Kultur : Mein Leben als Katze

Innenwelt als Außenwelt: Miranda Julys eigenwillige Liebesgeschichte „The Future“

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Foto: Alamode
Foto: Alamode

Wer die Zeit anhält, dem kann es nicht vollständig schlechtgehen. Jason (Hamish Linklater) stoppt die Zeit, als seine Freundin Sophie (Miranda July) ihm erzählen will, was sie mit diesem Kerl namens Marshall so treibt. Da ist der Film schon in seinem letzten Drittel angelangt, und Jasons Angst vor der Zukunft wird so mächtig, dass er, zack, die Gegenwart stillstellt.

Nichts und niemand bewegt sich mehr, nicht einmal das Meer in der Nacht. Als einziges Lebewesen läuft Jason durch die reglose Stadt, nur der Mond redet noch mit ihm. So einsam sind sonst nur verlassene Haustiere. Dann also doch lieber zu zweit, allen Krisen zum Trotz? War ja vorher nicht alles schlecht in „The Future“ mit Sophie und Jason, wie sie in den Tag hineinlebten, er als Computer-Hotliner, sie als Tanzlehrerin, zwei Erwachsene, die Kinder geblieben sind, eingesponnen in einen zarten Kokon aus Vertrautheit und poetisch-fantastischen Gedankenspielen.

Zwei Mittdreißiger, permanent online. Der Gedanke, dass sie bald 40 werden, erschreckt sie zu Tode, und sie beschließen, eine Katze zu adoptieren. So fängt es an. Auch die Performancekünstlerin, Autorin und Filmemacherin Miranda July ist Mitte dreißig, sie spielt die Sophie mit großen staunenden Augen. Und weil sie auch Regie geführt hat, wird keine gewöhnliche Liebes-, Eifersuchts- und Zukunftsangst-Geschichte daraus, sondern eine, die aus der Perspektive der Katze erzählt wird. Das Tier ist schwer verletzt,sitzt mit bandagierter Pfote im Tierheim, philosophiert mit schnurrender Stimme über Einsamkeit, Dunkelheit und Identität und wundert sich über dieses Paar, das wegen des Adoptionstermins in einem Monat in Torschlusspanik gerät. Dann ist die Freiheit dahin, fürchten Sophie und Jason. Also schnell den Job und den Internetanschluss gekündigt und den Monat sinnvoll genutzt, sei es für die Rettung der Welt, sei es für das Youtube-Projekt „30 Tage – 30 Tänze“. Sophie testet kleine Choreografien, halb Elfen-Ballett, halb Dirty Dancing, Jason geht als Baumpate in der Nachbarschaft hausieren. Aber nichts will gelingen, und das Leben gerät aus dem Lot.

So was kann sich nur eine Katze ausdenken. Zwei schöne junge weltfremde Menschen mit katzensanften Stimmen räkeln sich in symbiotischer Häuslichkeit auf dem Sofa. Kaum geht das Paar offline, spielen sie Erwachsensein, wie nur Kinder es spielen können. Probieren es aus, das Öko-Engagement oder die VorstadtSpießerehe mit diesem Marshall. Gehen sich selber fremd, als Traumtänzer der eigenen Existenz. Außer der philosophierenden Katze und dem sprechenden Mond gibt es auch noch ein kriechendes XXL-T-Shirt, in das Sophie hineinsteigt wie in ihre Vergangenheit, um schließlich doch noch eine bemerkenswerte Tanzperformance hinzulegen. In Zeitlupe, versteht sich.

Julys Kinodebüt „Ich und du und alle, die wir kennen“ von 2005 handelte davon, wie junge Menschen die Liebe finden. In ihrem zweiten Film, der dieses Jahr in Sundance und auf der Berlinale lief, geht es darum, wie man die Liebe festhält und nicht verliert. Der Anfang ist schrecklich, sagt der Alte, den Jason auf seinen Baumpaten-Touren trifft und der Sex-Limericks dichtet. Ihr seid erst in der Mitte vom Anfang. Am Ende ist „The Future“ weniger ein Film über die Generation Youtube, der die wahre Wirklichkeit abhandenkommt, als einer über das Zweifeln und das Weitermachen nach dem Scheitern. Um den Kraftakt der Balance zwischen Innenwelt und Außenwelt. Darüber täuschen die Zartheit, das kindlich Verspielte und die trancehafte Atmosphäre leicht hinweg. Miranda July nennt „The Future“ übrigens einen Horrorfilm. Christiane Peitz

Cinemaxx Potsdamer Platz, Kino in der Kulturbrauerei, OmU: fsk, Hackesche Höfe, Tilsiter-Lichtspiele

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