Kultur : Mr Marshallplan

John L. Gaddis legt seine Biografie von George F. Kennan vor.

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George F. Kennan ist berühmt für sein „Langes Telegramm“, das 5322 Worte umfasste und in dem der amerikanische Diplomat 1946 vor Stalins Friedensbeteuerungen warnte und eine Politik der „Eindämmung“ empfahl. Den Deutschen ist er vermutlich vor allem als Miterfinder des Marshallplans in Erinnerung.

1981 vereinbarten der amerikanische Historiker John L. Gaddis und Kennan, dass Gaddis eine „autorisierte“ Biografie schreiben solle. Gaddis erhielt exklusiven Zugang zu allen Papieren und Dokumenten unter der Voraussetzung, dass die Biografie erst nach Kennans Tod veröffentlicht wird. Doch Kennan lebte so lange, dass Gaddis’ Studenten spekulierten, wer von den beiden zuerst sterben würde. 2005 starb Kennan im Alter von 101 und Gaddis legt nun seine (bisher nur englischsprachige) Biografie vor.

Gaddis ordnet die Stationen dieses langen Lebens chronologisch: Studium, Eintritt ins Außenministerium, Russisch-Studium in Berlin 1929–31, Dienst in Riga 1932, Dienst in Moskau 1934–1935. Danach Prag, teilweise nach der Besetzung durch Deutschland. Als Hitler Polen überfiel, wurde Kennan an die amerikanische Botschaft nach Deutschland geschickt – dort begann im Dezember 1941 seine Internierung (komfortabel in Bad Nauheim). Von 1944 bis 1946 ist Kennan in Moskau, wo er seine Qualitäten zeigt: Er beobachtet, analysiert, wird um seine Meinung gefragt. Sollte man von Deutschland die bedingungslose Kapitulation verlangen? Schlechte Idee, weil das Hitler Unterstützer zuführe. Sollte man Deutschland teilen? Gute Idee, damit das Land nicht zu schnell wieder stark wird.

Es folgt das „long telegram“ vom Februar 1946. Darin beschreibt er Stalins expansionistische Absichten und fordert eine „Eindämmungspolitik“. Der Kreml nennt ihn einen „Kriegstreiber“ und übersieht, dass Kennan nur Berater war.

Auch in Washington gab es Kritik. Kennan sei selbstgefällig, wolle durch seine Sprache Lob einstreichen. Dennoch berief man ihn an das National War College. Und er weitete sein Telegramm aus zum berühmten Artikel des anonymen „X“ in „Foreign Affairs“ (Juli 1947).

Kennan wirkte in den folgenden Jahren am Marshallplan mit, wurde Leiter der strategischen Planung und dann Über- Stratege am Institute for Advanced Studies in Princeton: ein Mahner gegen das atomare Wettrüsten.

John L. Gaddis erzählt dieses diplomatische Leben souverän nach, leistet sich aber auch die eine oder andere Schwachstelle: Während der Berlin-Blockade wird Kennan nach Berlin gesandt. Gaddis zitiert aus Kennans lesenswertem Bericht über Berlin, scheint aber mit Stalins Motiv, Berlin vom Westen abzuschneiden, nicht vertraut zu sein. Auch lässt er völlig unerwähnt, wie Kennans Kollege Philip Jessup mit Stalins UN-Botschafter Jakow Malik das Ende der Blockade herbeiführte.

Im Juli 1951, als US-Außenminister Dean Acheson Kennan bittet, Botschafter in Moskau zu werden, sagt er nicht sofort zu, und akzeptiert schließlich nur aus Pflichtgefühl. Leider stellt Gaddis nicht die Frage, warum die Wahl auf Kennan fiel und nicht auf Charles „Chip“ Bohlen. Dass Kennan offenbar keine Instruktionen erhielt – eine Absurdität –, übergeht Gaddis ebenfalls.

Kennans Zeit in Moskau dauerte nur gut vier Monate. Stalin versuchte, die USA zu umgehen und die Bundesrepublik Deutschland mit dem Vorschlag einer Wiedervereinigung und Neutralität zu ködern. Gegen Kennans Rat veröffentlichte Washington einen Katyn-Bericht, der dem Kreml die Schuld am Massaker gab. In Moskau war er dadurch isoliert.

Mit Moskau und Berlin hat eine weitere Schwäche des Buches zu tun. Am 19. September 1952 landete Kennan in Tempelhof, auf dem Wege zu einer US-Botschafter-Konferenz in London. Genervt von Fragen eines amerikanischen Journalisten über seine Kontakte zu Sowjetbürgern, antwortete Kennan sinngemäß, dass er seine Isolierung in Moskau als schlimmer empfinde als seine Internierung in Deutschland. Wenige Tage später erklärte ihn Moskau zur Persona non grata.

Kennan war kein geborener Diplomat, kein bloßer Überbringer von Botschaften, die andere formuliert hatten, sondern ein Beobachter mit feinem Sprachsinn, hohem analytischen Verstand und der Begabung eines Schachspielers, viele Schritte vorauszudenken und die beste Strategie zu formulieren. Keine Erklärung des Kremls, die er nicht auf Herz und Nieren geprüft hätte. Nicht nur fragte er nach dem, was geschehen und geschrieben worden war, sondern auch nach dem, was nicht geschehen und geschrieben worden war.

Während des halben Jahrhunderts, das Kennan nicht im amerikanischen Außenministerium verbrachte, forschte, lehrte und schrieb er. Seine Meinung war gefragt, er pflegte gute Freundschaften zu Marion Gräfin Dönhoff und J. Robert Oppenheimer und ein gespanntes Verhältnis zu Henry Kissinger. Die leuchtenden Momente sind die eigenen Beschreibungen Kennans: seine Beobachtungen im verdunkelten Berlin, an den Säulen des Brandenburger Tors tastend, seine Gedanken zum Schicksal der Juden, Gespräche mit Moltke, die Internierung.

Obwohl überzeugend gegliedert und elegant geschrieben, sind 30 Jahre vielleicht zu viel, um an einer Biografie zu arbeiten. Die lange Zeit hat sich auch negativ auf das Werk ausgewirkt: Manche Kapitel wirken, als hätte der Autor das Manuskript zwischenzeitlich weggelegt, und dann hastig die Kapitel zusammengefügt. Dennoch: Kenner der deutschen Geschichte und der Sowjetunion werden auf ihre Kosten kommen.

John Lewis Gaddis:

George F. Kennan.

An American Life.

Penguin Press, New York 2011. 784 Seiten, 26,95 Euro.

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