Max-Ophüls-Filmfestival : Ein Drama voll Wut und Zerstörung

Die zentralen Themen des Max-Ophüls-Filmfestivals waren Schuld und Vergebung. Den Hauptpreis gewann das Schweizer Jugenddrama „Chrieg“.

von
Eine Hütte in den Bergen. Regisseur Simon Jaquemet porträtiert in seinem Debütfilm „Chrieg“ eine aggressive Jugendgang.
Eine Hütte in den Bergen. Regisseur Simon Jaquemet porträtiert in seinem Debütfilm „Chrieg“ eine aggressive Jugendgang.Foto: Filmfestival

Maskiert und mit Baseballschlägern in der Hand schleichen sich die Jugendlichen auf das Anwesen. Ali (Ella Rumpf) kennt den Weg und weiß, wo der Schlüssel versteckt ist. Schließlich ist es das Haus ihrer Eltern. Die Playstation und die Schnapsflaschen werden in Sicherheit gebracht – und dann geht es los: Die teuren Gemälde an der Wand werden zerschnitten, das Aquarium zertrümmert und das ganze Mobiliar innerhalb weniger Minuten kurz und klein geschlagen. In dem Film „Chrieg“ des Schweizer Filmemachers Simon Jaquemet zieht die Jugend in den Krieg gegen die Erwachsenenwelt. Dies ist kein harmloser Generationskonflikt, sondern ein zielloser Rausch der Wut, der sich hier gewaltsam Luft verschafft. Und die Insignien der selbstzufriedenen Wohlstandsgesellschaft mit dem Baseballschläger zerschmettert.

Das Jugenddrama erhielt am Samstag beim 36. Max-Ophüls-Filmfestival den mit 36 000 Euro dotierten Hauptpreis. Das Festival in Saarbrücken gilt als wichtigstes Forum für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm – und das Schweizer Kino, das hier in den letzten Jahren eher ein Mauerblümchen-Dasein führte, triumphierte auf ganzer Linie. Der zweitwichtigste „Preis des saarländischen Ministerpräsidenten“ (11 000 Euro) und der Drehbuchpreis (13 000 Euro) gingen ebenfalls an eine Schweizer Produktion.

Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung

Der Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung ist das zentrale Thema vieler Festivalbeiträge: „Driften“ von Karim Patwa erzählt von einem jugendlichen Raser, der ein Kind überfahren hat und nach der Haft die Nähe zur Mutter des Opfers sucht. In „Cure – Das Leben einer Anderen“ von Andrea Štaka, ebenfalls aus der Schweiz (Preis für den gesellschaftlich relevanten Film, 5000 Euro), schlüpft die 14-jährige Linda (Sylvie Marinkovic) in die Rolle ihrer verstorbenen Schulfreundin, die sie im Streit von den Klippen gestoßen hat.

In dem hervorragenden Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ untersucht der deutsche Filmemacher Hubertus Siegert (Dokumentarfilmpreis, 5000 Euro), wie Täter und Opfer von Gewaltverbrechen in den USA, Norwegen und Deutschland versuchen, miteinander in Dialog zu treten. Und in „Verfehlung“ durchleuchtet Gerd Schneider die Verleugnungsstrategien der katholischen Kirche gegenüber dem sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen. Gemeinsam ist diesen Filmen, dass sie ihre Themen nicht nur äußerst differenziert angehen, sondern sich auch kompromisslos der emotionalen Komplexität stellen. Hier werden große Gefühle mit einer Tiefe behandelt, die im deutschen Kino gewiss keine Selbstverständlichkeit ist.

Optisch überwog der Wille zu großem Kino

Wie Angst die Seele eines Menschen vergiften kann, zeigt die Österreicherin Andrina Mracnikar in „Ma Folie“. Die fabelhafte Alice Dwyer spielt eine junge Kindertherapeutin, die sich nach einer Phase großer Verliebtheit von ihrem krankhaft eifersüchtigen Freund trennt und von ihm mit verstörenden Videobotschaften belästigt wird. Mracnikar findet intensive, atmosphärische Bilder für die Macht latenter Gewaltbedrohung und überzeugt vor allem mit einer klug durchdachten visuellen Konzeption. Die Zeiten, in denen junge Filmemacher ihre Geschichten in braven Fernsehbildern erzählten, scheinen zu Ende zu gehen.

Optisch überwog im Wettbewerb der Wille zu großem Kino und technischer Perfektion. Marc Brummund arbeitet in „Freistatt“ (Publikumspreis, 3000 Euro) vor dem Hintergrund erlesener Moorlandschaften im Westernformat die düstere Geschichte einer Jugendfürsorgeeinrichtung auf, und Jochen Alexander Freydank inszeniert Kafkas Erzählung „Der Bau“ in den morbiden Kulissen zerfallender Industriearchitektur.

Doch zu jedem Trend wird die Gegenbewegung gleich mitgeliefert. Vollkommen befreit von den planerischen Zwängen durchdiskutierter Drehbücher hat sich die Hamburger Regisseurin Lilli Thalgott in „Ein Endspiel“. Ein Film über eine Paarbeziehung in der Midlife-Crisis. Angelegt sind hier nur die Grundzüge der Charaktere, den Rest haben die sechs Darsteller vor laufenden Kameras improvisiert. Herausgekommen ist einer der lebendigsten Filme des Festivals.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben