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Michael Eissenhauer im Interview : „Rembrandt wird nicht ins Depot verbannt“

08.08.2012 00:00 Uhr
Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen.Bild vergrößern
Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen. - SMB

Aus dem Streit um einen möglichen Umzug der Berliner Gemäldegalerie ist ein Glaubenskrieg geworden. Nun sagt Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen: Die Bilder bleiben so lange am Kulturforum, bis ein neues Haus für sie bereit steht. Ein Gespräch mit Eissenhauer über die Debatte, die Zukunft der Alten Meister und seine Visionen für die Museumsinsel und das Kulturforum.

Herr Eissenhauer, die 10 Millionen Euro des Haushaltsausschusses für den Umbau der Gemäldegalerie haben alle überrascht. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich war in Tokio mit Bernd Lindemann, dem Direktor der Gemäldegalerie, wegen einer Ausstellung mit Renaissance-Werken aus der Gemäldegalerie und dem Bode-Museum. Mich erreichte die Nachricht über eine Mail auf dem Smartphone, und ich zeigte sie meinem Kollegen. Da waren wir schon sehr überrascht.

Wie kann es sein, dass Sie als Generaldirektor der Staatlichen Museen vorher nichts davon wussten?

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, war seit 2010 durchaus verstärkt wegen der Neuordnung der Museen vorstellig geworden: bei Kulturstaatsminister Neumann, der auch Stiftungsratsvorsitzender ist, bei der Vorsitzenden des Bundestags-Kulturausschusses und beim Finanzministerium.

Auch haben wir an dem nun erschienenen Band „Museumsinsel Berlin“ gearbeitet. Darin wird ausführlich beschrieben, dass die Museumsinsel mit dem erweiterten Bode-Museum die historischen Schätze präsentiert und das Kulturforum eine Galerie des 20. Jahrhunderts werden soll. Auch eine Broschüre entstand, mit der wir um Sponsoren werben wollen. Sie war vor der Diskussion fertig. Jetzt hat uns die aktuelle Debatte überholt.

Reichen Publikationen, um aus dem kommunikativen Schlamassel herauszukommen? Hätten Sie anders für die große Idee geworben, wäre die Öffentlichkeit von der Nachricht weniger überrascht worden.

Mag sein, dass die Gesamtplanung nach der Eröffnung des Neuen Museums öffentlich etwas in Vergessenheit geriet, aber wir haben den Masterplan von 1999 immer verfolgt. Unsere großen Baumaßnahmen – die James-Simon-Galerie, die Sanierung des Kolonnaden-Hofs der Alten Nationalgalerie, der erste Bauabschnitt des Pergamonmuseums, die Staatsbibliothek, Friedrichshagen – werden in drei, vier Jahren abgeschlossen sein. 2015 steht noch die Generalsanierung der Neuen Nationalgalerie an, aber insgesamt nimmt die Zahl unserer Baumaßnahmen und der damit gebundene Finanzierungsbedarf ab. Darin sehen wir die Chance für die Erweiterung des Bode-Museums. Wir brauchen dann nicht auf einen Schlag 150 Millionen Euro: Fünf Jahre jeweils 30 Millionen, dann würde die Galerie dastehen.

Für all das hätten Sie doch längst öffentlich trommeln können.

Nein, anders als ein privater Investor, der meist mit einem fertigen Architektur- und Finanzplan an die Öffentlichkeit geht, bekommen wir Planungsgelder erst dann, wenn das Gesamtprojekt politisch genehmigt ist. Vorher können wir keinen Wettbewerb und keine Vorplanung durch Architekten machen lassen, schon gar kein Planungsverfahren beginnen. Sobald die Signale für den Erweiterungsbau auf Grün gestellt sind, kann nach zwei bis drei Jahren Vorplanungszeit mit dem Bau begonnen werden. Wir kämen dann ziemlich genau in die Phase hinein, in der die anderen Baumaßnahmen allmählich auslaufen.

Jetzt wird vehement kritisiert, dass die Alten Meister in der Gemäldegalerie der Klassischen Moderne weichen sollen: Jung verdrängt Alt, fürchten viele. Was sagen Sie zu den Petitionen der Kunsthistoriker?

Das ist ein großes Missverständnis. Das jetzt bewilligte Geld für die Umwidmung der Gemäldegalerie ist zweckgebunden, nicht zeitgebunden. Es kann auch in einigen Jahren ausgegeben werden. Wir hängen die Bilder erst ab, wenn es einen bestätigten Zeit- und Finanzierungsrahmen für den Erweiterungsbau gibt, vorher nicht. Der erste Schritt ist die Klärung der Zukunft der Alten Meister, der zweite Schritt die Umnutzung der Gemäldegalerie.

Die nächste Stiftungsratssitzung ist für Dezember vorgesehen. Wird sie vorgezogen?

Das ist geplant, aber noch nicht bestätigt. Die Rahmenplanung, die wir dann thematisieren, existiert ja längst, anders als in manchen Medien behauptet. Die zehn Millionen Euro sind das politische Bekenntnis, dass Berlins Museen diese Zukunftsperspektive brauchen. Das Geld ist kein Danaer-Geschenk, sondern ein Segen. Außerdem: Es gab noch nie so viele Freunde für die Altmeistergalerie wie jetzt. Ich verfolge das mit Freude. Wenn man die internationale Petition genauer liest, wird die Zusammenführung der Gemälde mit den Skulpturen und das Museum des 20. Jahrhunderts auch dort befürwortet. Auch der Harvard-Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger fragt inzwischen vor allem: Wann und wie sollen die Alten Meister umziehen?

Das heißt, die Phase des Zwischenlagerns für die Alten Meister wird sehr kurz?.

Noch einmal: Nur wenn es eine genau Zeit- und Finanzplanung gibt, können wir uns vorstellen, eine begrenzte Anzahl von Jahren eine Verdichtung von Gemälden und Skulpturen im Bode-Museum zu verantworten.

Was wäre die Maximalzeit?

Es gilt das Wort von Präsident Parzinger: spürbar unter zehn Jahren.

Das schmerzt.

Ob es eine lange Phase des Schmerzes überhaupt geben wird, ist noch gar nicht ausgemacht. Natürlich werden wir nicht die Spitzenwerke von Rembrandt, van Eyck, Botticelli etc. ins Depot verbannen.

Bernd Lindemann sagt, in der Interimszeit wird knapp die Hälfte zu sehen sein.

Bitte Geduld: Erst wenn wir wissen, wann der Erweiterungsbau fertig wird, können wir verlässlich über verantwortbare Zwischenlösungen nachdenken, auch was Größenordnungen und das Konservatorische betrifft. Der Auszug findet nicht morgen statt, auch nicht im nächsten Jahr.

Was halten Sie von Bernd Neumanns Anregung, das Kronprinzenpalais als Ausweichquartier ins Auge zu fassen?

Das prüfen wir. Das Kronprinzenpalais ist nicht klimatisiert und hat keine Sicherheitstechnik. Auch dort müsste investiert werden. In der Gemäldegalerie hängen 900 Bilder, hinzu kommen 400 in der Studiengalerie. Einerlei, wie viele Gemälde gleichzeitig im Bode-Museum unterkommen, heißt das ja nicht, dass in der Interimszeit dort immer die gleichen Bilder hängen. Man kann wechseln, so wie wir das schon heute immer wieder tun. Aber natürlich prüfen wir auch andere Optionen für Zwischenlösungen.

Wäre eine Fusion der Surrealisten-Sammlung Pietzsch mit der ähnlichen Sammlung Scharf-Gerstenberg in Charlottenburg auch eine Option?

Nein, denn es würde eine weitere Zerstückelung der Museen bedeuten. Das Ehepaar Pietzsch hat immer gesagt: Wir wollen kein Pietzsch-Museum, unsere Sammlung soll integriert werden. Sie haben immer in enger Verbundenheit mit der Neuen Nationalgalerie gesammelt und das gekauft, wovon die Direktoren sagten: Ja, das passt, weil es empfindliche Lücken schließt. Die Sammlung entfaltet ihre Wirkung vor allem, wenn sie in der Gesamtheit der Klassischen Moderne aufgeht.

Warum hörte man von Ihnen in der Diskussion bisher weniger als von Parzinger? Weil Sie 2009 heftig kritisiert wurden, als Sie sagten, dass die Gemäldegalerie auf „absehbare Zeit“ nicht umziehen würde?

Es ist doch gut, dass es jetzt diese Diskussion gibt. Darauf hatte ich mit meinem Anstoß schon 2009 gehofft.

Ein masochistischer Zug.

(lacht) Damals hatte man den Eindruck, es bedarf keiner Diskussion. Inzwischen wissen wir mehr über die Lage am Kulturforum, mehr auch, weil Udo Kittelmann als Chef der Nationalgalerie damit begonnen hat, den Bestand des 20. Jahrhunderts endlich in der gesamten Breite wieder in Erinnerung zu rufen. Die hohe Qualität der Sammlung ist eine Offenbarung, sie braucht definitiv mehr Platz. 2009 gab es noch kein denkmalpflegerisches Gutachten für den Mies-van-der-Rohe-Bau. Jetzt ist klar, dass wir weder unterirdisch noch neben dem Garten der Neuen Nationalgalerie anbauen können, wie es die ehemaligen Generaldirektoren Dube und Schade gerade wieder ins Spiel brachten. Die Denkmalpfleger betrachten Mies als Solitär, der keine Anbindung verträgt. Schon die Zahlen sprechen gegen das Nachbargrundstück: Einzig die verfügbare Nutzfläche der Gemäldegalerie bietet ausreichend Platz für die Gesamtschau der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Bis heute finden zu wenige Besucher den Weg in die Gemäldegalerie. Glauben Sie, dass Dix, Grosz, Kirchner schaffen werden, was Tizian, Botticelli, Dürer nicht gelingt?

Die Besucherzahlen der Gemäldegalerie sind nicht schlecht, sie werden schlechtgeredet. Nach Dresden ist die Gemäldegalerie die am zweitbesten besuchte AlteMeister-Sammlung Deutschlands. Wenn wir uns mit London oder Washington vergleichen, sind wir schlecht besucht, akzeptiert. Aber dort befinden sich die Museen im Herzen der Stadt. Um die Berliner für ihre Gemäldegalerie zu entflammen, braucht sie den richtigen Standort, und der liegt in Mitte, am historisch richtigen Ort, im Zentrum der veränderten Stadt seit dem Mauerfall. Auch die Museumsinsel wurde nicht über Nacht erfunden. Sie bekam 1830 ihren ersten Museumsbau, 1840 erklärte Friedrich Wilhelm IV. sie zur Freistätte für Kunst und Wissenschaft. Doch es dauerte noch fast 100 Jahre, bis sie als Selbstverständlichkeit im Stadtraum wahrgenommen wurde.

So lange sollen wir warten?

Das Kulturforum ist eine urbanistische Brache, eine Herkulesaufgabe. Diese städtebaulichen Probleme können wir nicht alleine lösen. Uns ist Konzeptlosigkeit vorgeworfen worden, dabei gibt es klare Überlegungen: Wenn die Moderne eines Tages in die Gemäldegalerie einzieht, werden wir sie über die Sigismundstraße näher an die Nationalgalerie heranrücken, was die Begehbarkeit angeht. Dort gibt es einen Zugang, den man intensiver nutzen kann. Natürlich müssen wir auch über eine größere Attraktivität der Piazetta nachdenken, gemeinsam mit dem Land Berlin. Das ist alles auf dem Weg.

Wie wollen Sie Verbündete finden, wenn in der jetzigen Stimmung all die eher zu Kunstfeinden erklärt werden, die einen Auszug der Alten Meister befürworten?

Der altehrwürdige Kaiser-Friedrich-Museum-Verein und der Verein der Freunde der Nationalgalerie haben verabredet, für das Ziel, von dem beide profitieren, gemeinsam aufzutreten. Unsere Broschüre „Die Rückkehr der Gemäldegalerie“, die zunächst für Sponsoren und Förderer gedacht war, verbreiten wir jetzt in größerem Umfang, auch im politischen Raum.

Was ist denn Ihre Zukunftsvision für das Kulturforum?

Es ist ein Kristallisationspunkt der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und des Aufbruchs in die Moderne in das pulsierende Berlin, wie es in Kirchners Gemälde „Potsdamer Platz“ dargestellt ist. Dort, wo heute die repräsentativen Botschaftsgebäude stehen, gab es das großbürgerliche, häufig von jüdischen Bürgern bewohnte Gebiet, deren Villen abgerissen wurden, um dem Größenwahn des Nationalsozialismus Platz zu machen. Im Bendlerblock wurden die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus hingerichtet. Hier verlief die Mauer, und am Potsdamer Platz manifestierte sich auch der Wiederaufbau nach der Wende.

Und mittendrin die Museen.

Rund um das Kulturforum gibt es die weltweit größte Verdichtung von Wissensmagazinen: die Staatsbibliothek, die Kunst- und Kostümbibliothek, das Kunstgewerbemuseum als Wissensarchiv der guten Form, das Filmhaus mit der Kinemathek, den Martin-Gropius-Bau. Allein im Kupferstichkabinett ist alles Bildwissen aus der Zeit vor der Erfindung der Fotografie präsent. Aus diesen Bausteinen ein Zentrum kunsthistorischen Wissens zu bilden, das ist die Perspektive; eine Gesamtheit des 20. Jahrhunderts und seiner bild- und formgeschichtlichen Vorgeschichte am Kulturforum. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, klarzumachen, wie viel wir für Berlin mit den beiden Zentren Museumsinsel und Kulturforum gewinnen. Für dieses Szenario lohnt es sich, zu streiten.

– Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christiane Peitz.

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