"Men & Chicken" mit Mads Mikkelsen : Gewaltorgien auf dem Hühnerhof

Dänen-Klamauk: "Men & Chicken", der neue Film von Anders Thomas Jensen, setzt auf brachialen Humor - und führt seine Charaktere mit geheucheltem Tiefgang vor.

Tilman Strasser
Die Brüder Gregor (Nikolaj Lie Kaas) und Elias (Mads Mikkelsen).
Männer, die auf Hühner starren: Die Brüder Gregor (Nikolaj Lie Kaas) und Elias (Mads Mikkelsen).Foto: Rolf Konow/ DCM

Familie ist Krieg. Als Gabriel (David Dencik) zum ersten Mal seine Halbbrüder Gregor (Nikolaj Lie Kaas), Franz (Søren Malling) und Josef (Nicolas Bro) trifft, geraten die erwachsenen Männer sofort in kindischen Streit. Und Gabriel, der es mit Worten versucht, zieht den Kürzeren: Er wird mit einem Brett, einer Tonne, schließlich mit einem ausgestopften Tier vermöbelt. Die nächste halbe Filmstunde verbringt er im Rollstuhl.

Brachial wie diese Szene ist der Humor von „Men & Chicken“. Für subtile Töne ist Anders Thomas Jensen auch nicht bekannt. Der letzte Film, den der Däne als Drehbuchautor und Regisseur verantwortete, wartete mit einem Helden auf, der eine traumatische Jugend, ein behindertes Kind, eine suizidale Gattin und einen Hirntumor im Gepäck hatte. Und vor „Adams Äpfel“ (2005) ließ er in „Dänische Delikatessen“ (2003) zwei Metzgergesellen Menschenfleisch an die Dorfgemeinde verfüttern.

In Jensens neuem Werk steht schon das Personal für eine beispiellose Freak-Show. Mit Gabriel ist auch der zwanghaft masturbierende Elias (Mads Mikkelsen) nach Ork gekommen. Die Insel hatte ihnen ihr Ziehvater als Heimat ihres wahren Erzeugers genannt. Der soll ein berühmter Forscher sein, liegt aber längst mumifiziert im Dachgeschoss jenes Anwesens, vor dem Gabriel die Hiebe seiner Geschwister einstecken muss. Und als sich die fünf dann doch zusammengerauft haben, geht die Groteske erst los: Neben der Leiche hausen die Männer mit Hühnern, die zur Triebabfuhr dienen, „bis wir irgendwelche Mädels kennenlernen“, wie der treudoofe Gregor erklärt. Er ist dann auch am glücklichsten über den erfolgreichen Aufreißer-Ausflug ins Altersheim.

Eine Filmwelt der Entstellten

Außer fragwürdigem Sexualverhalten verbindet die Brüder eine Pedanterie, die in Gewaltorgien mündet, sobald mal wieder einer den anderen nicht ausreden lässt. Vor allem aber haben sie Hasenscharten, deren Ausprägung den Grad innerer Deformierung anzeigt: Beim leidlich zivilen Gabriel zieht sich nur eine Narbe über die Oberlippe. Die Übrigen tragen entstellende Geschwulste, die sogar noch ihre Nasen zu Klumpen verzerren.

Versehrtheit hat den Filmemacher Jensen immer schon interessiert, mit Vorliebe zeigt er seelisch wie körperlich Entstellte. Nur dass er deren Abnormität bislang aus biografischen Schicksalsschlägen ableitete. In „Men & Chicken“ ist die finale Erklärung für die Missbildungen dagegen gründlich bekloppt – und vorhersehbar, nicht erst, seit das mysteriöse Verschwinden aller fünf Mütter thematisiert wird oder Gabriel im Haus dreibeinige Hähne sowie einen Gans-Schwein-Hybrid entdeckt.

Jahrmarktstimmung in beeindruckender Kulisse

Die hanebüchene Auflösung können auch Verweise auf den Genmanipulationsdiskurs nicht retten, erst recht nicht großzügig gestreute Bibelreferenzen. Es bleibt geheuchelter Tiefgang, wo sich der Film am billigen Schock berauschen möchte – oder am billigen Gag, der stets aus dem pervertierten Paarungstrieb seiner Protagonisten zündet. In einer Handvoll starker Szenen versuchen die Brüder, ihr Zusammenleben zu organisieren, diskutieren Tischmanieren mit bizarrem Eifer oder spielen ebenso ausdauernd Federball. Meist fällt dem Regisseur aber schon in der nächsten Einstellung eine Möglichkeit ein, seine Figuren vorzuführen – mit dem abstoßenden Stolz, den auch die Betreiber echter Freak-Shows auf den Jahrmärkten des 19. Jahrhunderts ausgestrahlt haben müssen.

Eine Figur wie Pfarrer Ivan, der in „Adams Äpfel“ den Untiefen des Daseins mit beklemmendem wie urkomischem Glaubenseifer entgegentritt, findet sich hier nicht. Und das, obwohl mit Mads Mikkelsen derselbe Schauspieler seinem Elias Facetten zu geben versucht. Das restliche Ensemble gibt ebenfalls sein Bestes – gegen ein effekthascherisches Drehbuch gibt es indes nichts zu gewinnen. Was umso tragischer ist, als der Film mit Schauwerten trumpft: den realen der (übrigens im brandenburgischen Beelitz-Heilstätten gelegenen) Sets wie den künstlichen, die der Computer auf die Mienen und Tierleiber zaubert. Und die Musik gemahnt mit klagend singender Säge daran, was aus diesen Bildern hätte werden können.

Cinemaxx, Filmkunst 66, FaF, Yorck, Kulturbrauerei und Moviemento; OmU im Odeon, Hackesche Höfe und Rollberg

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