Michael Wolf über Krieg und Trauma : Deuten und Vorausdenken

Ein faszinierender Streifzug durch die Epochen: Der Soziologe und Psychologe Michael Wolf hat ein Buch über Krieg, Terror und Trauma geschrieben.

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Trauer nach der Manchester-Attacke. Michael Wolf schreibt über die Auswirkungen von Terror und Krieg auf Psyche und Gesellschaft.
Trauer nach der Manchester-Attacke. Michael Wolf schreibt über die Auswirkungen von Terror und Krieg auf Psyche und Gesellschaft.Foto: AFP

Amerikaner begehen den 4. Juli, ihren Nationalfeiertag, mit fulminanten Feuerwerken. Seit einigen Jahren nun sieht man in Vorgärten Schilder mit der Bitte um weniger Krachen und Knallen. „Combat Veteran lives here. Please be courteous with fireworks“, ist darauf zu lesen: „Hier wohnt ein Kriegsveteran. Bitte nehmen Sie Rücksicht beim Feuerwerk.“ Entworfen hat die Schilder eine Organisation, die sich um ehemalige Militärangehörige mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTSB) sorgt.

Sie sollen nicht an Gefechtslärm erinnert werden, was bei ihnen Stress und Ängste auslösen kann. Die Schilder sind rührende, ein wenig hilflose Anzeichen dafür, dass man in westlichen Demokratien beginnt, sich der mächtigen Dynamik traumatisierender Erfahrungen bewusst zu werden. Doch noch werden Spuren seelischer Verletzung häufig bagatellisiert oder als Schwäche missachtet.

Mit seinen Studien will der Soziologe, Psychologe und praktizierende Analytiker Michael Wolf zur fälligen nächsten Etappe der Aufklärung beitragen. (Michael Wolf: Krieg, Trauma, Politik. Gewalt und Generation: Die unbewusste Dynamik. Brandes und Apsel Verlag, Frankfurt a. M, 232 Seiten, 29,90 €). Aufklärung ist nicht nur rationales Mündigwerden der Vernunft, sie bedeutet auch das Erkennen der irrationalen Motivationen, die ihr im Weg stehen.

Wolf liegt daran, einem breiten Publikum Basiswissen über das Unbewusste hinter Krieg, Terror und Trauma zugänglich zu machen, indem er die Kontexte zwischen den drei Sphären erhellt. Die „latenten Texte“ sollen lesbar werden, die etwa dem Krieg als „psychopathischer Kommunikation“ zugrunde liegen. Es geht ihm darum, die universellen, seelischen Mechanismen der Verleugnung und Abspaltung von Traumata aufzuzeigen, die nicht allein auf die Individuen einwirken, sondern auf Gesellschaften und deren Geschichte. Hier leistet Wolf teils Hervorragendes, vor allem für den Zugang zur Frage der transgenerationellen Weitergabe von Traumata. Was eine Generation nicht verdauen, bewältigen konnte oder wollte, wird „transponiert“, unbewusst weitergereicht an die nächste. Geltung hat dieser Mechanismus nicht allein für die Kette der traditionellen Kriege und die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sondern auch für die vermeintlich aufgeklärte Gegenwartsgesellschaft. Ihr fehlt beim Deuten und Erfassen aktueller Bedrohungen weitgehend ein Bewusstsein der Dynamik, der sie sich ausgesetzt sieht, wie die Veteranen dem Feuerwerk.

Terror als Angsterzeugung

Massive Umbrüche durch Modernisierung und Globalisierung erschüttern Millionen von Menschen in ihren personalen Identitäten, besonders in Staaten wie den arabischen, die ganze Entwicklungsphasen, so Michael Wolf, „wie im Zeitraffer durchlaufen.“ Überforderung und Erschrecken beim Aufeinanderprallen der Zivilisationen erzeugen Angst und mit ihr Regression wie Aggression. Seit dem Ende des Kalten Krieges und dessen säkularer Ideologiekonkurrenz bietet sich „Religion“ als neuer Botenstoff für ideologisierte Identitätskämpfe an. So sind die Terroristen unter den Zeitgenossen nicht mehr die RAF oder die Roten Brigaden, sondern die Dschihadisten und Salafisten unsrer Tage. Abspaltend wollen sie anderen aufzwingen, was sie selber psychisch terrorisiert – und Terror ist ein Wort für Angsterzeugung. Angst soll die „Feinde“ der Tradition zur Regression zwingen, ins Zurück zu Patriarchat, zum Entrechten der Frauen und so fort.

Parallel wird im Westen die neue Neigung zu Nationalismus, Führung und Autorität beobachtet. Wolf analysiert hier innerstaatliche Feinderklärungen an ganze Gruppen wie „die“ Zuwanderer, widmet sich aber auch beispielhaft dem Typus Berlusconi und spiegelt ihn teils schon an Donald Trump.

Auch wenn Wolf, der sich auf prominente Mitstreiter wie Vamik Volkan, Sudhir Kakar, Lloyd de Mause oder Stavros Mentzos beruft, mitunter im Eiltempo durch die Epochen streift, ist sein Stück Aufklärung von A bis Z faszinierend und lesenswert. Ein Geschenk für Lesende, besonders aber – hoffentlich – für die politisch Verantwortlichen.

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