Maïwenns Film „Mein Ein, mein Alles“ : Die verführte Frau

Liebe ist tückisch: Maïwenns umstrittenes Drama „Mein Ein, mein Alles“.

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Schöner Traum. Die Ehe von Tony (Émmanuelle Bercot als Braut) und Giorgio (Vincent Cassel, links von ihr) geht schief.
Schöner Traum. Die Ehe von Tony (Émmanuelle Bercot als Braut) und Giorgio (Vincent Cassel, links von ihr) geht schief.Foto: Studiocanal

Ein kaputtes Knie, das trotz Intensivbehandlung den Dienst versagt, könne auch auf tief verborgene Seelennöte hinweisen. Tony (Émmanuelle Bercot), eine Pariser Anwältin, die nach einem hochriskanten Sturz auf der Skipiste in der Klinik gelandet ist, fasst den Appell einer Ärztin zunächst als Zumutung auf. Doch dann entfaltet die in episodischen Rückblenden erinnerte Geschichte ihrer Liebeskrankheit schmerzliche, aber letztlich reinigende Wirkung.

Das große Drama einer Amour fou, ein in tausend Varianten zerzaustes Genre-Sujet, wird in „Mein Ein, mein Alles“, einem Film der französischen Regisseurin Maïwenn, mit dem zeitgenössischen Vertrauen in die purgatorische Kraft guter Therapie versöhnt. Tony hat bessere Chancen als die typischen Divenopfer der Oper, auch wenn das Auf und Ab ihrer Passion für Giorgio (Vincent Cassel) alle Register eines hitzigen Psychodramas zieht.

„Mein Ein, mein Alles“ wurde in Frankreich heftig kritisiert. Und das, obwohl Émmanuelle Bercot für ihre Rolle eine Palme als beste Darstellerin beim Filmfestival in Cannes gewann, zudem selbst mit ihrem eigenen Film „La Tête haute“ im Wettbewerb vertreten war und so mit Maïwenn den sonst gegen null tendierenden Anteil von Regisseurinnen in Cannes 2015 statistisch anheben konnte.

In Frankreich provozierte die von Emmanuelle Bercot gespielte Heldin

Eine Frauenfigur, die einen flattrigen Egomanen hochjazzt („Mon roi“ lautet der Originaltitel), das Leben an seiner Seite jedoch bald nur noch mit Pillen erträgt, das provozierte in Frankreich die gängigen Vorstellungen von weiblicher Stärke. Tatsächlich feiert der Film die Emanzipationsgeschichte seiner angeschlagenen Heldin. Die Frau in der Midlife-Krise öffnet sich, lernt, mit den jungen Mitpatienten zu albern und ihre Freundschaft zu genießen. Die dämonische Obsession fällt von ihr ab. Sie ist es, die den maskulinen Giorgio in einem Club auf sich aufmerksam macht. Drehbuch und Inszenierung der Regisseurin stellen ihre Souveränität brüchig dar. So wirft Giorgio der Flirtpartnerin auftrumpfend die Schlüssel zu seiner Wohnung entgegen, während Tony wie ein pubertierendes Mädchen reagiert und immun bleibt gegenüber den wunderbar trockenen Bemerkungen ihres Bruders Solal (Louis Garrel), der den Blender durchschaut.

Maïwenn ist ein Multitalent, sie dreht überraschende Filme

Tony ist Anwältin, die im Verlauf des Dramas voller Skrupel ihren ersten Fall in einem Vergewaltigungsprozess übernimmt. Woher ihr mangelndes Zutrauen auch in die eigene sexuelle Anziehungskraft kommt und wie ihr gefühltes Manko mit der Rationalität ihres Berufs kollidiert, bleibt im situativen Realismus der Regisseurin ausgeblendet, ebenso wenig erfährt man, wer dieser Giorgio eigentlich ist. Der Mann, der Restaurants besitzt und sich als Gourmet-Star inszeniert, nutzt die Küche lieber für eine Sexnummer denn als Arbeitsplatz.

Schwanger und frisch verheiratet, wird Tony von der Pfändung des Haushalts überrascht – da ist nur schwer nachzuvollziehen, dass der Juristin die Steuerschulden ihres Mannes und ihre persönliche Haftung unbekannt waren. Doch der Traum vom glücklichen Familienleben zerplatzt erst dann dramatisch, als Giorgios fortdauernde Beziehung zu seiner Ex-Freundin ans Tageslicht kommt.

Schöner Traum. Die Ehe von Tony (Émmanuelle Bercot) und Giorgio (Vincent Cassel) erweist sich schnell als Desaster.
Schöner Traum. Die Ehe von Tony (Émmanuelle Bercot) und Giorgio (Vincent Cassel) erweist sich schnell als Desaster.Foto: Studiocanal

Maïwenn, die wie ihre Hauptdarstellerin Bercot als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin arbeitet, legte schon in „Poliezei“ von 2011, einem realistischen Alltagsporträt der Polizei, ein überraschendes, von den Krimiserien-Klischees abweichendes Grundvertrauen in den sozialen Körper einer Institution an den Tag. In „Mein Ein, mein Alles“ fungieren die sonnenbeschienene Klinik am Atlantik, das Personal und vor allem das Patientenvölkchen als Biotop, wenn nicht gar als utopischer Ort. Gegen den „Terror der Intimität“ bietet ihr Film die Vision von schichten- und ethnien-übergreifender Freundschaft – eine Spur nahe am Kitsch, aber doch verführerisch. Zurück in Paris, folgt die Kamera Tonys verwundertem Blick, als die bemerkt, dass sie heikle Situationen doch aushalten kann.

Ab Donnerstag in 11 Berliner Kinos. OmU: Passage, Cinema Paris, Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei

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