Kultur : Menschen im Hotel

Aus der Zeit gefallen: Das Melodram „Das Mädchen und der Tod“ – mit Dieter Hallervorden.

von
Foto: dpa
Foto: dpaFoto: dpa

Mitten hineinfallen in den Klang eines Klaviers, in eine Melodie – und die, der das eigene Dasein bisher gefolgt ist, zählt nicht mehr. Liebe bedeutet, von einer Fremdmelodie gekapert werden, von einem anderen Leben, dessen Rhythmus. Sie ist eine Selbstenteignung.

Bis der junge Russe Nicolai (Leonid Bichevin) die kleine Holländerin Elise (Sylvia Hoeks) am Klavier erblickt, weiß er jedenfalls genau, wer er ist: ein angehender Medizinstudent auf der Reise von Moskau nach Paris. Wäre er doch bloß nicht in diesem Kleinstort bei Leipzig ausgestiegen! Wie hieß er gleich? Tannenbrunn, Tannental, Tannenstedt? Seit wann halten die Züge nach Paris mitten im Nirgendwo? Es ist die erste Zumutung, eine minimale, keine Frage.

„Das Mädchen und der Tod“. Der Titel wirkt ein wenig aus der Zeit gekippt. Sagen wir es ruhig gleich: So wirkt dieser ganze Film, eine deutsch-russisch-niederländische Koproduktion unter Regie des Holländers Jos Stelling. Die Geschichte von Nicolai und Elise scheint ohne Umgebung, ohne Hintergrund zu sein, ein Unikum, so allein wie das 19.-Jahrhundert-Hotel im Wald, in dem sie spielt. Das ist nicht reizlos, denn wer sehnte sich nicht nach Emigration?

Der Hotelbesitzer heißt Dieter Hallervorden, im Film trägt er nur den Namen „Herr Graf“. Hallervorden macht jede Aura kaputt, sollte man argwöhnen, und was hat ausgerechnet er in einem Liebesfilm verloren? Aber er kann das, er braucht gar keine Grimassen. Nicht Hallervorden ist schuld, wenn aus „Das Mädchen und der Tod“ höchstens eine Viertel- oder gar eine Zehntel-„Kameliendame“ wird. Das Mädchen Elise hat die Schwindsucht. Im 19. Jahrhundert gab es noch philosophische, hochkünstlerische Krankheiten, Leiden der Verklärung wie die Tuberkulose. Elise steht unter dem ausdrücklichen Schutz des Grafen, eigentlich ist sie auch mehr eine Kurtisane, wie sich das ganze Hotel auch eher als notbeleuchtetes Bordell entpuppt.

In diesen schlüpfrigen Daseinsfrieden tritt nun Nicolai, und das große Spiel der Selbst- und Fremdbeschädigungen beginnt. Aber es bleibt seltsam kulissenhaft; Leonid Bichevin und Sylvia Hoeks spielen wie zwei durchschnittlich zur Liebe begabte Menschenkinder von heute, warum auch nicht? Doch ihr Schicksal hätte den Sog des Mahlstroms entwickeln müssen, um die anachronistische Konstellation zu rechtfertigen. Aber über den Strudel einer entstöpselten Badewanne kommt es nicht hinaus.

Vielleicht gibt es eher eine psychotherapeutische Erklärung für dieses Werk. Regisseur Jos Stelling hat mit neun Jahren den deutschen Film „Du bist die Welt für mich“ gesehen – über das Leben des Sängers Richard Tauber, gespielt von Rudolf Schock. Fortan war „Du bist die Welt für mich“ die Welt für ihn, immer wieder saß er weinend im Kino. Der größte Kunsteindruck seines Lebens? Stelling machte den Fehler, sich diesen Film später noch einmal anzusehen. Er war entsetzt.

Mit „Der Tod und das Mädchen“ wollte der Filmemacher jenes Werk schaffen, das die Tränen des kleinen Jungen wert gewesen wäre. Ein Vorsatz, an dem wohl auch größere Künstler scheitern müssten. Kerstin Decker

Colosseum, OmU: Krokodil

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben