Michail Lifits : Der Himmel über Charlottenburg

Gregor Willmes betreut für den Klavierbauer C. Bechstein eine Konzertreihe im Stilwerk. Hier spielen Talente wie der Pianist Michail Lifits, der mit den Mozart-Interpretationen seines Debütalbums für Aufsehen gesorgt hat.

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Tasten und Türme. Gregor Willmes im Konzertsaal mit Ausblick. Foto: Thilo Rückeis
Tasten und Türme. Gregor Willmes im Konzertsaal mit Ausblick.Foto: Thilo Rückeis

Wie wird man ein Starpianist? Am besten natürlich, man hat einflussreiche Mentoren. Dass sich Daniel Barenboim und Christoph Eschenbach des jungen Lang Lang angenommen haben, dass sie mit ihm gearbeitet, ihn für Konzerte engagiert und CDs mit ihm aufgenommen haben, gab der Karriere des Chinesen einen entscheidenden Kick. Allein an der Virtuosität liegt es selten, wenn junge Musiker schnell sehr berühmt werden. Extrem flinke Finger nämlich haben alle Hochschulabsolventen. Yundi Li, noch so ein chinesisches Wunderkind, erhielt zur selben Zeit wie Lang Lang einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon. Zum weltbekannten Mediendarling wurde nur einer der beiden.

Selbstverständlich müssen potenzielle Klassikstars auch eine überdurchschnittliche physische Kondition mitbringen, um das ewige Herumjetten von Auftritt zu Auftritt durchzuhalten. Und natürlich hilft es, wenn sie bereit sind, jeden Werbequatsch mitzumachen, und notfalls auf dem Kopf stehend in einer Fernsehshow „Für Elise“ auf dem Plexiglasflügel spielen.

Gregor Willmes beobachtet die internationale Pianistenszene intensiv – und er kann Dutzende Beispiele von grandiosen Künstlern nennen, die nicht nach ganz oben gekommen sind, obwohl sie interpretatorisch mehr zu sagen haben als ihre hoch bezahlten Konkurrenten. Nachzulesen ist das im Interpretenlexikon „Pianisten Profile“, das Willmes gemeinsam mit Ingo Harden herausgegeben hat.

Seit 15 Jahren trägt der 1966 in Wanne-Eickel geborene Willmes allerdings auch dazu bei, dass die Öffentlichkeit von herausragenden Klaviervirtuosen Notiz nimmt. Zunächst als Chefredakteur bei der Fachzeitschrift „Fono Forum“, außerdem als Juror beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik – und seit 2008 als Kulturmanager der Firma C. Bechstein. Der traditionsreiche Klavierbauer leistet sich in Berlin nämlich nicht nur weitläufige Geschäftsräume im Stilwerk, sondern auch eine eigene Konzertreihe. Ein halbes Dutzend Künstler darf Willmes pro Saison einladen. Im „Forum“ des Edel-Möbelhauses an der Kantstraße werden dann 200 Stühle aufgestellt sowie ein D-Flügel. In der Pianistenszene sind damit die prachtvollsten Instrumente gemeint, 2,82 Meter lang und rund 120 000 Euro teuer, wenn es sich um einen Bechstein handelt.

Der Transport des guten Stücks von der Verkaufsfläche im 4. Stock zum Veranstaltungsraum eine Etage höher ist dabei jedes Mal eine Herausforderung. Vom ungünstig gelegenen Lastenaufzug müssen die 540 Kilogramm Kulturgut nämlich mit Muskelkraft übers Dach zum Saaleingang getragen werden. Die Zuschauer genießen dafür von hier oben einen tollen Blick: Rechterhand grüßt der Funkturm herüber, linkerhand reckt sich der neue Waldorf-Astoria-Turm in den Berliner Himmel.

Gregor Willmes steht an den Konzertabenden persönlich am Eingang, um die Karten abzureißen. Das übrige Servicepersonal rekrutiert sich aus Verkäufern, die sonst im Geschäft die Klavierkunden beraten. Extrakräfte zu beschäftigen ist im Budget nämlich nicht drin, die Konzerte sind sowieso ein Zuschussgeschäft, selbst wenn der Saal ausverkauft ist. Manche der eingeladenen Pianisten merken erst bei ihrem Auftritt hier, dass es nicht immer Steinway sein muss. Und die Zuhörer wiederum bekommen einen Eindruck vom Bechstein-Klang. Für den heutigen Freitag hat Gregor Willmes den 31-jährigen Michail Lifits eingeladen. Der sorgte im vergangenen Jahr mit seinem Debütalbum beim Label Decca für Aufsehen – weil er keine aberwitzig schweren Tastenkracher ausgewählt hatte, sondern ausschließlich Stücke von Mozart. Zarte, feingliedrige Musik also, bei der sich der Interpret nicht hinter seiner Virtuosität verstecken kann, sondern sein Herz öffnen muss. Ein feines Stilgefühl zeigt Lifits dabei. Und Mut zum Langsamen wie zum Leisen. Mozart wird der im usbekischen Taschkent geborene, in Hannover ausgebildete Pianist natürlich auch am heutigen Freitag spielen, außerdem Schumanns „Kreisleriana“ und die Corelli-Variationen von Rachmaninow.

Pianist Michail Lifits Foto: Felix Bröde
Pianist Michail LifitsFoto: Felix Bröde

Gregor Willmes hat Michail Lifits nicht erst durch die CD entdeckt, sondern schon 2009, bei einem Bechstein-Konzert, zu dem der Pianist als einfacher Zuhörer gekommen war. Locker-flapsig, wie Menschen aus dem Ruhrgebiet sein können, kommentierte der Kulturmanager beim Kartenabreißen: „Sie sehen aus wie ein Musikstudent!“ Lifits reagierte ebenso unbefangen, die beiden kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass Lilya Zilberstein, die Interpretin des Abends, Mitglied der Jury gewesen war, von der Lifits gerade den renommierten Bozener Busoni-Preis zugesprochen bekommen hatte.

Neben jungen Talenten – Alice Sara Ott, Kit Armstrong oder auch Yevgeny Sudbin traten schon im Stilwerk auf, als sie noch Geheimtipps waren – lädt Gregor Willmes ebenso gerne erfahrene Klavierprofessoren ein. Oder Künstler, die sich bereits in anderen Ländern einen Namen gemacht haben, wie Shani Diluka, eine in Monaco aufgewachsene Pianistin sri-lankischer Abstammung, die nach vielen Erfolgen in Frankreich nun im Oktober in Berlin debütiert.

Einen Zukunftstraum hat der Kulturmanager auch: den nämlich, dass Bechstein irgendwann wieder über einen eigenen Konzertsaal verfügen kann, so wie von 1892 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Chancen dafür stehen gar nicht mal so schlecht. Stefan Freymuth, dem neuen Hauptaktionär der Firma, gehört eine der größten Immobilienverwaltungen Berlins.

Michail Lifits im C.-Bechstein-Centrum im Stilwerk, Kantstr. 17, heute 26.4., 20 Uhr

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