Kultur : Meinungsforscherin

Jörg Beckers Biografie wird Elisabeth Noelle-Neumann nicht gerecht.

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Angesichts der Tatsache, dass die CDU nach 1969 eine Bundestagswahl nach der anderen verlor, entwickelte Elisabeth Noelle-Neumann die Theorie von der „Schweigespirale“. So wollten nach einer Erhebung von 1976 angeblich 79 Prozent der befragten Journalisten eine der beiden Regierungsparteien SPD oder FDP wählen und schufen so in den Medien ein Meinungsklima, das einen Wahlsieg dieser Parteien als wahrscheinlich erscheinen ließ. Das wiederum führte dazu, dass Wähler, die eigentlich der CDU zuneigten, aus Angst vor sozialer Isolation sich nicht mehr trauten, in der Öffentlichkeit zu ihrer vermeintlichen Minderheitsmeinung zu stehen, was wiederum den Wahlsieg der regierenden sozialliberalen Koalition erst ermöglichte. So weit die Theorie.

Elisabeth Noelle-Neumann hatte 1946 mit ihrem Mann, dem CDU-Politiker Peter Erich Neumann, die „Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung“ gegründet, war bald eine einflussreiche Meinungsforscherin und Beraterin mehrerer Kanzler. Sie gilt als Pionierin der Demoskopie, ihr politischer Ehrgeiz war groß, ihre wissenschaftliche Arbeit umstritten. Über all dies hätte man gerne ein kritisches Buch gelesen, einen informativen Beitrag zu einem wichtigen Aspekt der Geschichte der Bundesrepublik. Dazu taugt das vorliegende Buch, das erstaunlicherweise in einem angesehenen Wissenschaftsverlag erschienen ist, leider überhaupt nicht. Es ist auf ganzer Linie verunglückt.

Jörg Becker, ein emeritierter Politikwissenschaftler, beginnt mit sechs biografischen Kapiteln, denen zwölf mehr oder weniger unverbundene Kapitel über diverse Themen folgen. Da gibt es oberflächliche Bemerkungen über den „deutschen Faschismus“, womit der Nationalsozialismus gemeint ist, ein wenig hilfreiches Sammelsurium von höchst ungleichgewichtigen kritischen Bemerkungen zur „Schweigespirale“, Ausführungen zu Noelle-Neumanns Antisemitismus, was ein wichtiges Thema sein könnte. Ihnen voraus geht ein Kapitel, in dem der Autor zu insinuieren sucht, Noelle-Neumann habe eine Affinität zur Esoterik gehabt. Zu diesem Zweck druckt er seitenlang einen Aufsatz ab, um dann am Schluss festzustellen: „Ob Noelle-Neumann allerdings diesen Nostradamus-Artikel (…) wirklich geschrieben hat, muss unklar bleiben.“

Nach diesem Strickmuster funktioniert das ganze Buch. Der Autor versucht ununterbrochen, Nachteiliges über Noelle- Neumann zusammenzutragen, und scheitert immer wieder an der Quellenlage. Einmal heißt es: „Es bieten sich drei Erklärungsmöglichkeiten an“, einmal erfahren wir, dass ihre Dissertation „möglicherweise“ eine Auftragsarbeit des Propagandaministeriums war, dann verweist Becker auf Akten, die leider nicht deklassifiziert seien. Und gelegentlich behauptet er auch Dinge, die erweislich unwahr sind, weshalb der Verlag eine Pressemitteilung verschicken musste, „dass sich in dem Buch zum Bedauern von Verlag und Autor falsche Vorwürfe gegenüber Frau Elisabeth Noelle-Neumann befinden“. So darf Becker nicht länger behaupten, Noelle-Neumann habe ihre Entnazifizierungsurkunden gefälscht.

Die Kontinuität von in der NS-Zeit begonnenen Karrieren nach 1945 ist zweifellos ein spannendes und wichtiges, vielfach auch bedrückendes Thema. Hier wurde es verschenkt, denn die vielen vagen Vermutungen, häufig belanglosen Faktenanhäufungen und zwanghaften Parallelisierungen (Adolf Hitler und Elisabeth Noelle-Neumann interessierten sich beide für das Kabelradio) helfen nicht weiter. Die Lektüre dieses Buches kann man sich getrost ersparen und stattdessen zum Beispiel „Die Flakhelfer“ von Malte Herwig lesen. Ernst Piper





– Jörg Becker:

Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 369 Seiten, 34,90 Euro.

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