Michael Ballhaus zum 80. : Verliebt in den Augenblick

Ohne ihn hätten Fassbinder und Scorsese anders gefilmt. Am Mittwoch feiert der Kameramann Michael Ballhaus seinen 80. Geburtstag. Eine Würdigung.

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Michael Ballhaus
Michael BallhausFoto: Oliver Dietze/dpa

Hollywood Ende der Neunziger, am Set von „Primary Colours“. Deutscher Titel „Mit aller Macht“, ein Politdrama mit John Travolta und Emma Thompson als US-Präsidentenpaar. Mike Nichols dreht in einem großen Originalmotiv, einer Villa irgendwo in Los Angeles. Kameramann, genauer Director of Photography wie es in Amerika ungleich wertschätzender heißt, ist Michael Ballhaus. Stets in seinem Schlepptau: zwei vom ruhig und reibungslos schnurrenden Profibetrieb mächtig beeindruckte Kamerastudenten der Hamburger Filmhochschule. Sie dürfen ihrem Professor, für den Nachwuchsförderung offensichtlich mehr als ein Lippenbekenntnis ist, zwei Wochen bei der Arbeit beobachten. Hospitieren also! In Hollywood!

Allabendlich bekommen sie – wie jedes andere Crewmitglied – eine Dispo für den nächsten Drehtag ausgehändigt. Eines Tages wird darauf zum „Dress like Mr. Ballhaus Day“ aufgefordert. Huch? Überraschung! Die funktioniert sogar prompt: Anderntags erscheinen alle – angeführt von der Britin Emma Thompson, die sich besonders gut mit dem sie ebenfalls verehrenden Ballhaus versteht – im für den Kameramann typischen Look. Oder zumindest einer improvisierten Variation von Panamahut, weißem Oberhemd, beiger Hose, Hosenträgern, teils sogar mit aufgemaltem oder mit Gaffertape angeklebtem Menjoubärtchen. Ein großes Hallo auslösender Gag, den ein Teamfoto für die Ewigkeit festhält.

Das Bild erzählt, wie der für seine Zunft überdurchschnittlich elegante Herr nicht nur als Bilderschöpfer, sondern auch als Person stilbildend wirkt. „Mit Michael zu arbeiten, das ist, als wäre man im Himmel – nur dass man dafür vorher nicht sterben muss“, hat denn Regisseur Mike Nichols prompt einmal über den Kameramann geschwärmt, mit dem er drei Filme gedreht hat.

Von Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese, sonst Ballhaus’ wichtigste künstlerische Allianzen, sind keine derartigen Elogen übermittelt. Aber die herzliche Umarmung von Ballhaus und Scorsese bei der Berlinale 2014, als der Regisseur seine Dokumentation über die „New York Review of Books“ vorstellte, sah ebenfalls nach einem anhaltend innigen Verhältnis aus.

Sein Markenzeichen wurde der "Ballhaus-Kreisel" mit der Kamera

Kein Wunder, schließlich wurde der gefürchtete Produktionsbudget-Reißer Scorsese erst durch die Erfolgsbilanz des 1985 von Michael Ballhaus gedrehten Lowbudget-Dramas „After Hours“ wieder für Produzenten kreditwürdig. Der Film markierte Ballhaus’ Durchbruch in Hollywood und begründet dort seinen beim wilden Fassbinder in 15 gemeinsamen Filmen erworbenen Ruf, ein schneller, effizienter, stets im Budget bleibender Kameramann zu sein.

Im Verein mit einem gewinnenden, sich stets als Diener des Regisseurs und der Filmerzählung betrachtenden Wesen, ist das schon ein gutes Pfund bei der Teamarbeit Film. Es erklärt aber noch nicht vollständig, wieso Michael Ballhaus, der in 50 Karrierejahren rund 80 Kinofilme sowie zahlreiche Fernsehfilme und Dokumentationen drehte, bis heute der international erfolgreichste deutsche Kameramann ist. Und dass er darüberhinaus neben Roland Emmerich und Wolfgang Petersen, mit dem er genauso wie mit Francis Ford Coppola, Robert Redford, Robert de Niro, Barry Levinson und vielen anderen Regisseuren gearbeitet hat, seit den Achtzigern über viele Jahre „unser Mann in Hollywood“ war.

Ein Synonym, ein Ruhm, ein künstlerischer Ruf, der in den USA maßgeblich durch eine einzige Einstellung in Steven Kloves wunderbar lakonischer Barpianisten-Romanze „Die fabelhaften Baker Boys“ von 1989 geprägt wurde. Da räkelt sich die blonde Michelle Pfeiffer im roten Glitzerkleid auf dem schwarzen Flügel von Jeff Bridges, haucht „Makin’ Whopee“ und die Kamera fährt langsam drumherum, ganz die voyeuristische, aber nicht platte Sexyness des Moments auskostend.

Der Meister des magischen Auges

Das ist der Ballhaus-Kreisel, sein Markenzeichen. Eine 360-Grad-Schienenfahrt, die seit ihrem ersten Einsatz in Fassbinders „Martha“ durch Ballhaus populär wurde. Der Regisseur Tom Tykwer hat dieser „entfesselten“ Filmästhetik 2005 das schöne Interviewbuch „Das fliegende Auge“ gewidmet. Die „Baker Boys“ brachten dem Verfechter einer experimentierfreudigen, bewegten, gleitenden, schwebenden Kamera dann eine von drei Oscar-Nominierungen ein. Gewonnen hat der mit jeder Menge anderer Filmpreise dekorierte Ballhaus jedoch nie einen.

2005 beendete er mit 70 Jahren seine Hollywoodkarriere und kehrte nach dem Tod seiner ersten Frau Helga, der Mutter seiner beiden ebenfalls in der Filmbranche tätigen Söhne, in seine Heimatstadt Berlin zurück. Mit seiner jetzigen Ehefrau, der Regisseurin Sherry Hormann, für deren Film „3096 Tage“ er 2013 ein letztes Mal hinter die Kamera trat, lebt er in Zehlendorf.

Dass der Meister des magischen Auges sein eigenes Augenlicht aufgrund einer Glaukom-Erkrankung verloren hat, machte Michael Ballhaus vergangenes Jahr öffentlich. Da erschienen unter dem Titel „Bilder im Kopf“ die kurzweiligen Lebenserinnerungen des am 5. August 1935 geborenen Sohns eines freidenkerischen Schauspielerehepaars. „Jeder Mensch hat das Recht, so schön wie möglich auszusehen.“ Dieses Credo hat Michael Ballhaus nicht nur bei den vom ihm gefilmten Schauspielerinnen beliebt gemacht. Heute wird der Philanthrop mit der Kamera 80 Jahre alt.

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