• Mies van der Rohe: Eine Tochter erinnert sich: Auszüge aus der Biografie von Georgia van der Rohe

Kultur : Mies van der Rohe: Eine Tochter erinnert sich: Auszüge aus der Biografie von Georgia van der Rohe

Georgia van der Rohe wurde als Tochter eines der bedeutendsten Architekten der Moderne, Ludwig Mies van der Rohe, 1914 in Berlin geboren. Wir bringen Auszüge aus ihrer Biografie "La donna è mobile" (Aufbau-Verlag, Berlin 2001, 381 Seiten, 49,90 DM), die das Leben ihres Vaters betreffen.

1914. Mies und Ada zogen in ein großbürgerliches Fin-de-siècle-Mehrfamilienhaus in Berlin-Lichterfelde West. In diesem Haus wurde ich am 2. März 1914 als Dorothea Mies geboren ...

In Berlin brachen die "goldenen Zwanziger" an. Mein Vater gehörte bald zur Elite der Modernen. Doch der Name Mies klang nach miesem Wetter, miesem Charakter; damit konnte man nicht berühmt werden. So erfand er einen neuen Namen. Offiziell behauptete er, er hätte nur den Namen seines Vaters Mies mit dem Namen seiner Mutter van der Rohe verbunden. Van der Rohe, das leicht adlig klingt, war ein recht snobistischer Schwindel ... Originellerweise wurde der weltberühmte Mies van der Rohe, von dem viele gar nicht wussten, dass er auch einen Vornamen hatte, nur "Mies" genannt.

1927. Im Juli 1927 wurde die Weißenhofsiedlung in Stuttgart eröffnet ... Erstaunlicherweise lud mein Vater trotz seiner Liaison mit seiner engen Mitarbeiterin, der Designerin Lilly Reich, meine Mutter und mich ein, mehrere Tage an den Eröffnungsfeierlichkeiten in Stuttgart teilzunehmen ...Nie wieder hat mein Vater in seinem langen Leben zu wichtigen Ereignissen oder Ehrungen in Deutschland, den USA oder Spanien die eine oder andere seiner Töchter mitgenommen. Die Öffentlichkeit wusste nichts von unserer Existenz ...

Mies lebte luxuriös. Die großräumige Berliner Wohnung Am Karlsbad, die er jetzt allein bewohnte, war mit den für Barcelona entworfenen Möbeln ausgestattet ... Erst gegen Mitternacht begann mein Vater, ein Nachtarbeiter zeit seines Lebens, zu arbeiten, bis vier oder fünf Uhr früh. Doch im Grunde interessierte sich mein Vater nicht für unser Leben, er wusste nie, worüber er mit uns sprechen sollte ...

1938. Die Situation meines Vaters als so genannter "entarteter Künstler" wurde immer prekärer. Als er ein Angebot aus Chicago bekam, verließ er ohne großen Abschied Deutschland. Über die Umstände seiner Emigration gibt es viele unterschiedliche Berichte. Mir erzählte er die Ereignisse nach dem Krieg, zehn Jahre später, folgendermaßen: 1938. Mein Vater war noch in Berlin. Der "Kulturbeauftragte des Führers" Rosenberg (quel nom pour un Nazi!) beorderte ihn zu einer Besprechung ... Rosenberg sagte zu meinem Vater: "Sie wissen, dass der Führer ein besonderes Interesse an Architektur hat. Er hat selbst Entwürfe gemacht. Wären Sie bereit, diese Entwürfe unter Ihrem Namen zu verwirklichen?" Mein Vater konnte sehr smart und diplomatisch sein. Und hier ging es um sein Überleben, das war ihm klar. Er sagte: "Welch ein ehrenvoller Antrag! Erlauben Sie mir, ihn gründlich zu überdenken und Ihnen morgen Bescheid zu geben?" Rosenberg war einverstanden ... Mit einem kleinen Köfferchen fuhr er nachts nach Aachen zu seinem Bruder Ewald, ließ sich dessen Pass geben (den eigenen hatten ihm die Nazis längst abgenommen) und fuhr über die holländische Grenze. In Den Haag stellte ihm der deutsche Konsul ... , einen neuen Pass aus, mit dem er ein Einreisevisum für die USA erhielt und per Schiff Europa verließ. Man versuche nicht, mich zu belehren, es sei anders gewesen ...

1948 besuchten meine Schwester und ich unseren Vater in Chicago ... Mein Vater ging am Stock und war, ganz anders als früher, erstaunlich unelegant mit einem karierten Hemd und einem Anzug von der Stange angezogen. Die große Sechszimmerwohnung war kaum möbliert. Im Livingroom standen ein paar kleine englische Tischchen, ein Nylonsessel und Nylonsofa als Sitzgelegenheit ... Der Tag meines Vaters begann gegen Mittag. Meistens war er am Nachmittag ein paar Stunden in seinem Atelier, wo er mit einer Reihe junger Architekten arbeitete. Eisern um sechs Uhr nachmittags kam er nach Hause, um sich im Fernsehen Gangsterfilme anzusehen, die im Chicago der zwanziger Jahre spielten. Zum Dinner lud er oft Gäste ein ...

1966 hatte mein Vater mich gebeten, für ihn in den Alpen einen geeigneten Urlaubsort zu finden und ihn im Herbst für einige Wochen dorthin zu begleiten. Im Oktober traf ich meinen Vater, der aus Chicago kam, am Airport in Zürich. Mit Chauffeur und Limousine fuhren wir zum Rhônetal und von dort hinauf nach Montana. Wir hatten viele gute Gespräche ... Zum ersten Mal in meinem Leben interessierte er sich für meine künstlerische Arbeit ... Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte er mir nie ein Gefühl der Geborgenheit gegeben. Von Genf flog mein Vater nach Berlin, wo mit dem Bau der von ihm entworfenen Neuen Nationalgalerie begonnen worden war ...

Bevor er nach Chicago zurückkehrte, kam mein Vater noch ein Mal für ein paar Tage zu uns nach München. Er wollte seine Enkelsöhne Frank und Mark sehen und endlich auch mein Domizil kennenlernen ... Zum ersten Mal seit seiner Emigration 1938 saß er wieder auf seinem Barcelona-Sessel, den er in Berlin als Prototyp hatte konstruieren lassen ...

1969. Es war Anfang August 1969, als eines Abends ein Anruf aus Chicago kam. Mein Vater war im Krankenhaus, es ging ihm sehr schlecht ... Pas Atemzüge, fast wie ein Röcheln, wurden schwächer. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen Menschen sterben ... Ein letzter tiefer Seufzer, Pa war tot ...

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