Matthies ringt um Worte : "Leaken" fühlt sich im Deutschen wohl

In seiner Sprachkolumne "Matthies ringt um Worte" zeigt sich Bernd Matthies zufrieden mit dem Ergebnis der Wahl zum "Anglizismus des Jahres".

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Bernd Matthies.
Bernd Matthies.Foto: Mike Wolff

Anglizismen sind für manche von uns wie große haarige Spinnen. Sie verbreiten Angst und Schrecken und werden deshalb von engagierten Sprachschützern gern mit dem Flammenschwert bekämpft - was ihrer weiteren Verbreitung aber keineswegs entgegensteht. Nützlicher wäre indessen, all diese Einbürgerungen in unsere Sprache einfach einmal auf ihren Nutzen zu untersuchen: Was passt, sich einfügt und die Sprache bereichert, darf bleiben. Das Unnütze verschwindet ohnehin, sobald es durchgenudelt ist, wie "Come in and find out" bei Douglas; hätte Kaiser Karl der Dünne ein Sprachschutzgesetz verhängt, würden wir heute immer noch mittelhochdeutsch reden.

Darüber müsste sich diskutieren lassen? Deshalb hat die Aktion "Anglizismus des Jahres", initiiert vom Hamburger Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, einen ganz neuen Aspekt in die Debatte gebracht. Und der nun von einer Jury und auch vom Publikum der Sprachlogs-Website ausgewählte Begriff, leaken, verbindet Aktualität und Prägnanz, und er passt, vom ungewohnten orthographischen Erscheinungsbild einmal abgesehen, problemlos in die deutsche Sprache. Und es ist inhaltlich neutral, denn wer es benutzt, der gibt damit noch kein Werturteil über den Vorgang an sich ab.

Leaken bedeutet: etwas bekannt machen trotz Bemühung um Geheimhaltung. Die Abstammung vom alten englischen "to leak" ist offensichtlich, aber der neue und durch den Anglizismus ausgedrückte Sinnzusammenhang enthält seit Wikileaks andere Nuancen als "durchlassen", "undicht sein", "lecken", nämlich die Absicht einer handelnden Person. Auch die alte metaphorische Bedeutung des Begriffs wie in "information leaks to the public" lässt noch offen, ob die betreffende Information versehentlich oder per Vorsatz nach außen gedrungen ist. Die Neubewertung des Begriffs ist tatsächlich ein Phänomen, der erst mit der Veröffentlichung des Militärvideos aus Bagdad im April 2010 einsetzte.

Kann das Wort in seiner neuen Bedeutung durch ein vorhandenes deutsches ersetzt werden? "Lecken" geht offensichtlich nicht. "Durchsickern" und "durchsickern lassen" legen den Fokus auf einen recht passiven Vorgang, bei dem allenfalls jemand etwas geschehen lässt, und der eher tropfenweise abläuft als mit dem gewaltigen Umfang der Wikileaks-Veröffentlichungen. "Verraten" pendelt breitspurig zwischen "Michelle verrät: Ich habe einen neuen Liebhaber" und dem kriminellen Verrat eines Geheimnisses, ist also im Zweifel viel negativer konnotiert als das neue Wort. Und auch das in der Beamtensprache verbreitete "Durchstechen" klingt viel zu sehr nach Korruption und Intrige, als dass es die von den meisten Menschen positiv beurteilte Veröffentlichung von Geheimdokumenten treffen könnte.

Und: "leaken" fühlt sich im Deutschen wohl. Das Partizip/Adjektiv geleakt ist schon da, die Vergangenheitsform funktioniert problemlos, und Aussprache und Verständlichkeit dürften wohl nur Menschen in Verlegenheit stürzen, die im letzten Jahr keine Nachrichten gehört haben; ihnen müsste der Vorgang aber auch mit kerndeutschen Vokabeln umständlich erklärt werden.

Eine gute Wahl also. Auf den Plätzen landeten die Facebook-Vokabel entfreunden/entfrienden (Jury) bzw. App (Publikum), den dritten Rang nahm bei beiden der "Whistleblower" ein, also gewissermaßen jene Person, die etwas leakt. Ähnliche Analyse: Durch "Verräter" ist das Wort nur dann zu ersetzen, wenn die negative Konnotation gewollt ist, was in den allermeisten Fällen nicht zutreffen dürfte. Und vor dem deutschen "Pfeifenbläser" schütze uns der Sprachgott…

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