. 15 Jahre lang hatten die Serben, die dort wohnen, ihren Abfall auf sie geworfen. Sie lag nicht allein. Noch sechs andere haben sie dort ermordet. Verbrannt. Ich hatte gehofft, dass sie sie verbrannt haben, nachdem sie sie niedermetzelten. Es war derselbe Herbst, in dem ich zur Gerichtsverhandlung gegangen bin, um Predrag „der Zar“ Bastah zu erleben. Einer der Serben aus Vlasenica – ich hatte ihm später 100 bosnische Mark dafür ausgehändigt – verriet mir, dass „der Zar“ sie mit Benzin übergossen und angezündet hat. Als ich ihn dann im Gerichtssaal sah, wo er sich für seine früheren Taten von 1992 verantworten sollte, war da nichts weiter als ein kümmerlicher Kerl.

Vermutlich hatte er sein ganzes Leben lang auf seine fünf Minuten gewartet, in denen er jemand sein könnte. 1992 hatte er sie bekommen. Dann aber gab es keine Muslime mehr zum Abschlachten, bis zum Ende von Srebrenica. Da fielen ihm meine Mutter und die anderen in die Hände. Sein Befehlshaber von damals arbeitet heute in Sarajewo, so sagte es mir ein anderer Serbe, dem ich 300 Mark dafür zusteckte.

Nun bereite ich mich darauf vor, meine Mutter und meinen Bruder an der Seite des Vaters zu bestatten. Vor vier Jahren, elf Jahre nach seiner Ermordung, hat man den Vater identifiziert. Kaum mehr als die Hälfte seiner Knochen, sagen sie, haben sie gefunden. Der Schädel war von hinten zerschmettert. Der Mediziner konnte mir nicht sagen, ob das nach seinem Tod geschah. Er wurde in einem Sekundärgrab gefunden, in Cancari. Es liegt in der Nähe von Zvornik, bei Kamenica. Dreizehn Massengräber gibt es in der Gegend, alles Tote, die kurz vor dem Abkommen von Dayton von den Tschetniks aus dem Primärgrab Pilica, der Branjevo-Farm, mit Bulldozern aus der Erde geschaufelt, mit Lastwagen fortgeschafft und in 40 Kilometern Entfernung aufs Neue verscharrt worden waren.

Es waren etwa 1500 Leichen, hieß es beim Tribunal. In der Aussage eines Täters las ich den Satz: „Ich konnte kaum noch abdrücken, mein Zeigefinger war taub geworden, so viele von denen habe ich erschossen. Stundenlang habe ich gefeuert.“ Jemand habe ihnen fünf Mark für jeden erschossenen Muslim versprochen. Er sagte auch, dass sie die Fahrer der Busse gezwungen haben, auszusteigen und ebenfalls ein paar Muslime zu töten, damit sie nachher niemals in Versuchung kämen, etwas davon zu erzählen.

Bemitleidenswerte Busfahrer. Bedauernswerter Drazen Erdemovic, der aussagt, er habe töten müssen, um nicht selber getötet zu werden. Alle waren sie gezwungen, und nur Mladic allein ist schuld, sagen sie, denn der hat alles befohlen. An dem Tag, an dem sie Mladic fassen, wird er als echter, serbischer Held sagen: „Ich übernehme die Verantwortung für alle Serben und das gesamte serbische Volk. Nur ich allein bin der Schuldige, urteilt über mich, und lasst die anderen alle in Ruhe.“ Dann sind wir, die Serben und wir übrigen, glücklich und zufrieden. Dann werfen wir die Kleider ab und überlassen uns der Liebe. All die Auswärtigen im Land haben hier dann nichts mehr zu tun.

Vergangenes Jahr haben sie Grabsteine für die Toten aufgestellt, schöne, weiße Grabsteine. Alle gleich, in Reihen. Neben dem Vater ließ man zwei Plätze leer. Er wartet jetzt seit drei Jahren darauf, dass sie meine Mutter und seinen Sohn Muhamed zu ihm legen.

Sie erzählten mir von Mutter. Neulich, als ich dabei war, für diesen 11. Juli 2010 ihre Beerdigung an der Seite des Vaters vorzubereiten, kam dann der Anruf. Man hat meinen Bruder anhand der DNS-Spuren identifiziert, aber nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Sie sagten: Komm nach Tuzla. Heute bin ich gefahren.

Im Frühling 1995 hatte ich meinem Bruder Tennisschuhe geschenkt, Marke Adidas. Ich hatte sie irgendeinem Auswärtigen abgekauft, der sie von einer Reise nach Belgrad nach Srebrenica mitgebracht hatte. Mein Bruder hat die Schuhe keine zwei Monate getragen, als all das passiert ist. Auch eine Levi 501 hatte ich für ihn gekauft, die hatte er an. Ich erinnere mich genau, welches T-Shirt er anhatte, welches Hemd.

Heute hat mir der Mediziner eine Fotografie gezeigt. Kleidungsstücke. Es gibt nicht sehr viel, sagte er, ziemlich wenig, aber die Turnschuhe. Als er das Foto vor mich auf den Tisch legte, erkannte ich die Schuhe. Bruders Adidas-Schuhe, als ob er sie gerade abgestreift hätte. Die Schnürsenkel sind nicht mal aufgebunden.

Der Doktor holt einen Plastiksack her, er schüttet all die Sachen aus, die sie bei seinen sterblichen Überresten gefunden haben. 15 Jahre lang habe ich auf den Bruder gewartet, jetzt halte ich seine Schuhe in Händen. Außerdem ist da noch sein Gürtel mit der metallenen Schnalle, und das, was von den Levis übrig ist. Auch seine Socken, alle beide.

Ich habe nach dem Etikett der Levis gesucht, als zusätzliche Bestätigung bei der Identifizierung meines Bruders. Ich nahm die Überreste der Jeans von meinem Bruder in die Hand. Nach 15 Jahren. Knöpfe aus Metall, Fetzen vom Taschenfutter. Alles, was aus Baumwolle war, war zerfallen. Nichts davon war noch da. Nur die synthetischen Fasern.

Ein kleines Etikett war geblieben, etwas verschmutzt, es hing mit Fäden an den Fetzen aus Stoff.

Ich las das Etikett der Levis. Da stand: „Made in Portugal“.

Den ganzen Tag über habe ich dieses „Made in Portugal“ vor Augen. Mein ganzes Leben lang wird mir das vor Augen sein, glaube ich. Ich werde alles hassen, was „Made in Portugal“ ist, so wie ich das Heineken-Bier verabscheue, das die holländischen UNO-Soldaten in sich hineingeschüttet haben, die auf der Basis Potocari stationiert waren, keine Stunde, nachdem sie die Muslime von dort verjagt hatten – direkt in die Hände der Serben. Vielleicht werde ich aber auch alles lieben, wo „Made in Portugal“ draufsteht, alles was mich bis an mein Lebensende an meinen ermordeten Bruder erinnert.

Damals kam dort ein holländischer Blauhelm auf mich zu, ein jüngerer Mann. Er bot mir ein Bier an und eine Marlboro. Ich habe den Kopf geschüttelt. Er hat die Achseln gezuckt und ist weitergegangen.

Seit 15 Jahren bete ich, wie all die anderen, zu Gott, dass, wenn wir einmal erfahren, wie all das geschehen ist, es so sein möge, dass sie nicht lange gelitten haben, dass sie nicht unter Torturen gestorben sind.

Sie sind jetzt schon 15 Jahre tot. In jenem Jahr sind neue Kinder auf die Welt gekommen, sie sind heute 15 Jahre alt. Für irgendjemanden ist der 11. Juli in diesem Jahr ein 15. Geburtstag. Nie und auf keine Weise werde ich jemals etwas tun, was die Zukunft dieser Kinder gefährden könnte. Ich werde nicht einmal an so etwas denken.

Gott gebe, dass das, was war, nie mehr irgendjemanden zustößt. Aber es gibt keine Amnestie, Freunde. Für die Schuldigen gibt es keine Amnestie.

Dauernd fragen mich die Journalisten, erst kürzlich wieder, welche Botschaft ich für die kommenden Generationen habe. Ich erzähle ihnen, wie ich mit dem Auto durch Ostbosnien nach Dayton gefahren bin, auf der Suche nach Spuren von den Verschwundenen, den Ermordeten. Ich wusste, dass in der Gegend von Konjevic Polje, Nova Kasaba und Glogova, dass auf allen Strecken in Richtung Srebrenica unter den Wiesen die Massengräber lagen. Als ich dort entlang gefahren bin, an einem Tag, an dem es ringsum grün und blühend aussah, hatte ich keinen Blick für all die Schönheit. Ich habe nur die Massengräber gesehen, die sich unter den Wiesen verbergen. Unter den Blumen lagen unsere Väter, Onkel, Brüder, unsere Söhne. Ihre Knochen. Ich fuhr an Ortschaften vorbei, in denen Serben leben, sah sie aus dem Autofenster und fragte mich: Wer von denen ist ein Mörder? Wer von denen ist ein Mörder?

Jahrelang ist es mir so gegangen. Jahrelang. Und dann, eines Tages, spielte da ein Mädchen, direkt am Saum einer Wiese, von der ich wusste, dass unter ihr ein Massengrab liegt. Das Mädchen war fünf, sechs Jahre alt. So wie meine Tochter. Ich wusste, dass hier nur serbische Häuser standen.

Das Mädchen lief über die Wiese. Und alles ging mir durch den Kopf, Schmerz, Trauer, Hass. Aber dann dachte ich: Das arme Mädchen – woran soll sie schuld sein? Sie hat keine Ahnung, was sich unter der Wiese befindet, unter den Blumen. Mir tat das Mädchen leid, das meiner Tochter so ähnlich sah. Sie könnten hier auf der Wiese zusammen spielen – dachte ich.

Ich wünsche mir, dass dieses Mädchen und meine Tochter nie das erleben werden, was wir erleben mussten. Niemals. Sie haben eine bessere Zukunft verdient. Das habe ich den Journalisten gesagt. Die zuletzt da waren, kamen aus Belgrad.

Ja, jetzt können die sterblichen Überreste meines Bruders für die Beerdigung am 11. Juli freigegeben werden, bestätigt mir Doktor Kešetovic. Es ist, als ob es mein Bruder geschafft hätte, sich im letzten Moment zu melden, um gemeinsam mit der Mutter neben den Vater gebettet zu werden, der in Potocari auf sie wartet.

Und so werden mein Vater, ermordet in Pilica, exhumiert in Kamenica, mein Bruder, ermordet in Pilica, exhumiert in Kamenica, meine Mutter, ermordet in Vlasenica, exhumiert unter einem Abfallhaufen an einem Bach, Seite an Seite in Potocari liegen.

Aus dem Bosnischen von Caroline Fetscher.

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