Michael Müllers Konzept fürs Humboldtforum : Zeigen, was Berlin zur Weltstadt macht

Eine neue Idee für das Humboldtforum: Hier kann die Hauptstadt dokumentieren, wie die Welt Berlin verändert und Berlin die Welt – im Geiste der Brüder Humboldt. Ein Gastbeitrag des Regierenden Bürgermeisters.

Michael Müller
Der Naturforscher, Schriftsteller und große Intellektuelle Alexander von Humboldt (1769–1859) in seinem Berliner Arbeitszimmer.
Der Naturforscher, Schriftsteller und große Intellektuelle Alexander von Humboldt (1769–1859) in seinem Berliner Arbeitszimmer.Foto: imago/Leemage

Es ist eines der spannendsten kulturellen Projekte unserer Zeit. Im Herzen der Stadt, unweit der Museumsinsel, in Sichtachse zu Dom und Rotem Rathaus, soll 2019 das Humboldtforum seine Pforten öffnen. Über seine Hülle, die mit der rekonstruierten Fassade des alten Stadtschlosses gewissermaßen die Vergangenheit in die Gegenwart holt, wird auch heute noch viel und gut gestritten. Aber es ist vor allem sein Innenleben, das uns staunen machen wird.

Wir dürfen uns auf einen einzigartigen Ort freuen, der Kunst und Kultur aller Kontinente dieser Welt nicht nur zeigt, sondern sie miteinander in den Dialog treten lässt und darüber das geistige Vermächtnis seiner Namensgeber, Alexander und Wilhelm von Humboldt, lebendig erhält: Toleranz, Aufklärung, Bildung, Freiheit und Weltoffenheit. Die großartigen europäischen Sammlungen auf der Museumsinsel werden ergänzt um die außereuropäischen im Humboldtforum.

Und dort, im ersten Stock, der Beletage, wird Berlin seinen Platz haben. Über 4000 Quadratmeter dafür, seine Geschichte zu erzählen. Unsere Stadt kann zeigen, dass sie immer noch in dem libertären Takt schlägt, den die Humboldt-Brüder vorgegeben haben. Unsere Stadt kann zeigen, dass sie Spiegelbild der deutschen und europäischen Zeitgeschichte ist, man hier im Guten wie im Bösen alles ablesen kann, was Deutschland in den vergangenen 200 Jahren ausgemacht hat. Unsere Stadt kann den Berlinerinnen und Berlinern wie auch ihren Gästen zeigen, welche Ideen von ihr und dem ganzen Land ausgegangen sind, wie die Welt sie geprägt hat und umgekehrt sie auch die Welt.

Wie hat es Berlin geschafft, in die Welt zu gelangen?

Natürlich beschäftigt mich die Frage, wie Berlin seine Flächen im neuen Humboldtforum nutzen sollte. Die „Welt der Sprachen“, ein von der Zentral- und Landesbibliothek entwickeltes Konzept, ist ein sehr interessantes Format. Aber sind 1200 Quadratmeter Sprachlabor und 1800 Quadratmeter Bibliothek geeignet, uns zu erklären, worin die Idee der Humboldts besteht und warum dieses Forum genau den richtigen Platz in Berlin hat?

Wir sollten den Berliner Beitrag zum Humboldtforum größer und weiter denken. Wir brauchen ein Ausstellungsformat, das davon erzählt, welche Idee Berlin und Deutschland von sich hat und auf welchen Ideen die Metropole und das Land gründen. Das zeigt, wie Berlin es geschafft hat, in die Welt zu gelangen, und wie die Welt nach Berlin und nach Deutschland gefunden hat.

Langzeitdokumentation vom Bau des Berliner Stadtschlosses
Das sieht doch nach was aus. Nicht wahr. In fast 30 Meter Höhe ...
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1 von 479Foto: Kitty Kleist-Heinrich
02.05.2016 11:39Das sieht doch nach was aus. Nicht wahr. In fast 30 Meter Höhe ...

Geschichte muss nicht chronologisch erzählt werden. Das wirkt oftmals ermüdend statt spannend. Was mir vorschwebt, ist etwas anderes: eine Ausstellung, in der Erzählungen gebündelt werden, die den Lebens- und Kulturraum Berlin in seiner Beziehung zu Deutschland differenziert, reflektiert und zugleich sinnlich darstellen. Also kein Stadtmuseum, kein Rückgriff auf die Gestaltungstradition des 19. Jahrhunderts, sondern eine moderne Bearbeitung des „Deutschen Labors Berlin“ nach den Ideen der Humboldts.

Ihre Themen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne die Verpflichtung, alle zu jeder Zeit auszustellen: Politik, Wissenschaft, Kultur, Architektur, Verkehr, Industrie, Lebensweisen oder Migration. Eine solche Ausstellung im Humboldtforum breitet nicht aus, sie verdichtet: Eine Metropole, zwei Jahrhunderte, große Erzählungen, die keine Rührstücke sind und den Sachverhalten und Zeitläufen keine Gewalt antun.