Kultur : Meine Mundhöhle ist ein Kunstraum

Der einsame Weg des Beat-Poeten: Jörg Janzer war Chefarzt, bevor er hinschmiss und Schriftsteller wurde

Falko Hennig

„Mein Fall“, sagt der grauhaarige Mann, „ist der Mega-Mega-Gau der deutschen Psychiatrie.“ Er sagt es als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, den einige seiner Kollegen selbst für verrückt halten. Aber vielleicht ist Jörg Janzer auch nur der letzte deutsche Beat-Poet. Der Schriftsteller ist Mitte sechzig, ein brillanter Stilist und, ungerecht genug, dem Publikum weitgehend unbekannt.

Dabei wurde sein Buch „Fleischesfleisch“ einmal sogar von der „Zeit“ empfohlen. Janzer beschreibt darin sein Leben, die Odyssee eines Wanderers und großstädtischen Einsiedlers in Paris. Es ist dieses Buch, wie im Rausch der Genauigkeit hingeschrieben, zwischen Tagebuch und lyrischem Ich pendelnd, von seinem Autor eigenhändig gebunden und haltbarer als jedes Taschenbuch, dessen wegen man Janzer den Titel des letzten deutschen Beatniks verleihen darf.

Die Vorbilder sind unverkennbar. Janzer, der heute in einer Hochparterre- Wohnung am Zionskirchplatz lebt, schätzt Allen Ginsberg und Jack Kerouac für ihren einsamen Aufbruch. Mitte der Sechziger eifert er ihnen nach, sitzt vielleicht sogar in Damaskus oder Kathmandu am selben Tisch. Eine leise Verachtung für die Massenfluchten der Hippie- Bewegung schwingt in seinen Erinnerungen mit. Auch das Interesse der Beats an Existenzialismus und die Kriegserfahrungen teilt er. Noch mehr aber ist der französische Theatertheoretiker, Drogensüchtige und Schauspieler Antonin Artaud Janzers Held. Die exzessive Sprache dieses Leidensmenschen und Erfinders eines „Theaters der Grausamkeit“ sowie seine Unbeugsamkeit machen ihn für Janzer zu einem modernen Christus. Er überspitzt es: „Alles Geschriebene ist scheiße.“

Für den Ex-Mediziner, der das psychiatrische Fachvokabular noch immer in seine Wortwahl einzubauen pflegt, ist aber vor allem Artauds klarsichtige Verwirrtheit aufschlussreich. Sie erinnert ein wenig an ihn selbst. Wie er sich als Psychiater selber diagnostizieren würde? Er sei nicht schizophren, sagt er, er sei exzentrisch. Immerhin macht Janzer den Eindruck, auch in eigener Sache zu wissen, wovon er redet. Schizophrenie sei eine Krankheit, die auch durch Drogen, Armut und Hunger ausgelöst werde und sich dann als Vergiftung und Erschöpfungssyndrom zeigt, doziert er. Früher sei das mit dementia praecox diagnostiziert worden, also vorzeitiger Verblödung. Aber nach Janzers Meinung sind Schizophrene eigentlich Neurotiker. Man glaubt ihm, wenn er betont, die Symptome beider Krankheiten vorspielen zu können.

Einen geistesgestörten Eindruck macht Janzer jedenfalls nicht. Nach erfolgreichem Medizinstudium, Promotion und Berufserfahrungen in der Psychiatrie in Freiburg stieg er 1969 das erste Mal aus. Zwei Jahre widmete er sich der Kunst, malte. Danach ging es weiter: 1976 war er zweifacher Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und in der Saarländischen Gesellschaft für soziale Psychiatrie aktiv. Doch als er anfing, Patienten auch außerhalb der Klinik zu treffen, begannen seine Probleme. Ein Vorgesetzter schrieb: „Herr Dr. Janzer ist eine Gefahr für die Patienten.“ Ihm wurde gekündigt.

Kurioserweise wurde ihm daraufhin die Chefarztstelle einer Klinik für Alkohol- und Tablettenabhängige in der Eifel angetragen. Nach einem halben Jahr kam zusätzlich die Stelle als Chefarzt der noch größeren Rehabilitations- Klinik Neuwies in Neunkirchen dazu, für die er mit Erfolg ein völlig neues Therapiekonzept entwickelte. Trotzdem warf er 1977 alles hin. Ein Patient war aus seiner Klinik geflohen, eine Lappalie. Aber Janzer war durch die Doppelbelastung erschöpft und beantragte eine Berufsunfähigkeitsrente mit der originellen Begründung, dass er zu gesund für seinen Beruf als Nervenarzt sei. Es folgten acht Freiburger Jahre, in denen Janzer Fahrräder reparierte. Außerdem arbeitete er als Dachdeckergehilfe, Möbelpacker, Zeitungsverkäufer und schrieb seine Gedichte, Essays und „Romanoide“, in denen sich Erlebtes und Fiktion eigentümlich verschränken.

Eine Karriereverweigerer, ein Kauz. Wenn Jörg Janzer lacht, scheint er mehr ein deutscher Eulenspiegel in der Wolfgang-Neuss-Nachfolge zu sein als ein an Beckett und Sartre geschulter Existenzialist. Ein einsam aus dem Oberkiefer ragender bräunlicher Zahn wird sichtbar. Der war einsamer Akteur einer Posse, die Janzers Reputation vollends zu ruinieren drohte. Auslöser war die Forderung seiner Krankenkasse, er möge sich im Zuge einer Zahnbehandlung mit einem Gebiss ausstatten lassen. Janzer lehnte ab. Mit Gebiss würde er sich alt fühlen. Außerdem: Die Mundhöhle diene nicht nur der Zerkleinerung und Verschlingung von Nahrung, sondern sei auch ein heiliger Bezirk der Erotik. Dort einzugreifen, verstoße gegen die Menschenrechte. Die Gesundheitsbürokratie reagierte mit Unverständnis. Einen „Wiederspruch“ seitens der Kasse erkannte Janzer wegen der falschen Schreibweise nicht an. Ein Psychiater, dem der Briefwechsel mit Janzer zur Begutachtung übergeben wurde, leitete aus dem, was Janzer zur Aktion „Kunstraum Mundhöhle – Mundraum Kunsthöhle“ deklarierte, die Diagnose ab: psychotisch.

Einer der Gründe, warum Jörg Janzer der ökonomische Erfolg versagt blieb, dürfte seine Radikalität sein. Dem Psychiater, der ihn für verrückt erklärte, droht er, würde er im Rahmen einer Performance gern „in die Fresse hauen“. Als chronisch Schizophrener habe er zwar Krankengeld bezogen, aber verrückt sei er nicht.

Themenabend: Morgen verrät Jörg Janzer im Kaffee Burger, Torstraße 60, was er über Antonin Artaud weiß, 20 Uhr 30.

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