Kultur : Mit dem Bohrer in der Hand

Christian Jankowski in der Galerie Klosterfelde.

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Bild im Bild. Jankowski lässt das Museumspersonal posieren. Foto: Christian Jankowski
Bild im Bild. Jankowski lässt das Museumspersonal posieren. Foto: Christian Jankowski

An der Wand flimmert überlebensgroß die Folge einer mexikanischen Telenovela. Prunkvoll überladene Bilder. Nur die Schauspieler sprechen nicht. Weinen ist zu hören, Schluchzen. 26 Minuten lang. Für die Video-Installation „Crying for the march of humanity“ hat Christian Jankowski eine komplette Episode der Fernsehserie „La que no podía amar“ (Die nicht fähig war zu lieben) nachdrehen lassen. Setting, Schauspieler, Handlung und Postproduktion bleiben unverändert, nur die Sprache wurde weggelassen. Schöne Frauen weinen, muskelbepackte Männer schluchzen. Das mexikanische Massenphänomen Telenovela dient als Ausdruck eines landesweiten Phantomschmerzes.

Auch die anderen Objekte der Ausstellung „Monument to the Bourgeois Working Class“, die bei Klosterfelde ab 13. September zu sehen sind, thematisieren gesellschaftspolitische Aspekte Mexikos. Für die gleichnamige Fotoserie nahm sich Jankowski ein Archivfoto des Künstlers David Alfaro Siquieros vor, das eine perfekt manikürte Frauenhand zeigt, die einen Bohrerkopf hält. Die lackierten Nägel und der Goldring stehen im Kontrast zum Werkzeug der Arbeiterklasse. Jankowski drückte im nächsten Schritt Mitarbeitern des Siquieros-Museums in Mexiko City das Bild in die Hand. Alle, von der Putzfrau bis zur Direktorin, hielten es mit ihren eigenen Händen in die Kamera. Und Jankowksi drückte auf den Auslöser.

Entstanden ist eine Fotoserie, die beim raschen Überblicken seriell wirkt und erst langsam Individuelles freilegt. Hier ist ein Fingernagel abgebrochen, dort eine Hand faltig oder mit einer Narbe versehen. An manchen Händen hängen Freundschaftsbänder, andere zeigen teuren Goldschmuck. Man möchte sofort klassifizieren: Welche gehört der Putzfrau, welche der Direktorin? Die Antwort bleibt Jankowksi dem Betrachter nicht schuldig. Er hat Etiketten mit Berufsbezeichnungen neben den Fotos angebracht. Herzstück der Ausstellung ist die Skulptur „Monument to the Bourgeois Working Class“: eine überdimensionale Reproduktion der Frauenhand samt Bohrerkopf. Ein echter Koloss. Lena de Boer

Galerie Klosterfelde, Potsdamer Straße 93; bis 3.11., Di–Sa 11–18 Uhr

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