Michael Kleebergs Großroman "Vaterjahre" : Die Schließung des Horizonts

Die Rückkehr von Charly "Karlmann" Renn: Michael Kleeberg schenkt in "Vaterjahre" seinem Gewöhnlichkeitshelden einen zweiten Auftritt.

Erhard Schütz
Cover von "Vaterjahre"
Cover von "Vaterjahre"Foto: Verlag

Ein Mann, der mit fünfunddreißig Jahren gestorben ist, wird dem Eingedenken an jedem Punkte seines Lebens als ein Mann erscheinen, der mit fünfunddreißig Jahren stirbt.“ So wandelte Walter Benjamin in seinem Essay „Der Erzähler“ einen Satz Moritz Heimanns ab, um daraus zu folgern, wie der Roman nicht mehr erzählen könne, nämlich Rat zu wissen und den „Sinn des Lebens“ wahrnehmbar zu machen.

Charly Renn, der Protagonist von Michael Kleebergs Roman „Vaterjahre“, ist 40 und noch höchst lebendig, dafür aber schon durch die Fragen seines Töchterleins mit dem Tod konfrontiert, und dadurch dem Sinn des Lebens. Nun ist Charly, wie man aus dem Roman „Karlmann“ von 2007 wissen kann, eine Gestalt, die mit metaphysischen Tröstungen oder deren Ersatz durch die Künste nichts im Sinn hat.

Charly hat nie den Ernst des Lebens erfahren wollen oder müssen, er ist immer auf die Füße gefallen und dabei nach oben gestolpert. Er erfreut sich an perfekten Uhren, Rennrädern und Golfspielen. (Boxen, wie der Umschlag suggeriert, gehört allerdings nicht dazu.) Doch ist er in dem Alter, in das auch Hans Castorp gekommen wäre, der einfache Mensch vom „Zauberberg“, wäre er nicht jung in den Krieg geschickt worden. Charly also hat zum zweiten Mal geheiratet und mit seiner Frau, einer Ärztin, unverdientes Glück. Sie behütet ihn, ohne ihn zu beglucken, hilft ihm aus der erniedrigenden Krise, als er sich bei einer Panikattacke mitten auf Hamburgs Köhlbrandbrücke buchstäblich in die Hose macht, lässt ihm seine Spielräume und kümmert sich neben dem eignen Beruf um Haushalt, Sohn und Tochter. Während er privat therapiert wird, wird er umgekehrt von seinem Unternehmensberater-Freund und Konkurrenten quasi als Verhaltenstherapeut der Firma eingesetzt, für die er – noch – arbeitet. Darauf wird er Geschäftsführer einer altehrwürdigen hanseatischen Firma, die im Chile-Haus residiert.

Was passiert sonst noch? Es gibt eine Rennradtour in den Bergen, den Besuch der Schwiegereltern, die Visite bei einer alten Freundin, die jetzt in einer hyperästhetischen Villa in Potsdam residiert, eine Exkursion mit der Elternfamilie zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, Golfspiel und berufliche Verhandlung mit Asiaten. Alles so easy wie banal. Privatleben, Arbeit und Umfeld. So lauten auch die Kapitelüberschriften.

Wäre da am Ende nicht der Tod, nämlich der Familienhund zu begraben. Angesichts der Terroropfer desselben Tages, des 11. September 2001, handelt es sich auch dabei eher um eine Banalität. Oder auch nur angesichts des jämmerlichen Säufertodes des Freundes Jost. Charly stirbt zwar nicht, aber er befindet sich in jener Phase, in der sich, wie es im Roman heißt, die „soziale Fontanelle“ geschlossen hat. Er erlebt einen kleinen Tod: den für jugendliche Allmachtsgefühle und schrankenlose Horizonte.

Kleeberg bezeichnet die Form seiner Prosa gern als "Erzählplasma"

Wie, fragt sich der Erzähler, lässt sich ein solches Leben zwischen Alltag und Familie, Beruf und Freunden, überhaupt erzählen? Selbstverständlich ist er überzeugt, das zu können. Doch dazu bedarf es eben einer gewissen Meisterschaft.

So waren unsere Neunzigerjahre. Der Erzähler Michael Kleeberg.
So waren unsere Neunzigerjahre. Der Erzähler Michael Kleeberg.Foto: Renate von Mangoldt/DV

Wie Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren und seit vielen Jahren in Berlin zu Hause, daraus einen ungemein dichten, mal pathetischen, mal ironischen, mal tiefsinnigen, mal karikierenden, an- und aufrührenden, in alledem lebensklugen, geradezu weisen Roman macht, der uns in Charly uns selbst und unsere Zeit vor Augen führt, und einen zumindest darüber hinwegtröstet, dass das Leben eine „ungerechte Schweinerei“ ist, das ist schlichtweg großartig. Solch ein Trost eben ist, wie das Schlusskapitel vorführt, das Erzählen.

Das verdankt sich der Instanz des Erzählers, oder, wie der Autor es einmal genannt hat, dem „Erzählplasma“, das mal majestätisch wie das Thomas Mann’sche Wir daherkommt, mal die Leser einbezieht, mal seine Figur mit Du anspricht, mal von sich redet. Vor allem reichert es Karlmanns gelegentlich herausgefordertes, doch im Großen und Ganzen eher dahingelebtes Leben als Vater und vielfach Verantwortlicher mit dem uns möglichen Wissen aus Wissenschaft und Künsten an, das freilich nicht immer ganz uneitel angeführt wird. Kurz, der Erzähler als der Anteil nehmende Begleiter steigert dieses Leben ins Exemplarische.

Nehmen wir nur den auf den ersten Blick ebenso befremdlichen wie furiosen Einstieg: Charly ist ergriffen von der Schönheit des schlafenden Töchterleins. Der Erzähler leiht ihm seine Stimme und lässt ihn buchstäblich in Zungen reden. Doch dann muss Charly sich wiederum allein den geängstigten Kinderfragen nach dem Tod stellen.

Dem korrespondiert am Ende die Gewissheit, dass in der kindlichen Psyche Tod und Verlustangst fortan bleiben werden, aber auch die Ahnung, wie selbst ein „erfülltes“ Leben bestenfalls einmal endet – und das, nachdem Charly nicht nur geistesgegenwärtig die Firma gerettet hat, sondern dabei auch fassungslos den falling men des World Trade Center zugesehen hat, zu Hause den Hund eingeschläfert und begraben haben wird und mit dem Erschrecken der Tochter über den erschöpften, todähnlich schlafenden Vater zurechtkommen muss. Das also, der Vorabend und der Tag des 11. September 2001, bildet den Rahmen, in den unsere Neunzigerjahre im Leben des Charly Renn eingelegt sind, Schicht um Schicht.

Da wird eine Beerdigung zur parodierenden Kritik einer Theologie à la Margot Käßmann, da wird ein Verwandtenbesuch aus Neubrandenburg zu einer virtuosen Darstellung nicht nur des Plattenbaulebens, sondern zur Abrechnung mit den totalitaristischen Zügen avantgardistischer Architektur à la Le Corbusier überhaupt – und schafft es doch zugleich, plastisch zu machen, wie hier tiefe Heimatgefühle entstanden. Da wird eine witzig beobachtete, auf einer Art Englisch geführte Verhandlung mit indonesischen Geschäftspartnern zum Lehrstück über Verständigung auch im Nichtverstehen. Und so fort. Die Anzahl der vorbeistreifenden, nie bloß zweidimensionalen Charaktere des Romans erreicht fast die von Marcel Proust, dessen „Combray“ Kleeberg übersetzt hat. An ihm geschult ist die minutiöse Beobachtung. Und wie bei Proust wird keiner, bei aller Schärfe der Charakteristik, denunziert, sondern in jener Menagerie gehegt, die, von außen gesehen, nun einmal das Leben ist.

Kleebergs Roman verdankt sich literarisch wie gesellschaftlich einem Konservatismus aus Erfahrung. Gesellschaftlich bedeutet das, zwischen Individuellem, Sozialem und Biologischem zu vermitteln. Literarisch stützt sich das Modell auf John Updikes „Rabbit“-Romane, stilistisch ist es geschult an Thomas Mann und Heimito von Doderer. In seiner aus Beobachtung und Selbstbeobachtung, Erfahrung und Lektüre gewonnenen Lebens- und Welterfahrung aber gemahnt das Ganze an den unvergleichlichen Skeptiker Montaigne. Eine solche erzählerische, intellektuelle und menschliche Reife hat kaum ein anderes Buch des Herbstes zu bieten.

Michael Kleeberg: Vaterjahre. Roman. DVA, München 2014. 503 S., 24,99 €.

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