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Max Goldt : Verteidigung der Cordbettwäsche

27.11.2012 14:38 Uhrvon
Meister der Gedankenfluchten. Der Schriftsteller Max Goldt, 54.Bild vergrößern
Meister der Gedankenfluchten. Der Schriftsteller Max Goldt, 54. - Foto: Billy&Hells, Rowohlt

Der Ober-Ironiker Max Goldt ziseliert seine Prosa bis ins letzte Detail. In einem Kunstdruck hat er die richtige Typografie dafür gefunden - im Handsatzdruck.

Wer sich mit Max Goldt trifft, dem großen Essayisten, Sprachforscher und Schriftsteller, darf nicht auf lustige Aperçus hoffen, wie sie in seinen beiden Neuerscheinungen stehen. Zum Beispiel „Frühstücken sollst du wie ein Ferkel, Mittag essen wie eine Brieftaube und zu Abend essen wie eine Moorleiche.“ Oder: „Ich musste einst lebende Ratten in Kopfkissenbezüge einnähen. Heute lebe ich unter falschem Namen in einem fremden Land.“ Das nicht. Aber wir sitzen ja auch nicht im Fernsehen auf irgendeiner Couch, sondern an einem Tisch, wie es sich um die Mittagszeit gehört, und dieses „wie es sich gehört“ ist natürlich von Anfang an viel wichtiger als alle Lustigkeit.

Max Goldt also lacht nicht und trägt ein großkariertes Jackett, worin er auf eine charmante Weise sehr gestrig und sehr gepflegt aussieht, und außerdem sagt er gleich anfangs, dass Journalisten in ihren Porträts oft mit der Kleidung anfangen. Gern, so wollen wir es tun, Herr Goldt.

Man könnte auch mit den Lebensdaten beginnen. Goldt wurde 1958 in Göttingen geboren und lebt seit 1977 in Berlin. Er war Sänger und Textdichter des Duos „Foyer des Arts“ und wurde Ende der 1980er Jahre Autor der „Titanic“. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher, Kleist-Preisträger auf Vorschlag von Daniel Kehlmann, Teil des Comic-Duos „Katz und Goldt“ und natürlich Lesungsreisender.

Strenge und Meisterschaft

Oder heißt es „Lesereisender“? Schwierige Frage, wahrscheinlich ein Fall für Goldt selbst. Denn nicht nur als vollendeter Rezitator seiner eigenen Werke ist er bekannt geworden. Goldt schreibt „nicht gern Sachen, die sich nicht gut sprechen lassen“. Mehr noch hat ihn eine heitere Strenge berühmt gemacht, die sich zunächst in sprachlicher Meisterschaft vermittelt. Kaum hat man es etwa gewagt, „Inspiration“ mit „Idee“ gleichzusetzen, da erhebt sich bereits der freundlich hinweisende Zeigefinger, und eben haben Obama und Clinton in Goldts neuem Buch „Die Chefin verzichtet“ die Telefonhörer aufgelegt, da notiert der Autor, dass Obamas Sprecher gesagt habe, das Gespräch sei geradezu „fantastisch“ verlaufen, während Clinton „von einem großartigen Gespräch“ gesprochen habe. Goldt selbst spricht übrigens mit einem wunderbar sonoren Bass.

Handgesetzt. Goldts jüngster, mit Miniaturen bestückter Band entstand in der Berliner Druckerwerkstatt von Martin Z. Schröder.Bild vergrößern
Handgesetzt. Goldts jüngster, mit Miniaturen bestückter Band entstand in der Berliner Druckerwerkstatt von Martin Z. Schröder. - Foto: druckerery.de

Doch zurück, Meister der „trügerischen Gedankenfluchten“ (Kehlmann), zurück zum Thema! Auch in der Gestaltung längerer Formate ist Goldt nämlich unnachgiebig, ein Überarbeiter ohnegleichen. In jeder einzelnen Fertigungsstufe verändert er seine Texte – den Entwurf nach handschriftlicher Notiz, den Magazintext, das gebundene Buch, das Taschenbuch, die Version zum Vorlesen. Rowohlt-Verlagschef Alexander Fest selbst ist es, der ihm als Lektor zur Seite steht. Manchmal entstehen auf diese Weise große Aufsatzlebewesen wie die feine, ambivalente Loriot-Hommage „Touristische Perspektiven für Münster“ oder der überaus gepflegte Text „Ich hatte – verzeihen Sie! – nie darum gebeten, im Schatten einer Stinkmorchel Mandoline spielen zu dürfen“. Andere Beiträge sind kürzer, so das Impromptu über „Die Elfjährige, die in der Achterbahn ein Kind ohne Knochen gebar“, wieder andere bestehen in aufgereihten Notizen, und an deren „Ende steht ein schwacher Haufen Poesie. / Ein Haufen? Echt? / Ein Haufen!“ Verspürt Max Goldt beim Schreiben einen Zwang zur Formung, schlägt er seine Bögen bewusst? „Nur, wenn es sich natürlich ergibt.“

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