Mircea Cartarescu : Der Alchemist von Bukarest

Der "Proust des Plattenbaus" Mircea Cartarescu und seine Übersetzer erhalten heute in Berlin den 4. Internationalen Literaturpreis.

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Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu.
Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu.Foto: Heribert Corn/Zsolnay/HKW

Linker Flügel, Körper, rechter Flügel: Diese Anatomie haben Schmetterlinge und andere Fluginsekten mit einem Triptychon gemein. Nach Art eines technischen Konstrukteurs hat der Schriftsteller Mircea Cartarescu dieses Modell auf seine Romantrilogie „Orbitor“ angewandt, doch sein Ziel war und ist die reine Alchemie: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein künstlicher Leib“, prophezeit Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther, aus dem ein Auszug zum Motto für „Der Körper“, den Mittelteil von „Orbitor“, wurde.

Mircea Cartarescu kam 1956 als Sohn atheistischer Eltern zur Welt: „Deshalb fehlte mir der Glaube aus der Kindheit, wenn er sich normalerweise in unseren Seelen herausbildet.“ Mit dreißig entdeckte er die Bibel für sich, was er als Glücksfall betrachtet, denn für ihn sei sie „nicht nur Buch der Weisheit, sondern auch der Literatur.“

„Aripa stanga“, „Corpul“ und „Aripa dreapta“ heißen die drei Bände des 1996 abgeschlossenen Werks im rumänischen Original – eben linker Flügel, Körper, rechter Flügel. In der Übersetzung von Gerhardt Csejka sind bislang „Die Wissenden“ (2007) erschienen und im vergangenen Herbst „Der Körper“, übertragen von Csejka und Ferdinand Leopold – allein diese beiden Bücher umfassen 1132 Seiten. Wann und unter welchem Titel der abschließende rechte Flügel erscheinen soll, ist bei Zsolnay in Wien, Cartarescus zweitem deutschsprachigen Verlag neben Suhrkamp, noch nicht bekannt.

Flankiert von einem Heer von Ko-Insekten, prägt der Schmetterling als Symbol der Verwandlung „Orbitor“ (etwa: „Der Blender“). „Der Körper“ bildet das Zentrum, von dem alle Imaginationen dieses Epos ausgehen. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich die Jury des Internationalen Literaturpreises vom Haus der Kulturen der Welt für dieses elementare Ereignis der europäischen Literatur als diesjährigen Preisträger entschieden hat.

Der polyglotte Mircea Cartarescu, der vor wenigen Tagen seinen 56. Geburtstag feierte, wird diesen Preis mit der für ihn typischen rumänischen Herzlichkeit entgegennehmen - nicht zuletzt deshalb, weil er dem deutschen Sprachraum besonders verbunden ist: „Den ersten Teil dieses Buchs habe ich in Amsterdam geschrieben, den zweiten, der jetzt ausgezeichnet wird, in Berlin und den dritten auf Schloss Solitude bei Stuttgart. So kommt es, dass der Großteil meines Romans in Deutschland entstanden ist. Ich habe hier echte Liebe und Respekt für die Kultur vorgefunden, für die Literatur, für Schriftsteller und Gelehrte. Eine deutsche Auszeichnung ist immer ehrlich gemeint, verglichen mit Preisen in einigen anderen Ländern, wo Verleger und Kritiker auf dem Feld der Kultur Machtspiele veranstalten.“

2001 erschien im Berliner Küntlerprogramm des DAAD Cartarescus Gedichtband „Selbstporträt in einer Streichholzflamme“, den ein Rezensent „zwischen Grunge und Barock“ ansiedelte. Damals hatte Cartarescu die Lyrik längst hinter sich gelassen, denn nach Ceausescus Sturz im Dezember 1989 verschrieb er sich ganz der Prosa: „Im Grunde sind meine Romane für mich große Gedichte.“ Ein lyrischer Ton und surrealer Bilderreichtum prägen nicht nur seinen Debütroman „Nostalgia“ von 1978 oder den charmanten Erzählungsband „Warum wir die Frauen lieben“, sondern auch einen Essay wie „Europa hat die Form meines Gehirns“.

Dieser Schriftsteller vollzieht erstaunliche Stilwechsel – so schnell und leicht, wie seine Lieblingsinsekten, die Schmetterlinge, ihre Flügel schlagen: „Ich beherzige jeweils eine andere Kunstauffassung. Für den dänischen Regisseur Lars von Trier soll Kunst wie ein winziger Stein im Schuh sein. Matisse hingegen forderte eine Kunst wie ein Sofa, auf dem man sich ausruhen kann. ‚Orbitor’ folgt der ersten Auffassung.“

Entspannung dürfte in der Tat das Letzte sein, was Cartarescu mit seinem Opus magnum anstrebte. Während der Icherzähler Mircea in einem Bukarester Plattenbau heranwächst, erlebt er, wie das einstige Paris des Ostens auf Geheiß des „Conducators“ zerstört wird: „Vielleicht ist der Kern des Kerns dieses Buches nichts anderes als ein apokalyptischer, blendender, gelber Schrei.“

Wie das Auge des Orkans taucht diese Feststellung aus den Natur- und Geistesgewalten auf, die Mircea Cartarescu in Prosa verwandelt hat; ein „Proust des Plattenbaus“ wurde er genannt. Die Sehnsucht nach der Vereinigung mit allen Phänomenen der Welt und der himmlischen Sphäre, der brennende Wunsch nach der Unio mystica, durchzieht dieses Bewusstseinspanorama. Der Roman verwebe „das Denken und Sprechen in neuronaler Metaphorik mit dem Kosmos“, befand die Jury des mit 25 000 Euro dotierten Internationalen Literaturpreises.

Als seinen „Urahn“ sieht Cartarescu den rumänischen Dichter Mihai Eminescu, der im 19. Jahrhundert die Tradition des Fantastischen begründete. Dass auch die deutsche Leserschaft das düster schillernde Gipfelwerk „Orbitor“ genießen kann, dafür sorgen dessen bravouröse Übersetzer Gerhard Csejka und Ferdinand Leopold, die 10 000 Euro Preisgeld erhalten. „Der Übersetzer hat so intelligent, kultiviert und talentiert wie der Autor zu sein“, sagt Cartarescu. Die Mitgeehrten könnten kein größeres Kompliment erhalten. Katrin Hillgruber

Die öffentliche Preisverleihung findet am Mittwoch, 6. Juni, um 20 Uhr im Haus der Kulturen der Welt statt. Die Festrede hält Péter Esterházy.

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