Mauerstreifen : Denkzelle im Niemandsland

Der britische Künstler Simon Faithfull hat am Mauerstreifen ein mobiles Forschungslabor eingerichtet.

Jenny Becker
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Haubentaucher. Der Künstler und seine „Mobil Research Station 1“. Foto: Thilo Rückeis

Zwischen Gräsern und Bauzäunen auf einer Brachfläche des ehemaligen Mauerstreifens steht ein merkwürdiges Ding. Wie gelandet. Nicht von dieser Welt und doch merkwürdig vertraut. Die Mobile Research Station No. 1 des britischen Künstlers Simon Faithfull ist eine verrückte Kreuzung zwischen einer polierten Hi-tech Designerhülse und einem rostigen Bauschutt-Container. Sie könnte ebensogut auf dem Mond stehen, am Pol oder als U-Boot fungieren. Aber auch als Gartenlaube. In den Müllcontainer hat der Künstler während eines Monats aufreibender Arbeit eine futuristische Forschungsstation gebaut, im Rahmen des Projekts „Wunderland“ des Skulpturenparks. Auf dem Dach befinden sich eine Satellitenschüssel und ein Sonnenkollektor. Die Station soll einmal vollkommen autark funktionieren, als mobile „Denkzelle“ – so etwas wird schließlich überall gebraucht.

Der Innenraum ist in Anlehnung an Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ mit weißem Leder verkleidet. Es gibt eine Schlafnische, eine Tischplatte mit Laptop. Durch die Decke bohrt sich eine Art Hörrohr, auf dem Boden steht ein Teleskop bereit. Die eingearbeiteten Bullaugen lassen an das spektakulärste Projekt des Künstlers denken. Als einziger Bildender Künstler reiste er 2004/05 an Bord eines britischen Forschungsschiffes in die Antarktis und damit an einen der unwirtlichsten Orte der Welt. Dort fertigte er jeden Tag eine Skizze an und versandte sie per E-Mail an Privatpersonen und Galerien. Statt Gletscher und Eis erkundet der Wahlberliner jetzt ein Stück Niemandsland im Zentrum Berlins, steht in Jeans und braunen Chucks vor seiner Skulptur, einem kuriosen Vorposten der Zivilisation.

Der 42-Jährige mit kurz geschorenen roten Haaren und einem ruhigen Wesen wirkt gar nicht wie ein abgebrühter Abenteurer, erst recht nicht wie ein Exzentriker. Sympathisch und gelassen, geradezu mit englischer Höflichkeit, spricht er angetan, doch niemals überheblich von seinen Projekten. Dabei hätte er allen Grund mit seinem Erfolg zu prahlen. Einige der Zeichnungen, die er auf seiner Reise von Liverpool (England) nach Liverpool (Kanada) anfertigte, werden demnächst in den öffentlichen Raum des britischen Liverpools eingraviert. Skizzen für die Ewigkeit.

Vor der mobilen Forschungsstation spannt sich eine Leine mit Wimpeln, die golden und silbern im Licht glänzen. Sie sind ein Überbleibsel von einem der sechs „Forschungsprojekte“, die während der vergangenen Wochen hier stattgefunden haben. Simon Faithfull hat Künstler aus England, Schweden und den Niederlanden eingeladen, sich von der Brache inspirieren zu lassen und jeweils für einige Tage in der Station wie in einem Labor an eigenen Projekten zu arbeiten. Nick Crowe und Ian Rawlinson aus Manchester haben Rettungsdecken in die Umgebung einflochten. Das metallische Glänzen der Goldfolien wirkt im Kontrast zu der verwilderten Natur ziemlich außerirdisch.

Die geladenen Künstler betätigten sich auf dieser verwilderten Insel als ästhetische Wissenschaftler. Tim Knowles (London) experimentierte mit Luftströmen, Martin John Callanan (London) sammelte Wolkendaten und begab sich auf Mission entlang des Berliner Mauerwegs, Esther Polak (Amsterdam) trat als Joggerin gegen sich selbst an und visualisierte ihre Läufe durch den Kiez mit einem GPS-Gerät, Katie Paterson (London) arbeitete an der Entwicklung eines Nano-Sandkorns, das in der Wüste begraben werden soll, und Annika Lundgren (Göteborg) katalogisierte die Pflanzen der Parzelle, stellte die Einheimischen den Nicht-Einheimischen gegenüber. Am heutigen „Research Communications Day“ präsentieren die Künstler ihre Ergebnisse, dazu wird hausgemachte Astronautenkost gereicht.

Die Mobile Research Station No. 1 ist eine Parodie auf das Zeitalter der Wissenschaften und den Aufwand, der betrieben wird, um weit entfernte Landschaften zu erkunden. Nicht der Mond oder die Antarktis sind hier Objekt der Begierde, sondern die fremden Welten mitten unter uns. Simon Faithfull mag Kunst, die nicht sofort als solche erkennbar ist, die zwischen Ernst und Albernheit pendelt. Nicht umsonst gehört der Stummfilmkomiker Buster Keaton zu seinen Vorbildern. Schon öfter setzte sich der Konzeptkünstler mit Raum und Entfernung auseinander. Im letzten Jahr wanderte er, von einem GPS-Gerät geführt, entlang des Nullmeridians durch den Osten Englands, kletterte über Zäune, durchschritt Krankenhäuser, Küchen und Gewässer.

Seit vier Jahren lebt der gebürtige Londoner in Berlin. Im Vergleich zu seinem eng bebauten Heimatort liebt er an Berlin den Platz, den die Stadt bietet, auch ihm, der in einer schönen Wohnung in Kreuzberg untergekommen ist. Auf die Frage, was denn seine Vision für das Brachland sei, antwortet er: „Ich mag es so, wie es ist.“ Die unbetonierten, nicht vollständig kontrollierten Freiflächen seien „psychologisch wichtige Orte“, an denen verrückte Dinge stattfinden können. Die Mobile Research Station wird noch weitere fremdartige Orte dieser Welt ansteuern und Künstlern als Raumkapsel dienen. Danach kann sich jemand die verrückte Skulptur in den Garten stellen.

Research Communications Day, heute im Skulpturenpark, zwischen Seydelstraße und Beuthstraße, ab 20 Uhr.

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