„Monat der Fotografie“ eröffnet in Berlin : Bilder gegen das Vergessen

Wie rekonstruiert man Erinnerung in Bildern? Und die Utopie Europa?  Der „Monat der Fotografie“ versucht es – in 130 Ausstellungen in Berlin. Am heutigen Donnerstag wird die zentrale Ausstellung "Memory Lab" eröffnet.

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Warten auf Europa. Frank Gaudlitz fotografierte 2003 Ion und Dumitru Cotoman in Viziru/Rumänien. Zu sehen in der AE-Galerie in der Potsdamer Hermann-Elflein-Straße.
Warten auf Europa. Frank Gaudlitz fotografierte 2003 Ion und Dumitru Cotoman in Viziru/Rumänien. Zu sehen in der AE-Galerie in der...Foto: AE-Galerie

Das Jahr der Erinnerung ist schon weit fortgeschritten. Es gab Gedenkveranstaltungen zum Mauerfall vor 25 Jahren, Ausstellungen, TV-Dokumentationen. Archivbilder wurden veröffentlicht. Und wo keine existieren, füllte das Fernsehen den Lauf der Zeit mit nachgespielten Szenen auf. Wie passend also, dem diesjährigen Monat der Fotografie das Motto „Umbrüche und Utopien. Das andere Europa“ zu geben. In rund 130 Ausstellungen in Berliner Museen, Galerien, Kulturinstituten, Botschaften und Fotoschulen stellt sich die Frage, wie Geschichte in der Fotografie erzählt wird. Denn sie ist immer noch ein Medium der Dokumentation, gegen das Vergessen.

Zentrale Ausstellung ist die Schau „Memory Lab. Die Wiederkehr des Sentimentalen“ im Martin-Gropius-Bau, die am heutigen Donnerstagabend die 10. Fotobiennale eröffnet. Kurator Frank Wagner hat mit Andreas Mühe, Nan Goldin, Broomberg & Chanarin, Nasan Tur, Antoine d’Agata und einigen anderen Fotografen aus ganz Europa eingeladen, die interpretierend arbeiten. Die Kanadierin und Documenta-IX-Künstlerin Vera Frenkel vermischt in der Multimedia-Installation „Blue Train“ persönliche, journalistische und fiktive Quellen. Bebildert wird diese Collage über Emigration im Nationalsozialismus mit Archivmaterial der Black Star Agentur, die drei emigrierte deutsche Fotografen in New York gegründet haben.

Ebenfalls eine subjektive Rekonstruktion ist die Diaprojektion „Vor dem Licht“ von Klaus Mettig. Der Fotokünstler war 1985 in Moskau, die Fremdheit dieser sowjetischen Gesellschaft zog ihn an. Er hat das Lenin-Mausoleum fotografiert, eine Juri-Gagarin-Statue, Militärstiefel, einen Teller Borschtsch in einer Volksküche, und immer wieder den vom langen Winter verdreckten schwarzen Schnee auf den Straßen. Aus diesen Sinnbildern hat er Details vergrößert. So sind diese verfremdet-verfärbten Dias ein Zitate-Bilderstrom, eher ein Einblick in Mettigs Erleben damals denn historisches Dokument. Es ist eine der wenigen retrospektiven Arbeiten.

Stephanie Kloss hat die Kommune von Otto Muehl auf La Gomera besucht

Besonders interessant sind die Serien junger Künstler, die sich aus der Gegenwart heraus ein Bild der Geschichte machen wollen, die die Leerstellen füllen müssen. Während Andreas Mühe den Weg der künstlerischen Reinszenierung wählt und Fotografien des Hitler-Gefolgsmanns Walter Frentz auf dem Obersalzberg zwischen Pathos und Ironie nachstellt, der Chilene Pablo Zuleta Zahr ehemalige Folterkeller der Militärjunta zusammen mit Dorfkindern in einer Mischung aus Abenteuer und echtem Schrecken in einer Art Schnappschuss-Serie entdeckt, sucht die Berliner Fotokünstlerin Stephanie Kloss nach sinnlichen Eindrücken an einem Ort, dem man seine Vergangenheit nicht mehr ansieht. Sie hat die ehemalige Kommune des Wiener Aktionsmalers Otto Muehl auf La Gomera besucht. Die Utopie von der freien Liebe schlug dort in Machtmissbrauch um. Heute wird die Siedlung touristisch genutzt. Doch der Spielplatz mit der Rutsche und die Häuser mit den aufgemalten Palmwedeln wirken bei Kloss seltsam leer und verlassen.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte der Fotograf Michal Szlaga, dessen sehenswerte Serie „Stocznia/Shipyard – Documents of Loss“ das Polnische Institut zeigt. Szlaga wollte zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Geschichte einfrieren – in dem Moment, in dem sie verschwindet. So hat er in den letzten zwanzig Jahren den Niedergang der Schiffswerft in Danzig fotografiert – einst ein Ort der polnischen Demokratiebewegung. Hier hat sich in den achtziger Jahren die Solidarnosc-Gewerkschaft gegründet, heute müssen die alten Industriehallen und Schiffsanlagen schicken Einkaufszentren weichen. Diesen Umbruch hat Szlaga in unaufgeregte, weitwinkelige Bilder in zarten Farben gepackt. Er hat den einstigen holzvertäfelten Festsaal festgehalten, den die Schiffsbauer selbst ausgebaut hatten, genauso wie ein Frau in Kittelschürze, die vor einem Kiosk mit Solidarnosc-Souvenirs den Besen schwingt. Ganz wunderbar ist, wie er den Blick über den europäischen Ost-West-Tellerrand weitet. Ins indische Alang ist er mit einer Video-Kamera gefahren. Dort werden die alten Schiffe aus Danzig demontiert und in Einzelteilen verkauft. Als ein polnischer Werftarbeiter diese Bilder sieht, blutet ihm das Herz. Er sagt, Schiffe haben eine Seele, sie verdienten eine richtige Beerdigung. Aus ihm spricht die ganze Enttäuschung angesichts der eigenen Bedeutungslosigkeit im Lauf der Zeit.

Schonungsloser Blick des Nachwuchses auf seine Gesellschaft

Hellsichtig sind auch die Perspektiven auf ihr eigenes Land, die die jungen Fotografen aus Weißrussland in der ifa-Galerie unter dem Titel „By Now“ zeigen, kuratiert von Matthias Harder von der Helmut-Newton-Stiftung. Weißrussland wird von Alexander Lukaschenko autoritär regiert. Umso erstaunlicher ist es, welch schonungslosen Blick der Nachwuchs auf seine Gesellschaft werfen kann. Da fragt sich Alexander Kladow, was eigentlich mit den jährlichen Militärparaden passiert, wenn einmal der letzte Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg verstorben ist, und porträtiert diese alten Herren in klassischer Manier mit all ihren Ehrenauszeichnungen auf der stolzen Brust und den traurig verfleckten Sonntagsanzügen.

Siarhei Hudzilin widersetzt sich dem Präsidenten, der sich zwar als volksnah gibt, aber immer von einem Tross Sicherheitsleuten umgeben wird, und zoomt in einem ironischen Akt einfach Fernsehbilder Lukaschenkos ganz nah heran, um diese Distanz zu überwinden. Volga Sasnouskaya scheint die Isolation des Landes innerhalb Europas auf wenige Bilder der Privatheit herunterzubrechen. Wie spontan geknipst wirkt die Hand der alten Frau, die auf einem Tisch neben einer Schere ruht, oder das Bein einer Dame, die alleine auf einer Parkbank sitzt. Heute sind diese Bilder ein spannender Einblick in die Kunstszene eines nahen, aber kaum bekannten Landes. Wie werden diese Bilder wohl in zwanzig Jahren wirken?

Der Europäische Monat der Fotografie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Städte Paris, Rom, Moskau, Bratislava, Budapest, Lubljana, Luxemburg, Wien – und neuerdings Athen. Alle zwei Jahre findet er in Berlin und Potsdam statt. Hier feiert er ab dem heutigen Donnerstag auch sein zehnjähriges Jubiläum. Das Motto: „Umbrüche und Utopien. Das andere Europa“. Bis 16. 11. beteiligen sich 115 Institutionen mit über 500 internationalen Fotografen. Die zentrale Ausstellung Memory Lab: The Sentimental Turn im Martin-Gropius-Bau wird heute um 19 Uhr eröffnet, sie läuft bis 15. Dezember (Niederkirchnerstr. 7, Mi bis Mo, 10 - 19 Uhr). Am Eröffnungswochenende werden bis zum 19. Oktober Führungen, Vorträge, Künstlergespräche und Diskussionen angeboten. Die Reihe 30 Tage – 30 Orte lädt an jedem Tag des Festivalmonats zu einer Veranstaltung ein. Der Festivalkatalog mit 248 Seiten kostet 8 Euro. Weitere Informationen über das komplette Programm und die Orte: www.mdf-berlin.de

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