Milo Rau an der Berliner Schaubühne : Gute Menschen gibt es nicht

Labor der Empathie: Milo Raus Theaterprovokation „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ reflektiert das Flüchtlingselend.

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Waten durch Müll. Ursina Lardi (rechts) und Consolate Sipérius reflektieren das Flüchtlingselend.
Waten durch Müll. Ursina Lardi (rechts) und Consolate Sipérius reflektieren das Flüchtlingselend.Foto: Daniel Seiffert

„Ich bin auch nur ein Arschloch“, bekannte der Theatermacher Milo Rau jüngst in der Schweizer „Sonntagszeitung“. Damit wollte er sich nicht etwa als eitler Regiedespot outen, der seine Schauspieler schikaniert. Vielmehr rechnet er mit dem „zynischen Humanismus“ ab, der für ihn derzeit die dominierende europäische Lebensphilosophie ist.

„Alle sind Arschlöcher“, lautet nun auch das wenig erbauliche Motto des dokumentarischen Theaterstücks „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“, das an der Schaubühne Premiere hatte. Der Doppelmonolog von Ursina Lardi und Consolate Sipérius fragt nach den Grenzen unseres Mitleids und den Grenzen des europäischen Humanismus – auf polemisch zugespitzte, ja provokante Weise. Rau ist ein Theatermacher, der polarisiert. Hier zieht er nicht nur gegen die Hilfsindustrie der NGOs und eine westliche „Wohlfühl-Ethik“ zu Felde, er macht auch dem Theater den Prozess.

Ursina Lardis Sorge gilt bei ihrem ersten Auftritt sich selbst. Sie stellt sich ihr Alter und ihre zunehmende Gebrechlichkeit vor. Und fragt dann in den Zuschauerraum hinein: „Wer sieht uns, wenn wir leiden? Wer sieht uns, wenn wir zugrunde gehen?“ Letztlich ist es die Frage nach dem abwesenden Gott, die hier gestellt wird. Doch Lardi verdreht hier schon auf bemerkenswerte Weise den Mitleidsdiskurs. Die Schaubühnen-Aktrice reklamiert für sich die Kunst der Einfühlung, um dann völlig ungerührt über das Foto von Alan Kurdi zu sprechen. Der ertrunkene syrische Junge, der an der Küste von Bodrum angeschwemmt wurde, wurde zur Ikone und löste überall Mitleid aus.

Schauspielerin und Regisseur sind auf Recherche nach Bodrum gefahren

Lardi hat, so erzählt sie dem Publikum, zusammen mit dem Regisseur eine Recherchereise entlang der Flüchtlingsroute unternommen, von Bodrum aus fuhren sie in ein Flüchtlingslager an der mazedonischen Grenze. Aber auch in den Kongo sind sie gereist. Ursina Lardi war früher selbst für eine NGO tätig. Ihre Erfahrungen sind in den Monolog eingeflossen.

Es ist nicht immer genau zu entscheiden, wer hier spricht: Lardi selbst oder eine fiktive Entwicklungshelferin, die es in den Kongo verschlägt und die bald erkennen muss, das es so etwas wie einen guten Menschen nicht gibt. Lardi stapft im blauen Strickkleid über die mit Müll übersäte Bühne. Zugleich ist sie überlebensgroß auf einer Leinwand zu sehen. Manchmal betrachtet sie ihr mediales Abbild und scheint auf Distanz zu sich zu gehen. Sie zeigt Fotos von jungen Männern, die sie an der mazedonischen Grenze getroffen hat und stellt mit unverhohlenem Sarkasmus fest, die Syrer sähen doch alle wie Hipster aus.

Unsere mediale Aufmerksamkeit und unser Mitleid endet an der Außengrenze der EU, das ist für Milo Rau der Skandal. Seine Inszenierung – und das ist das eigentlich Provozierende – schlägt den Bogen vom medial gut ausgeleuchteten Flüchtlingstreck zu den anhaltenden Morden in Zentralafrika.

Junge unbedarfte Europäer werden auf Kriegsopfer losgelassen

„Ich war blutjung und dumm“, berichtet Lardi über ihren Einsatz im Kongo. Und berichtet dann, wie völlig unbedarfte junge Europäer auf Kriegsopfer losgelassen werden und abstruse Workshops abhalten. In ihren Schilderungen stellen die humanitären Hilfsorganisationen, die Namen wie „Konvoi der Hoffnung“ oder „Freunde der Naturvölker“ tragen, ein absurdes Business dar, das Profit aus dem Elend schlägt. In ihrem beißenden Spott muten die Szenen gelegentlich wie politisches Kabarett an. Die Aktivistin erzählt auch von Massakern, die sie miterlebt hat. Schließlich wird auch sie gezwungen, eines der Opfer zu demütigen. Rau strapaziert die Fabel arg, um zu demonstrieren, dass jeder in der Bürgerkriegshölle die moralische Integrität verliert. Er mutet seiner Darstellerin einiges zu: Lardi muss sogar auf die Bühne pinkeln. Das Stück schildert aber nicht nur eine Desillusionierung, es verweist auf ein grundsätzliches Dilemma. „Am Ende der Geschichte kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat“, resümiert Ursina Lardi.

Die von ihr verkörperte Figur, die narzisstische und rassistische Züge trägt, ist zwar das Zentrum des Abends, doch den Prolog hält die aus Burundi stammende Consolate Sipérius. „Ich bin eine Zeugin“, stellt sie sich vor. Sie musste als Kind mit ansehen, wie ihre Eltern bei einem Genozid ermordet wurden. Später wurde sie von einem belgischen Paar adoptiert. Sie sei aus einem „Ikea-Katalog für Waisen“ ausgewählt, spottet sie. Ihre Erfahrungen im belgischen Mouscron fasst sie so zusammen: „Dies ist eine Welt ohne Mitleid.“ Sie spielt hier bewusst nur eine marginale Rolle. Aufmerksam lauscht sie dem Monolog der Einfühlungskünstlerin Lardi und rückt sie schon durch ihre Präsenz, ihren Blick in ein anderes Licht.

Mit „Fear“ von Falk Richter, das sich mit den Entwicklungen am rechten politischen Rand beschäftigt, gelang der Schaubühne zuletzt ein Abend mit großem Erregungspotential. Die AfD, die sich provoziert fühlte, forderte sogar die Absetzung. Milo Rau schießt sich nun nicht auf Demagogen und Pegida-Zombies ein, er attackiert die Selbstgerechtigkeit und das Humanitätsgedusel von aufgeklärten Europäern und betrachtet auch die Mitleidsfabrikation des Theaters kritisch. Damit beute man das Leiden der Anderen aus, lautet sein Vorwurf. Doch er selbst polemisiert von einer moralischen Position aus, erhebt sich über Zyniker, Leidenskonsumenten und Empathie-Athleten – und macht sich dadurch angreifbar. In ihrem Schlussmonolog berichtet Consolate Sipérius davon, wie sie sich den Tarantino-Film „Inglourious Basterds“ angeschaut habe. Besonders beeindruckt hat sie die Szene in dem Pariser Kino, in der das Gesicht der Jüdin Shosanna in Großaufnahme auf der Leinwand erscheint und auf die versammelte Nazi-Elite herabschaut. Diesen mitleidlosen Blick der Rache wollte auch ihr Regisseur haben, erzählt Sipérius. Doch als er sie aufforderte, mit dem Maschinengewehr auf das Publikum zu zielen, habe sie sich geweigert.

Ja, auch Milo Rau ist ein Arschloch, er stilisiert sich jedenfalls dazu. „Mitleid“ ist ein verstörender Abend, der mit einfachen Gewissheiten aufräumt. Aufwühlend auch dank der großartigen Darstellerinnen. Das Stück ist nicht nur Anklage. Gerade wenn es die moralischen Ambivalenzen der hilflosen Helfer ausleuchtet, wird es zum Appell für Menschlichkeit.

Wieder am 29. und 30. Januar, 20.30 Uhr, sowie am 31. Januar, 19 Uhr

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