Kultur : Meine Lieder sollen kratzen

Politische Liedermacher sterben aus? Stimmt nicht. Der Klampf geht weiter – mit Dota Kehr

Kolja Reichert

Diese Musik kann Eltern den Glauben an die Jugend zurückgeben. Dota, die Kleingeldprinzessin, 27, aus Berlin, spielt „deutschen Bossa Nova“ und singt über globale Ausbeutung und die Durchfunktionalisierung des Alltags. Gilt ihre Generation nicht als unengagiert und unpolitisch? „Ich finde nicht, dass sie das ist“, sagt die Frau, die eigentlich Dota Kehr heißt. „Bei den Leuten, die ich kenne, ist Politik Thema.“ Klar, den Liedermacher mit dem Zeigefinger gibt es nicht mehr. So leicht wie in den Siebzigern lässt sich das moralische Gewissen nicht mehr berühren. „Vor dreißig Jahren“, glaubt die Sängerin, „muss es einen Punkt gegeben haben, als alles ganz einfach war.“

Heute ist es nicht mehr so leicht, Stellung zu beziehen, wo man als Konsument doch fast ständig zum Unterstützer unwürdiger Produktionsbedingungen wird. An jedem Turnschuh scheint Kinderschweiß zu kleben, an jedem Apfel Kerosin, und warum sieht Obst wie Plastik aus? „Nachts durch die Stadt macht mir keine Angst“, singt Dota in „Menschenklone“, „und die Zukunft macht mir manchmal Angst.“ Furcheinflößender sind die Gentomaten in ihrer Küche, „genormt in der Form und neutral im Geschmack/ Zugeschnitten auf’s Maul/ Glatter Lack aber innen drin faul“.

Dotas Systemkritik kommt an, weil ihre Lieder nicht bloß politisch sind, sondern immer persönlich. Sie erzählen vom Lebensgefühl einer jungen Erwachsenen, die unbequem genug ist, Missstände beim Namen zu nennen, auch wenn sie selbst mal den Billigflieger nach Spanien nimmt. „Ich mache die Zerrissenheit derer zum Thema, die wissen, dass sie selbst mit schuld sind am Elend in der Welt.“

Das Elend hat die Medizinstudentin hautnah erlebt, als sie in brasilianischen Favelas eine Arbeit über Hautparasiten schrieb. „Man merkt dort sehr schnell, wo man nicht hingehört.“ Und welcher Überfluss in den reichen Industriestaaten herrscht, beschrieben im Stück „Fluch des Schlaraffenlands“: „Ab gewissen Summen kann man sich alles leisten/ Selbst ein reines Gewissen, und das können die meisten/ Es kommt nur darauf an, dass das Schlaraffenland dicht bleibt, also Schotten dicht.“

Inzwischen will Dota nicht mehr als Ärztin Entwicklungshilfe leisten, sondern mit ihrer Musik „die Konsumenten auf der Nordhalbkugel erreichen“. Mit ihrer Band Die Stadtpiraten tourt sie durch ganz Deutschland, am Freitag erscheint ihr fünftes Album „Immer nur Rosinen“. In ihren Liedern geht es nicht nur um Politik. Noch während ihres Brasilien-Aufenthalts hat sie mit einem Bossa-Nova-Komponisten die CD „Mittelinselurlaub“ aufgenommen, deren Titelstück Ferienstimmung auf dem Moritzplatz einfängt. „Himmelrechtecke zwischen Häuserfronten, Dächerlabyrinth/ Und wir sind/ Piraten im Asphaltmeer.“

Die Stadt als Abenteuerspielplatz, auf dem hinter jeder Ecke neue Geschichten lauern. Der naive Blick eines Kindes, das schon vom Altwerden träumt („Komm schon, kletter mir nach, Pirat!/ Lächel wie ein Kind/ Genauso wollt’ ich lieben wenn ich alt wär“). Jugendliche Unbefangenheit und erwachsene Nachdenklichkeit stehen bei Dota nicht im Widerspruch. Auf ihren Konzerten fühlen sich Schülerinnen genauso wohl wie Eltern. Dota freut sich auch, wenn nur Leute über 40 kommen, wie einmal in einem Bremer Kleinkunsttheater: „Schön zu sehen, dass sich bei uns niemand unwohl fühlt.“

Kein Wunder, bei einer Musikerin, die neben Bossa Nova und deutschem Punk die Schlagersängerin Alexandra zu ihren Einflüssen zählt. Die Stadtpiraten spielen keine Protestmusik, und nichts liegt Dota ferner als Show-Attitüden. Noch immer wird sie bei Ansagen schnell verlegen, sie ist das Mädchen mit der Gitarre, keine Entertainerin. Manche hätten sie gerne anders. Wütender, kritischer. Oft spielt sie mit den Stadtpiraten für linke Projekte. Als sie im letzten Jahr im Hamburger Schanzenpark auftrat, warfen ihr Anhänger der autonomen Szene vor, die Privatisierung des Kulturzentrums zu unterstützen, das einem Hotelneubau weichen muss. Als die Sängerin sich weigerte, auf der Bühne gegen die Veranstalter Stellung zu beziehen, störten Protestler das Konzert. Im Internet wurde sie als „Schmiergeldprinzessin“ angefeindet, Konzerte in autonomen Zentren standen plötzlich auf der Kippe. Dota bekam zu spüren, wie schnell man vereinnahmt und verurteilt werden kann, sobald man in der Öffentlichkeit steht.

Dota Kehr begann ihre Karriere mit 14 Jahren, als sie auf Jahrmärkten Saxophon spielte. Die Tochter von 68er-Eltern hat mit Straßenmusik angefangen, daher rührt der Name Kleingeldprinzessin. Erst mit 21 lernte sie Gitarre zu spielen. „Es ist nie zu spät“, sagt sie. Als sie vor vier Jahren ihre Lieder ihrer jetzigen Band vorspielte, allesamt professionelle Jazz-Musiker, fühlte sie sich noch als Amateurin und war entsprechend aufgeregt. Ohne Grund – die vier treten trotzdem gemeinsam auf, seit zwei Jahren auch außerhalb Berlins. Im Monat bringen sie es auf acht Konzerte, in einigen Städten haben sie schon feste Fankreise, wie in Köln und Hamburg. Ihre CDs vertreibt Dota selbst, bisher hat sie noch kein Vertragsangebot bekommen, das sich gelohnt hätte. Nach ihren Auftritten werden immer einige Exemplare gekauft und täglich gehen neue Bestellungen über die Website ein.

Im Frühjahr hat Dota ihren Eltern mitgeteilt, dass sie die Unterhaltszahlungen einstellen können. Sie kann von ihrer Musik leben, wenn sie sich dafür auch mit einem kleinen Zimmer in einer Zweier- WG begnügen muss. Ohne studentische Vergünstigungen wäre es auch schwierig: „Das ist ein toller Luxus.“ Mit ihrem Studium hat sie es nicht eilig, jetzt, da es mit der Musik so gut läuft. Sie lächelt zufrieden, als sie sagt: „Ich habe mir erlaubt, darauf zu pfeifen, dass mein Lebenslauf nicht optimal aussieht.“

Die CD „Immer nur Rosinen“ ist über www.kleingeldprinzessin.de sowie in den Läden „Silver Disc“ (Wrangelstr. 84, Kreuzberg) und „Station B“ (Kastanienallee 94, Prenzlauer Berg) erhältlich. Das Record-Release-Konzert findet am Freitag im Tempodrom statt, 21 Uhr.

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