Kultur : Michael Glasmeier: Rauchzeichen aus der Kunstbuchsammlung

Knut Ebeling

Es gibt zwei Arten von Texten: Solche, die man über Leute schreibt, die nicht selber schreiben, und solche, die man über Leute schreibt, die dies tun. Wie man weiß, gehört der Berliner Kunsthistoriker Michael Glasmeier zu den Leuten, die schreiben. Und zwar viel schreiben: Als Serienrezensent des Berliner Stadtmagazins "Zitty" ist Glasmeier in der glücklichen Lage, über ein Buch nach dem anderen schreiben zu können. Seine Lage ist deswegen glücklich, weil Glasmeier nicht über irgendwelche Bücher schreibt, sondern ausschließlich über Kunstbücher. Und Kunstbücher sind dafür bekannt, besonders schöne Exemplare ihrer Gattung zu sein, und jedes wandert nach der Besprechung in seinen Besitz über. Auf diese besonders glückliche Weise hat der Kunsthistoriker Glasmeier eine sagenumwobene Sammlung von Kunstbüchern anlegen können. Bisher konnte man nur spekulieren, welch unermessliche Schätze in dieser Kunstbibliothek vergraben sein mögen oder stellte sich gar vor, wie die Kunstbuchsammlung den Kunstbuchsammler unter sich begräbt.

Nun aber hat Michael Glasmeier selbst ein Buch publiziert. Natürlich ein Kunstbuch. Und wie alle Kunstbücher des Kunstbuchsammlers Glasmeier ist es ein richtiges Kunstbuchsammler-Buch: Kreuz und quer führt die Essay-Sammlung "Üben" durch die Kunst- und Kulturgeschichte. Eben noch bei der Betrachtung einer Baustelle als Kunstwerk, ist man schon bei der Kartographie in der Arktis angekommen; vorbei am vernachlässigten Medium der Lichtpause geht es bis zu einer kleinen Philosophie des Kapuzentragens. Ein Schlenker hierhin, ein Schlenker dorthin. Manchmal schwindelt einem beim Lesen.

Es schwindelt einem auch darum, weil Glasmeier einen auffälligen Hang zum Unwahrscheinlichen, ja Phantastischen entwickelt. Er begeistert sich für absonderliche Ideen. Wie beispielsweise der, dass man über Kunst nur in Anwesenheit der Kunstobjekte sprechen könne - eine Idee, die der These Hegels genau zuwiderläuft, nach der man über ein Objekt nur in seiner Abwesenheit verhandeln könne. Bei diesem Sprechen im Angesicht der Objekte kommt Glasmeier zu denkwürdigen Einsichten: wie der, dass in denjenigen Berliner Bezirken, in denen am wenigsten verdient wird, auch das meiste gesoffen wird. Was am Stammtisch der Kulturgeschichte zählt, ist der Schaum auf dem Pils der Kunst. Dort bläst der Essayist hinein - und das ist dann die Welt.

Es schwindelt einem aber vor allem auch darum, weil die Texte Glasmeiers ohne jede kunsthistorische Absicherung funktionieren. Außer wenn er berichtet, dass er in Rom jedes Mal zuerst in die Kirche San Maria del Popolo gehe, um Caravaggios "Bekehrung Pauli" zu sehen, reflektiert Glasmeier nicht über ein Wissen, dessen Status kanonisiert ist. Stattdessen benutzt er das Kunstwerk als Vehikel des Nichtwissens - auch wenn einen manchmal das Gefühl beschleicht, dieser Diskurs sei schon in die seichten Niederungen der akademischen Selbstzufriedenheit abgedriftet. Der Ton der gepflegten Selbstdistanz, in dem Glasmeiers augenzwinkernde Essays verfasst sind, hat sein Verfallsdatum. Doch das hat ihren Autoren noch nicht ereilt. Solange die Sätze die Beine übereinanderschlagen und die Gedanken Rauchzeichen in die Luft blasen, ist die Kunstbuchwelt noch in Ordnung. Jedenfalls für Leute, die so routiniert Essays schreiben wie Michael Glasmeier.

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