Kultur : Maus unterm Pflaster

Wie politisch ist die Generation Facebook? Raul Zeliks Berlin-Roman „Der Eindringling“.

Moritz Scheper

Pressefreiheit in Korea, Guerillakrieg in Kolumbien, Autonomiebestrebungen radikaler Basken. Was wie eine Auflistung von Themen bei einer Auslandsredaktionskonferenz klingt, ist in etwa auch das Spektrum des Schriftstellers Raul Zelik in seinen bisherigen fünf Romanen. Diese außergewöhnliche, politisch engagierte Stoffwahl hat den im kolumbianischen Medellin lehrenden Professor für Politische Theorie zu einem Geheimtipp in der deutschsprachigen Literatur werden lassen. „Der Eindringling“, Raul Zeliks erster Roman im Suhrkamp Verlag, besteht dagegen aus weniger exotischem Stoff. Statt Farc und Eta hat der Roman die kraftraubende Wiederbelebung einer Vater-Sohn-Beziehung zum Gegenstand. Passend zum Thema sind zwar sämtliche Zutaten für ein saftiges Melodram gegeben, doch Raul Zelik bleibt bei seinen Leisten und schildert vorrangig einen langsamem Einbruch des Politischen ins Private.

Daniel, antriebsloser Student mit einer Persönlichkeit von der Stange, versucht nach seinem Studienbeginn an der Berliner Humboldt Universität das vor Jahren eingeschlafene Verhältnis zu seinem Vater Fil aufzuwärmen. Und der hat ein ganz bestimmtes Bild von ihm auch heute noch: „Stimmt, für Politik hast du dich nie interessiert, du stehst auf Facebook, Trendsportarten, setzt auf Sicheres, studierst auf Lehramt.“ Dass der Vater jedoch kurz nach der ersten Kontaktaufnahme auf die Intensivstation und von dort weiter ins künstliche Koma wandert, erschwert Daniels Spurensuche zur „unvermittelt abgebrochenen Ferienvaterschaft“ zusätzlich.

Ohne hier die ganze Handlung nacherzählen zu wollen: Natürlich gelingt es Daniel, Bruchstücke der Biografie seines Vaters zusammenzusetzen. Langsam verschwindet das Bild vom desinteressierten Loservater und wird ersetzt durch einen prinzipienfesten politischen Aktivisten. Antworten von Freunden, Freundinnen und Geliebten von Fil werfen daher plötzlich vor allem Fragen zum eigenen Lebensmodell beim jungen Lehramtsstudenten auf, erodieren behutsam das Selbstverständnis seiner säuberlich eingehegten Bausparerexistenz.

Wie langweilig eine solche Lebensführung sein muss, darf man als Leser beim Hindurcharbeiten einer zäh fließenden, hundert Seiten langen Exposition erleben. Es lohnt sich allerdings dranzubleiben, denn durch den Auftritt dreier gänzlich unterschiedlicher Frauenfiguren gewinnt Zeliks Roman dramatisch an Tempo. Wobei Daniels Entwicklung dankenswerterweise plausibel bleibt, er also weder den bewaffneten Kampf noch den utopischen Strand unterm Pflaster sucht.

Für ihn überlagern sich vielmehr die Suche nach dem Vater und die Suche nach sich selbst. Er fragt sich, wer hier jetzt eigentlich der Eindringling ist: Er, der das Leben des Vaters erforscht? Oder der Vater, den es in seinem Leben kaum gab, der aber doch so fest in ihm drin ist? „Kinder: das Fremde, das ins Eigene eindringt, um es fortzuführen. Sind Eltern im Gegenzug nicht zwangsläufig immer das Eigene im Fremden?"

Auch wenn in diesem Roman viel vom politischen Aktivismus der achtziger Jahre im Vorwende-Berlin drinsteckt und auch viel vom Berlin der Gegenwart: „Der Eindringling“ ist eines von Zeliks schwächeren Büchern. Zu mühselig ist vor allem der Anfang, nicht zu vergleichen mit der konspirationsgeladenen Stimmung von „La Negra“ oder dem Einblick in den Eta-Konflikt in „Der bewaffnete Freund“. Vielleicht bewegt sich Raul Zelik freier in den Realitäten politischer Konflikträume wie Kolumbien oder dem Baskenland. Das Lebensmodell der Generation Facebook hingegen verkommt unter seiner Hand zum Klischee, statt wie intendiert zur Farce. Moritz Scheper

Raul Zelik:

Der Eindringling.

Roman. Edition Suhrkamp, Berlin 2012.

291 Seiten, 14€

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