Michail Schischkins Brief an Europa : Putins Schwarzes Loch

Russland befindet sich im Kriegszustand. Doch der Westen kuschelt noch und will seine Ruhe. Mit einem Brief an Europa will der russische Autor Michail Schischkin die Menschen wachrütteln.

Michail Schischkin
System der Lüge. Russlands Präsident Putin am Schwarzen Meer.
System der Lüge. Russlands Präsident Putin am Schwarzen Meer.Foto: dpa

Ich erinnere mich, wie ich als Kind in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift für Erwachsene über Schwarze Löcher im Weltall gelesen habe. Der Gedanke, dass diese Bruchstellen im Weltgefüge unseren Kosmos aufsaugen können, beunruhigte mich so lange, bis ich verstand, dass das alles so weit weg war, dass es nicht bis zu uns kommen konnte.
Doch jetzt hat ein Schwarzes Loch unsere Welt ganz in der Nähe durchbrochen. Und hat begonnen, Häuser, Straßen, Autos, Flugzeuge, Menschen und ganze Länder in sich aufzusaugen. Die Ukraine und Russland sind bereits in dieses Schwarze Loch gestürzt. Vor unseren Augen saugt es Europa auf. Dieses Loch im Weltgefüge ist die Seele eines sehr einsamen, alternden Mannes. Dieses Schwarze Loch ist seine Angst.

Fernsehbilder, die das Ende von Hussein, Mubarak und Gaddafi ins Gedächtnis gebrannt haben, waren Grüße, die ihm das Schicksal aus exotischen Ländern geschickt hat. Die Proteste Hunderttausender in Moskau, die dem selbst ernannten Herrscher die Freude seiner Inaugurationsfeier verdarben, wirkten wie ein Signal der sich nähernden Gefahr. Mit der beschämenden Flucht Janukowitschs wurde die Alarmsirene eingeschaltet: Wenn die Ukrainer es schafften, ihre Bande zu verjagen, so konnte dies nur ein Beispiel zur Nachahmung für das Brudervolk sein. Ohne Verzögerung stellte sich der Überlebensinstinkt ein.

Es gibt ein universelles Rezept zur Rettung einer Diktatur: Man muss sich einen Feind schaffen. Es braucht einen Krieg. Der Kriegszustand ist das Lebenselixier eines Regimes. In der patriotischen Ekstase vereint sich die Bevölkerung mit ihrem „nationalen Anführer“, und alle Unzufriedenen kann man des „nationalen Verrats“ beschuldigen.

Vor unseren Augen wandelte sich das russische Fernsehen von einem Mittel der Unterhaltung und Verblödung zu einer Massenvernichtungswaffe. Journalisten wurden zu einer besonderen Art von Truppe, vielleicht zur wichtigsten überhaupt, mehr wert als die strategischen Raketentruppen. Im Gehirn der Zombie-Nation festigte sich das Weltbild: Die Ukrofaschisten, die den Willen des Westens vollstrecken, führen einen Vernichtungskrieg gegen die „russische Welt“.

„Auf der Krim gibt es keine russischen Soldaten“, vermeldete man im Frühling der ganzen Welt mit scheelem Grinsen. Im Westen konnte man das nicht verstehen: Wie konnte Putin seinem Volk so unverfroren ins Gesicht lügen. Doch die Bevölkerung nahm das nicht als Lüge wahr: Wir verstehen unter uns doch alles, man betrügt schließlich den Feind, das ist keine Sünde, sondern reine Soldatentugend. Mit welchem Stolz wurde dann zugegeben: „Ja, es waren russische Soldaten auf der Krim!“

Die Menschen glauben an die Lüge

So sind wir in die sowjetischen Zeiten der totalen Lüge zurückgekehrt. Die Macht schloss damals mit ihrer Bevölkerung einen Gesellschaftsvertrag ab, nach dem wir über Jahrzehnte gelebt haben: Wir wissen, dass wir lügen und dass ihr lügt, und wir lügen weiter, um zu überleben. Unter diesem contrat social sind Generationen groß geworden. Man darf diese Lüge nicht einmal als Sünde bezeichnen, denn in ihr konzentrierten sich die Kraft der Vitalität und die Stärke des Überlebensdrangs. Der Überlebenswille im Gefängnis verlangt von einem Menschen bestimmte Qualitäten, einen bestimmten Aufbau der Psyche. Die Macht fürchtete sich vor ihrem eigenen Volk und log deswegen. Die Bevölkerung nahm an dieser Lüge teil, denn sie fürchtete sich vor der Macht. Die Lüge wurde zur Existenzsicherung einer Gesellschaft, die auf Gewalt und Furcht basierte. Doch Gewalt und Furcht sind zu wenig für so eine allumfassende Lüge.

Warum schreibt der Vater eines Fallschirmspringers, der ohne Beine aus der Ukraine nach Russland zurückgekommen ist, auf Facebook: „Mein Sohn ist Soldat, er hat seine Befehle ausgeführt, deshalb handelt er, egal, was mit ihm passiert, richtig, und ich bin stolz auf ihn“? Das menschliche Bewusstsein verbietet sich den Gedanken, dass dein Sohn loszog, sein Brudervolk umzubringen, und nicht bei der Verteidigung seines Vaterlandes vor realen Feinden zum Krüppel wurde, sondern wegen der panischen Furcht eines mittelmäßigen Oberstleutnants, der Angst hat, seine Macht zu verlieren, und wegen der Ambitionen eines Haufens von Dieben und Veruntreuern von Staatsgeldern, die seinen Thron umschwärmen. Wie soll man auch zugeben, dass das eigene Land, die eigene Heimat der gemeine Aggressor ist und der eigene Sohn – ein Faschist? Die Heimat steht doch immer auf der Seite des Guten. Wenn Putin deshalb seinem Land ins Gesicht lügt, so wissen alle, dass er lügt, und er weiß selbst, dass es alle wissen, aber seine Wählerschaft ist mit seinen patriotischen Großlügen einverstanden.

Wenn Putin den westlichen Politikern unverfroren ins Gesicht lügt, schaut er nicht ohne Spaß auf ihre Reaktionen, sonnt sich in ihrer Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Er möchte, dass Kiew wie ein verlorener Sohn auf den Knien in den Schoß des väterlichen Imperiums zurückgekrochen kommt. Er ist überzeugt, dass Europa sich beruhigt und die Ukraine der brüderlichen Vergewaltigung opfert.

Die rote Linie

Die Sanktionen der westlichen Staaten gegen Russland sind Ausdruck einer zaghaften Hoffnung, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten könnten bei der russischen Bevölkerung Unzufriedenheit mit ihrem Regime hervorrufen und sie zu aktivem Protest animieren. Doch das ist leider eine vergebliche Hoffnung. Ein bekanntes russisches Sprichwort besagt: „Schlag die eigenen Leute, damit die anderen sich vor dir fürchten.“ Man kann sich nicht vorstellen, dass in Paris oder Berlin plötzlich ein Befehl erlassen wird, auf einen Schlag den Import von Nahrungsmitteln zu verbieten. Ein explosionsartiger Aufruhr würde das Land noch am selben Tag zersprengen.

Doch in Russland erhöhte eine solche Anordnung die bereits schon überbordende Zustimmung für den Machthaber nur. Putin kennt den Unterschied zwischen seiner Macht und der Macht der europäischen Demokratien. Demokratische Regierungen tragen Verantwortung für ihre Bevölkerung und ihre Zukunft, in einer Diktatur aber gibt es nur die Verantwortung zur Ausführung von Befehlen. Jeder Diktator hofft auf seine Unsterblichkeit, und wenn dies schon nicht möglich ist, so ist er doch bereit, alle mit sich in das Schwarze Loch zu schleppen, die er verachtet. Und er verachtet alle, eigene und fremde Leute.

Putin weiß, dass der Westen nicht bereit ist, die rote Linie, die er schon längst hinter sich gezogen hat, zu überschreiten. Diese Linie bezeichnet die Bereitschaft, Krieg zu führen. Für die menschliche Psyche ist es schwierig, von der Nachkriegszeit in die Vorkriegszeit überzugehen. Die Mittel des informativen Massenterrors in Russland halfen den Russen, diesen Schritt zu vollziehen. Russland befindet sich bereits im Kriegszustand. In einem unerklärten Krieg gegen den Westen. Särge mit gefallenen russischen Soldaten sind aus der Ukraine in die russischen Städte gebracht worden. Psychologisch hinkt Europa hinterher, es kuschelt noch in der entspannten Vorkriegswelt. Man will weiter seinen Spaß haben. Aber jetzt ist Schluss mit der Spaßgesellschaft.

Die Europäer sind noch nicht bereit für die neu eingetretene Realität. Lasst uns in Ruhe! Macht alles wieder so, wie es war: Arbeitsplätze, Gas, Frieden! Keine Waffenlieferungen an die Ukraine! Im Zeitalter der Atomwaffen darf auf keinen Fall wegen eines Ortes wie Mariupol ein kriegerischer Konflikt vom Zaun gebrochen werden! Soll die Welt wirklich in einer Katastrophe versinken, nur weil die Ukraine nach Europa möchte? Schließlich spricht Putin perfekt Deutsch! Die Amerikaner wollen uns mit den Russen entzweien! An allem sind die amerikanischen Imperialisten und die europäischen Bürokraten schuld! Warum braucht es Sanktionen, wenn diese auch uns treffen? Moskau verteidigt in der Ukraine seine Interessen! Vielleicht sind in Kiew ja wirklich Faschisten an der Macht? Warum sollen wir die dann unterstützen und mit Russland streiten? Putin schlägt Frieden vor! Wir wollen Frieden!

Das Loch wird größer

Putins Rechnung scheint aufzugehen: Eher wird die westliche Bevölkerung, die durch wirtschaftliche Wirren und die Möglichkeiten eines Krieges aufgeschreckt ist, ihre Regierungen neu wählen und die Putin-Feinde durch Putin-Versteher ersetzen, als dass die Russen wegen wirtschaftlichem Zerfall und steigenden Preisen auf Lebensmittel auf die Straßen gehen. Putin hat Europa seinen contrat social vorgeschlagen. Und mit jedem weiteren Menschen, der bereit ist, ihn einzugehen, wird das Schwarze Loch größer.

Man muss endlich verstehen: Das Nachkriegseuropa steckt bereits wieder in der Vorkriegszeit.

Der Preis: Am 8. Oktober wird auf der Frankfurter Buchmesse zum sechsten Mal der Literaturpreis der Europäischen Union verliehen – und zum zweiten Mal hat die Jury Texte aus 13 Ländern Europas gesichtet. Jedes Jahr zeichnet der Literaturpreis aufstrebende Autoren aus rund einem Drittel Europas aus – mehr Lesestoff wäre für die nationalen Jurys nicht zu bewältigen 2014 kommen die ausgezeichneten Autoren aus Albanien, Bulgarien, Griechenland, Island, Lettland, Liechtenstein, Malta, Montenegro, Niederlande, Serbien, Tschechische Republik, Türkei und dem Vereinigten Königreich. In Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse veröffentlicht der Tagesspiegel zu diesem Preis „Briefe an Europa“ von europäischen Autoren, die auch an einer sich an die Preisverleihung anschließenden Europa-Debatte teilnehmen werden. Der russische Schriftsteller Michail Schischkin macht heute den Anfang. Seinen Text hat Vera Patoka-Meyer übersetzt.

Der Autor: Michail Schischkin, 1961 in Moskau als Sohn einer Ukrainerin und eines Russen geboren, lebt als Schriftsteller in der Schweiz. Für seinen Roman „Venushaar“ erhielt der studierte Germanist 2011 den Internationalen Literaturpreis/Haus der Kulturen der Welt. Zuletzt erschien in der DVA sein Roman „Briefsteller“.

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