Moby und seine Autobiografie "Porcelain" : Veganer im Drogenclub

Zurück in den Disco-Schoß: Der DJ und Popmusiker Moby erzählt in "Porcelain" von seinem Leben in New York City in den neunziger Jahren.

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Moby, hier mit einem T-Shirt der aus Washington, D.C. stammenden Hardcore-Band Void
Moby, hier mit einem T-Shirt der aus Washington, D.C. stammenden Hardcore-Band VoidFoto: Melissa Danis/Verlag

Der Traum jedes Vorstadtkids, das einigermaßen seine Sinne beisammen hat, ist der ewig gleiche: rauskommen, die Großstadt entdecken, die Welt erobern. Erst recht, wenn sich das Leben in der Provinz so trist darstellt, wie es der Popmusiker Moby in seiner Autobiografie „Porcelain“ zu Beginn beschreibt: „Ich hasste die Armut, den Zigarettenqualm, die Drogen, die Scham, die Einsamkeit.“ Mobys Mutter arbeitet in einem Waschsalon in Stratford, Connecticut, einer 50 000-Einwohnerstadt nordöstlich von New York City, sein Vater ist schon früh am Alkohol zugrunde gegangen, da war er drei Jahre alt, Geschwister hat er keine. Ein Disco-Song im Radio erweist sich als der entscheidende Hoffnungsschimmer für den damals Zehnjährigen: „Eines Tages würde ich aus dieser toten Vorstadt herauskommen. Ich würde in eine Stadt kommen und dort in einen Schoß zurückkriechen – einen Disco-Schoß, der von futuristischer Musik erfüllt war.“

Seine Markenzeichen: Glatze, Brille, Veganismus, Stilvielfalt

Genau so ist es gekommen: Moby ging Ende der achtziger Jahre nach New York, entdeckte die elektronische Musik und die DJ-Szene, hatte mit „Go“ 1992 einen ersten großen Rave-Hit, mit „Feeling So Real“ 1995 einen zweiten. Schließlich wurde er mit dem 1999 veröffentlichten Album „Play“ zu einem der Pop-Superstars des beginnenden Jahrtausends. Seine Markenzeichen: eine Glatze, eine Brille, ein durchaus sendungsbewusster Veganismus – und eine Stilvielfalt, die von Techno über Blues bis Metal reicht, von Moby auf „Play“ und dem Nachfolger „18“ zu einer ganzen Reihe von sanft-melancholischen Popsongs konzentriert.
Inzwischen ist es ruhiger um ihn geworden. Mobys weiterhin relativ regelmäßig erscheinende Alben werden eher beiläufig wahrgenommen. „Innocents“ hieß das letzte, etwas sämig-popoperettenhafte aus dem Jahr 2013. Der Fokus des Großpops jedoch liegt auf anderen Musikern. Insofern passt diese Autobiografie in eine Zeit, in der alternde Rock- und Popstars von Kim Gordon über Patti Smith, Bob Dylan oder Neil Young bis hin zu Westbam ihre Erinnerungen veröffentlichen. Umso flüchtiger der Pop, desto wichtiger scheint es für Popstars zu werden, den Schatz der eigenen Erinnerungen zu heben, das eigene Leben schriftlich zu dokumentieren und auf diese Weise amtlich zu machen.

New York ist für Moby sein "schmutziges Mekka"

Moby, der bürgerlich Richard Melville Hall heißt und entfernt verwandt mit Hermann Melville sein soll, hat sich in „Porcelain“ auf die Zeit beschränkt, in der er zum DJ und Musiker: auf die neunziger Jahre Doch diese bestanden für ihn gerade in ihrer zweiten Hälfte aus einer Vielzahl von Abstürzen, alkohol- und karrieretechnisch. Seine triste, vom Alkohol, Indierock, Hardcore und nicht zuletzt der Bibel bestimmte Vorstadtkindheit- und -jugend behandelt er leider nur andeutungsweise in den ersten Kapiteln. Sie blitzt in Folge zwar in kurzen Sequenzen immer wieder auf, doch Moby scheint sich nicht intensiver damit auseinandersetzen zu wollen.

Als er im Alter von 24 Jahren nach New York City kommt, in sein „schmutziges Mekka“, einen ersten DJ-Job in einem Laden namens Mars ergattert und in einer WG im südlichen Manhattan an der Ecke 14th-Straße/Third Avenue unterschlüpft, hat er dem Alkohol entsagt und lebt vegan: „Ich war ein abstinenter Christ, der in Drogenclubs arbeitete. Ich lebte in einer dreckigen Stadt, die von Drogen, AIDS und Gewalt zerrisen wurde. (...) Ich war glücklich.“

„Porcelain“ trägt Züge eines Entwicklungsromans

Moby hält sich in „Porcelain“ an eine gewisse Chronologie. Dabei besteht der Großteil des Buches aus einzelnen Szenen und Schnappschüssen seines New Yorker DJ-Lebens, inklusive geografischer Weiterungen auf diversen Raves in Europa. Besonders eindringlich beschwört er die Atmosphäre von New York City und des Pop- und House-Undergrounds zu der damaligen Zeit. Manchmal betont er das Kaputte der Stadt etwas arg stark, auch die Verwunderung darüber, als weißer Musiker und bibelfester Abstinenzler sich primär in einer Welt voller Schwarzer, Latinos, Gay, Drag-Queens und Drogen-User zu bewegen. Andererseits ist Moby recht offenherzig, in puncto Sex, in puncto Alkohol und was andere Unzulänglichkeiten betrifft: „Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass mir die Haare ausgingen. Ich redete mir ein, dass ich eben eine hohe Stirn hatte, die aus unerfindlichen Gründen immer höher wurde.“
„Porcelain“ trägt Züge eines Entwicklungsromans, insbesondere in der ersten Hälfte. Zu diesem Genre gehören die Karrieredellen zwangsläufig; doch fehlt Moby es im zweiten Teil an einem packenden erzählerischen Zugriff, da bekommt sein Leben den Charakter einer Aufzählung., Nach dem Ende einer sehr engen Beziehung beginnt er wieder zu trinken, woraufhin Alkoholexzess auf Alkoholexzess folgt, eine neue Freundin und noch eine, eine Begegnung mit David Bowie hier, ein Lollapalooz-Aauftritt dort. Insgesamt entwickelt sich hier seine Kaputtness konform zu der Kaputtness der geliebten Stadt.

"Animal Rights" ist Mobys Rock-und Metal-Album

Moby scheint es hier beim Schreiben gegangen zu sein wie damals mit seiner Karriere: So richtig weiß er nicht weiter. Dass er mit „Animal Rights“ nach seiner frühen Rave- und Techno-Phase ein Rock- und Metal-Album macht, findet nur noch Axl Rose von Gun’n’ Roses gut – doch das konsequente Festhalten an diesem Unterfangen ist beeindruckend. Interessant auch, dass für ihn die Rave-Sache mit Friede und Freude, Glück und Eierkuchen schon Mitte der neunziger Jahre ein Ende hat und er in den Clubs nur noch stumpfe Drogenwracks sieht. Und wirklich rührend ist, wie er von der Krankheit und dem Tod seiner Mutter und der Trauer darüber erzählt, weniger über ihren Tod als über ein Leben, das sie nie gelebt hat: „Das war die Tragödie, dass sie sich aus Angst nicht erlaubt hatte, ihre Träume zu leben.“ Im Gegenteil zu ihrem Sohn, der genau das getan hat. Und dessen Sternstunden zu diesem Zeitpunkt erst noch bevorstehen, als er schließlich an einem Album arbeitet, das ihn weltberühmt macht.

Am Ende verknüpft Moby die einzelnen Songs von „Play“ noch einmal schön mit Erinnerungen an seine ganz frühe Jugend. Ob das ein Hinweis auf eine Fortsetzung dieser Autobiografie ist? In der würde man allerdings lieber ausführlich die Geschichte seines Lebens vor der Popstarwerdung lesen wollen – nicht die nach „Play“.

Moby: Porcelain. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Neubauer. Piper Verlag, München 2016. 464 Seiten, 24 €.

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