„Maudie“ mit Sally Hawkins : Leben in Farbe

Das Biopic „Maudie“ erinnert an die kanadische Folk-Art-Malerin Maud Lewis. Sally Hawkins und Ethan Hawke glänzen in den Hauptrollen.

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Flucht vor der Realität. Die bemalte Holzhütte, in der Maudie (Sally Hawkins) lebte, befindet sich heute im Museum. Foto: NFP
Flucht vor der Realität. Die bemalte Holzhütte, in der Maudie (Sally Hawkins) lebte, befindet sich heute im Museum.Foto: NFP

Maudie liebt den Blick hinaus ins Freie. Vor dem Fenster, sagt die ins Malen verliebte Frau, spiele sich das ganze Leben ab. Einfach alles, was wert ist, in leuchtenden Farben und klaren Konturen festgehalten zu werden. In Aisling Walshs „Maudie“ , ihrer Hommage an die kanadische Folk-Art-Künstlerin Maud Lewis, sitzt die zerbrechliche Heldin einer schwierigen Liebesgeschichte oft allein am Fenster der klapprigen Holzhütte, die ihr Zuhause ist. Außer Himmel und windumtostem Gras gibt es hier, an einer Highway genannten Sandpiste auf der Halbinsel Nova Scotia, wenig zu sehen. Doch im Tageslicht, das durch den engen Fensterrahmen fällt, malt Maudie ihre Bäume, Vögel, Katzen, Hühner und Blumen, ganze Deko-Schlangen aus pastosen Blütengebilden.

Elektrisches Licht ist in der Hütte nicht vorhanden, Pinsel und Farben finden sich zufällig im Haushaltskram. Anfangs sind es die Wände und Schränkchen, die sie zur Verschönerung reizen. Eines Tages steht Maudie, die wegen einer körperlichen Behinderung unter der Kuratel ihrer bigotten Tante lebt, vor der Tür des wortkargen Fischers Everett Lewis, ein an Härte und Hierarchie gewöhnter Ex-Waisenhauszögling, der per Annonce eine Haushälterin sucht.

Das Putzen will zwar nicht recht funktionieren, das Kochen aber schon. Maudie soll eigentlich sofort wieder verschwinden, doch sie hat sich in den Kopf gesetzt, durch den Job bei Everett von ihren quälenden Verhältnissen fortzukommen. Ihr Bruder hat das Elternhaus verkauft, und irgendwann erfährt sie, dass er auch ihr angeblich totes Baby weggab, das sie als junges Mädchen zur Welt gebracht hatte. Niemand traut ihr etwas zu, doch man kann der lebensfrohen Sturheit dieser Frau unmöglich widerstehen.

Verzicht auf Sentimentalitäten

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1970 war Maud Lewis auf die skurrile Notgemeinschaft in der gerade mal elf Quadratmeter großen Hütte angewiesen. Schwer gezeichnet von ihrer Arthritis, konnte sie den Alltag nur mit der Hilfe ihres Mannes bewältigen, mit den Verkauf ihrer Bilder sorgte sie für den gemeinsamen Lebensunterhalt. Im Film wird Maudie von einer Besucherin aus New York „entdeckt“, die nicht nur Everetts Fische, sondern auch Maudies handgemalte Postkarten und Bilder erwirbt. Heute steht die originell bemalte Hütte als Blickfang in der National Gallery in Halifax auf Nova Scotia – und Sammler zahlen stolze Preise für Maud Lewis' Werke.

Das Biopic, das Aisling Walsh und ihre Drehbuchautorin Sherry White den beiden Querköpfen und ihrem Leben in der Abgeschiedenheit gewidmet haben, verzichtet auf Sentimentalitäten, es setzt stattdessen auf die feine Dosierung der psychologischen Mittel von Sally Hawkins und Ethan Hawke. Mögen die historischen Vorbilder noch dem Topos zweier ungelenker Outcasts entsprechen – Präsenz, Timing und Charisma des Schauspielerpaares machen die beiden Charaktere zum Leinwandereignis.

Ethan Hawke ist ein aufbrausender und Dominanz beanspruchender Hausherr, dessen gepanzerte Abwehr allmählich aufbricht. Sally Hawkins fügt der überlebenstüchtigen Heiterkeit ihrer Figur die Spuren permanenter Schmerzerfahrung hinzu, ohne dass Maske und Gestik ihr Gebrechen ausstellen und sie als Opfer erscheint. Nicht zuletzt bettet der Film den intimen Kampf des Paares um die gegenseitige Anerkennung in eine Landschaft monumentaler Ödnis, alltäglicher Arbeitsanforderungen und langer Wege ein, die überbordende Gefühlsausbrüche zu temperieren scheint. Schon das Bild, wenn Sally Hawkins über den langen Damm zwischen Fischgewässern auf Everetts Haus zugeht und dabei den Fuß nachzieht, sagt alles über ihr Innenleben.

Entwurf einer Gegenwelt

„Maudie“ gelingt die seltene Balance zwischen Nostalgie und nüchternem Realismus. Gedreht in Neufundland, wo ganze Landstriche noch wie in den fünfziger Jahren aussehen, inszeniert Walsh die kanadische Provinz des vergangenen Jahrhunderts mit viel Detailgenauigkeit. Ohne die kitschige Romantik beliebiger period pieces lässt sie wie zum Trotz eine kantige Poesie aus dem rauen Milieu unter verstockten Landleuten entstehen.

Was also sieht die Außenseiterin jenseits des Fensters? Ihre bunten Holztafeln stechen voller Strahlkraft aus den rauen Verhältnissen hervor. Maud Lewis malte Tagtraumbilder und Phantasien. Es ging ihr nicht darum, das Leben vor ihrer Haustür in schlichten Abbildern wiederzugeben. Sie gab ihren Bildern farbiges Leben, wie Henri Matisse es formulierte. Nicht einfach naiv war ihre Leidenschaft, sie verfasst vielmehr, erzählt Maudie im Film, eine Gegenwelt, die alles in ihrem eingeschränkten Alltag auf den Kopf stellt und ihren Mann eifersüchtig macht. Von der über dreißig Jahre währenden Ménage à trois zwischen Maud Lewis, ihrem Lebensgefährten und der Welt der Bilder erzählt Walshs Film mit viel Feingefühl.

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