Maxim Biller und sein Roman "Biografie" : Besser nicht gemocht werden

"Biografie" wurde von der Literaturkritik verrissen - doch wenn ihn jetzt alle lieben und loben würden, hätte Maxim Biller etwas falsch gemacht.

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Maxim Biller
Maxim BillerFoto: Frank Pusch/picture-alliance/ dpa

Sie kann gar nicht übersehen werden, diese große Anzeige auf der Feuilleton-Aufschlagseite der aktuellen „Zeit“. Maxim Billers jüngst erschienener Roman „Biografie“ wird darauf beworben, mit Bild des Autors und selbstverständlich vielen Lobpreisungen. „Was für ein Buch“, staunt Elfriede Jelinek. „Unglaublich klug“ findet es der israelische Autor Etgar Keret. Und Daniel Kehlmann schwärmt vom „großen deutschen, jüdischen Roman.“ So gehört sich das auf einer Anzeige.

Auffallend jedoch ist, dass die Hymnen genau dieser drei Autoren auch auf dem Cover-Rücken des knapp 900 Seiten fassenden Biller-Romans stehen. Die Anzeige enthält, wie sonst üblich, kein nur ansatzweise werbendes Sätzlein aus den schon zahlreichen aktuellen Rezensionen einschlägiger Zeitungsfeuilletons oder Radiosender. Was einen einfachen Grund hat: Es gab fast nur Verrisse. Selbst in der „Zeit“ findet sich ein paar Seiten später eine große Besprechung, deren Anmoderation allerdings zeigt, wohin die Rezensionsreise geht: Der Ehrgeiz Billers und seines Romans sei „bestechend, das Ziel erreicht er leider nicht.“

Biller nervt, will nerven - und jetzt hat er seine Packung bekommen

Im Einzelnen mag ein Großteil der „Biografie“-Verrisse stimmig und richtig argumentiert und nachvollziehbar sein – in ihrer Geballtheit haben sie den Charakter einer Abrechnung. Warum? Weil Maxim Biller die große, provokative Reizfigur der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist, seit inzwischen drei langen Jahrzehnten, angefangen von der „Tempo“-Kolumne „100 Zeilen Hass“ in den achtziger Jahren über seine ständigen, ungefähr alle fünf Jahre wiederkehrenden Gegenwartsliteratur-Beschimpfungen („Schlappschwanzliteratur“ etc.) bis hin zu Billers neuer Rolle als bösbubiger Fernsehliteraturkritiker im neu aufgelegten Literarischen Quartett.

Biller nervt, will nerven – und jetzt bekommt er dafür seine Packung. Und klar, es ist leicht, einem Autor, der dauernd die Schlappheit oder Relevanz- und Mutlosigkeit der jeweils aktuellen Literatur beklagt, nachzuweisen, wie leer seine eigenen Kraftmeiereien drehen, wie öde der in „Biografie“ praktizierte Dauersex ist, die pornografischen Endlosschleifen im Zusammenhang mit dem Holocaust und im Leben seiner Überlebenden und vor allem deren Nachkommen.

"Biografie" ist eine große Wundertüte, wahnsinnig und wahnsinnig lustig

Und doch wundert man sich. Denn „Biografie“ hat etwas von einer riesigen Wundertüte. Der Roman ist so nervig, wie Maxim Biller nervig sein kann – er macht passagenweise aber viel Spaß. Er ist wahnsinnig und wahnsinnig lustig und spekulativ ausufernd zugleich. Und selbst wenn Biller kein Philip Roth und kein Saul Bellow ist, denen er erklärtermaßen nacheifert, weiß man doch noch gut, wie redundant man gerade die Sex-Fantasien eines Portnoy oder eines Zuckerman mitunter fand. Oder was für Längen es in den großen Bellow-Romanen gibt, wie anstrengend es mitunter war, sich durch die mäandernden Bewusstseinsströme seiner Hauptfiguren zu kämpfen.

Man muss nun nicht unterstellen, dass die Biller-Abrechnungen mit dem Überdruss am Holocaust zu tun haben (das wäre mal was Neues!), wie es der Biller-Freund und notorische Literaturkritikkritiker Georg Diez in seiner Biller-Verteidigung auf „Spiegel-Online“ getan hat. Das führt sehr auf Abwege, und noch mehr „der Aufstand gegen die Moderne“, den Diez in dem Biller-Bashing ausgemacht hat. Es ist schlichter: Wenn man denn einmal jemand so richtig verreißen kann, ganz ohne „Ja, aber“ und „Nein, doch“, dann halt Biller. Wir haben leider nur einen Maxim Biller – ein Joyce oder Freud ist er trotzdem nicht gleich. Mehr ein Mann des Pop, der Popkultur, der mit „Biografie“ seinen Anfängen treu bleibt, was, nun ja, nicht der allerletzte Schrei ist.

Die konsequente Ablehnung dürfte eine Bestätigung für ihn sein

Was Biller egal sein müsste: Er hat der Welt im Allgemeinen und der Kritik im Besonderen seinen „Biografie“-Brocken hingeworfen, auf dass beide sich doch bitte schön gepiesackt und überfordert fühlen. Die konsequente Ablehnung dürfte ihn nur bestätigen, nicht zuletzt in ihrer jeweiligen Größe (überall Aufmacher, wow!) und Superpünktlichkeit. Welchem großen Schriftsteller wird solche Ehre schon zuteil? Wenn ihn plötzlich alle lieben und loben würden, hätte Maxim Biller wirklich etwas falsch gemacht.

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