Menschen mit Behinderung am Theater : Beten hilft nicht - die Bühne schon

Das Berliner Festival „No Limits“ präsentiert Theater von Menschen mit Behinderung. Ihre Stücke fragen nach der gesellschaftlichen Augenhöhe und erzählen absurde, urkomische Geschichten.

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Annäherungen. Das Ensemble tanz–bar aus Bremen geht mit dem Stück „touch me“ auf Erkundungsreise.
Annäherungen. Das Ensemble tanz–bar aus Bremen geht mit dem Stück „touch me“ auf Erkundungsreise.Foto: Michael Bause

Mein Name ist Günter, und zufällig bin ich nicht behindert. Jeder Gast auf dieser Hochzeit bekommt am Eingang ein Schildchen angeheftet – und je nachdem, ob man der Seite der Braut oder des Bräutigams zugerechnet wird, noch eine Einschränkung verpasst. Einen Rollstuhl. Einen dicken Schaumstoffüberzug für den Arm. Kopfhörer, die gehörlos machen. Denn die Braut Doris ist körperbehindert, aber ihr Angetrauter Dean ist es nicht. So what?

Liebe schert sich nicht um solche Äußerlichkeiten. Sollte man meinen. Aber ganz so einfach ist es eben doch nicht. Wenn der Trauzeuge sein Glas erhebt und mit maskenhafter Fröhlichkeit einen Toast auf Deans Mut ausbringt, „einen Krüppel“ zu ehelichen, schleicht sich gewaltiges Unbehagen ein. Wenn die Trauzeugin in ihrer Rede durchblicken lässt, dass der Gatte im Ruf eines Schürzenjägers steht, blickt man doch skeptisch auf die Verbindung. Kann das echte Liebe sein?

Wie viel Augenhöhe lässt unsere Gesellschaft zu?

„Hypergamie – Hochzeit mit Hindernissen“ heißt diese Performance der Kompanie „dorisdean“, eine mixed-abled Truppe aus Nordrhein-Westfalen. „Mixed-abled“, das hieß auch schon mal „inklusiv“, meint aber das Gleiche: behinderte und nichtbehinderte Schauspieler stehen gemeinsam auf der Bühne. Was bekanntlich zu großartigen Abenden führen kann, die alles verdienen, aber nicht die paternalistische Betrachtung mit vermeintlich wohlwollendem Bonus-Blick. Besonders geglückte Inszenierungen dieses Genres zeigt regelmäßig das Berliner Festival „No Limits“ unter der Leitung von Andreas Meder, das jetzt wieder am HAU, im Ballhaus Ost und im Theater Thikwa läuft und seinen Ruf als Plattform für Entdeckungen festigt.

„Hypergamie“ zählt dabei zu den speziellsten Erfahrungen. Die Ensemble-Inszenierung, die ja durchaus den Schrecken des Mitmachtheaters entfalten könnte, entwickelt sich zu einer subtil-beklemmenden Reflexion über die Frage, wie viel Augenhöhe unsere Gesellschaft tatsächlich zulässt. In einem seltsam entrückten 20er-Jahre-Setting mit knarzendem Grammophon gibt’s ein gemeinsames Kartoffel-Essen und einen Knödel-Tenor, der „O sole mio“ schmettert, während das Brautpaar die hochzeitsüblichen Spielchen absolviert. Ganz unspektakulär geht der Abend zu Ende. Allerdings nicht, ohne gemischte Gefühle bezüglich der Kluft zwischen „normal“ und „behindert“ zu hinterlassen.

Irre Odyssee durch die Themen Midlifecrisis, Tanzsport und Pferdezucht

Ganz anders, viel knalliger, schräger, überdrehter ist das Stück „Der Tag, an dem Kennedy ermordet wurde und Mimmi Kennedy Präsidentin wurde“ der Hamburger Formation „Meine Damen und Herren“. Deren Regisseur Dennis Seidel hat eine geistige Behinderung und eine überschießende Fantasie, die in diesem Fall zu einer urkomischen Trash-Extravanganza führt. Seidel selbst spielt – in Kleid und Perücke – die Reporterin mit dem Zungenbrechernamen Liv Split, die am 22. November 1963 live vom Attentat auf JFK berichtet. Leider gerät die Journalistin bald selbst unter Mordverdacht. Was nur der Anfang einer Film-noir-mäßig verworrenen Krimi-Farce mit Polit-Background ist, in deren Zuge verschollene Schwestern wieder auftauchen und kommunistische Barbie-Puppen eine zentrale Rolle spielen. Das ganze mündet in einer Feier und dem finalen Liv-Split-Kommentar: „Wenn Kennedy heute noch leben würde, hätte ich ihn eingeladen.“ Grandios.

Die Vielfalt der diesjährigen Festival-Ausgabe ist überhaupt erfreulich. Ein Schwerpunkt liegt auf choreografischen Arbeiten unterschiedlichster Ausformung. „touch me“ von tanz_bar bremen erkundet Berührung und Nähe. „Where is down?“ – eine Gemeinschaftsproduktion der spanischen Schule Danza Mobile und des Yugsamas Movement Collective aus Salzburg – fragt mit Puccinis Arie „Nessun dorma“ nach Identität und Liebe. Und die Berliner Puppenkompanie Das Helmi begibt sich zusammen mit dem Zürcher Theater Hora auf eine irre Odyssee durch die Themen Midlifecrisis, Tanzsport und Pferdezucht, getauft: „Der Besuch der verknallten Dame“.

Stärkere Präsenz von Arbeiten mit körperbehinderten Darstellern

Neu ist an diesem „No Limits“-Jahrgang die stärkere Präsenz von Arbeiten mit körperbehinderten Darstellern. „Eine Geste“ vom Warschauer Nowy Teatr ist so ein Beispiel. Die Inszenierung von Wojtek Ziemilski versammelt vier gehörlose Performerinnen und Performer, die ohne Brimborium in Szene gesetzt werden und aus ihrem je eigenen Kosmos berichten. Nie wird dabei die Behauptung aufgebaut, als Hörender könne man nachvollziehen, was ein Leben mit Gestensprache bedeutet. Eingangs erzählt eine der Darstellerinnen lakonisch, dass ihre Großmutter sie früher in die Kirche zu schleppen pflegte, um für eine Wunderheilung zu beten. „Hat die Religion mir geholfen?“, fragt sie. Nun ja. „Meine Oma wurde depressiv. Und ich höre immer noch nichts.“

Noch bis 18. November, Programm unter www.no-limits-festival.de

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