Mitmachtheater : Im neunten Kreis der Hölle

Hier kann keiner entkommen: Das Performerkollektiv Signa lädt in den „Club Inferno“ - und treibt den Terror des interaktiven Theaters auf die Spitze.

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Achtung, Kitschfalle: "Club Inferno", installiert in einer Weddinger Fabriketage
Achtung, Kitschfalle: "Club Inferno", installiert in einer Weddinger FabriketageFoto: Erich Goldmann

Hier geht es streng zu. 19 Uhr steht auf der Karte, um 19.01 Uhr bin ich da. Zu spät. Also warten auf die nächste Runde. In kleinen Gruppen steigen die Besucher in den vierten Stock einer Weddinger Fabriketage. Aber eigentlich geht es hinab in die Hölle, wie sie Dante beschrieben hat: in den plüschroten „Club Inferno“ der dänischen Performancekünstlerin Signa Köstler. Ein glatzköpfiger Fettsack setzt sich auf meinen Schoß, reicht mir Würste und tunkt Marshmallows in speckige heiße Schokolade, die über einen Zimmerspringbrunnen fließt. Dann hält er mir eins direkt vor den Mund. Ich will nicht. Die Schokolade tropft auf meine Hose.

Vierte Wand? Keiner reißt die zur Zeit so konsequent ein wie Signa und ihr gleichnamiges Kollektiv, keiner macht den Zuschauer so radikal zum Teil des Spektakels. Wohlfühlzone? Ist hier nicht. Dieses Theater geht auf die Kleidung – und unter die Haut. Es kriecht in dich hinein. Und der Rezensent wird zum Ich-Erzähler.

Schon das Abholen der Karte ist ein Spießrutenlauf. Fünf Tage vor der Aufführung muss ich zur Kasse der Volksbühne, dann in den Pavillon nebenan. Falsche Alkis verwehren den Einlass. Drinnen sitzt der Schauspieler Arthur Köstler, Signas Partner und Ehemann, hinter einer Fensterscheibe und redet streng mit mir, als sei er mein Richter. Dann reicht er mir die Karte. Die Inszenierung beginnt lange vor der Vorstellung.

2008 war Signa mit „Die Erscheinung der Martha Rubin“ beim Theatertreffen. „Club Inferno“ ist ihr erstes in Berlin entstandenes Projekt. Es gibt eine Rahmenhandlung um den Spielcasinobesitzer Herbert Godeux und dessen ödipal geliebte Mutter, aber die ist eigentlich überflüssig. Wichtiger sind die neun Höllenkreise von Dantes „Göttlicher Komödie“ als Folie des Geschehens. Mit bemerkenswertem Aufwand wurde die Fabriketage umgestaltet, die passenderweise in den Gerichtshöfen liegt. Wo die Sünder büßen.

Der Dicke, klar, schmachtet im dritten Kreis, wegen Völlerei. Im Saal der Sodomiten umgarnen mich leicht bekleidete Athleten und servieren mysteriöse Drinks. Ein gelockter Ephebe ruft den Hadesrichter Minos an. In den tiefsten Höllenkreisen liegt der Wald der Selbstmörder. Die „Übelgräben“ starren vor Kot, ihr Wasser ist gefüllt mit fleischigen Menschenteilen. Eine Verdammte hockt dort und will spielen. Das Ganze ist Geisterbahn und Party zugleich.

Die Beklemmung hört nie auf. Ständig fremde Gesichter, neue Situationen. Am unheimlichsten sind die Harlekine, die einen begleiten. Sie tragen Reitpeitschen, ihr Lachen ist hysterisch fies. „Du weißt, dass du herausstichst“, raunt mir einer zu, „jeder kann es sehen.“ Dann soll ich einer Tänzerin Sahne auf den Bauch sprühen und sie abschlecken. Es schmeckt widerlich süßlich.

Der Terror des interaktiven Theaters wird hier in Reinform verübt. Und doch geschieht mehr: Machtpositionen werden getauscht. Ich bin ausgeliefert. Also lächle ich und spiele mit – was unglaublich anstrengend wird. Sie ist ja doch noch da, die vierte Wand, wenn auch hauchdünn. Dies sind immer noch Schauspieler in ihrer Rolle. Irgendwann fängt das ständige Lächeln an zu schmerzen, ich höre damit auf. Wie weit will ich gehen? Kann ich loslassen? Was passiert dann? Wie weit lässt sich die Grenze zwischen Spiel und Leben verschieben, bevor das Theater aufhört, ein solches zu sein?

Die Aufführung hat kein Ende, zieht einen immer tiefer hinein. Jeder geht, wenn er es nicht mehr aushält. Eine Darstellerin, sie spielt Cleopatra, fordert mich auf: „Fass doch meine Titten an, sind sie nicht noch schön stramm und fest?“ Eine andere bettelt, dass ich bleiben und sie küssen soll. Ich mache es. Da fängt sie an zu schreien: „Du Schwein, du hast mich geküsst!“ Ich gehe und lache dabei. Bin jetzt ein Harlekin. Udo Badelt

Bis 24. März und 9. - 21. April, täglich außer montags, www.volksbühne-berlin.de

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