Museo Egizio in Turin : Schilder warnen: Achtung, Mumie!

Für 50 Millionen Euro wurde das Ägyptische Museum in Turin renoviert und neu gestaltet. Die 1824 begründete Sammlung gilt als die bedeutendste außerhalb Kairos.

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Blick ins Museo Egizio
Blick ins Museo EgizioFoto: dpa

Draußen fließt träge der Nil vorbei, saftig grün leuchtet die Flusslandschaft. Drinnen, zwischen friedlich weidenden Gazellen, bringen Träger und Lasttiere in farbenprächtigen Zügen die Schätze des Landes ein: Korn in vollen Körben, Vieh, das Milch und Fleisch gibt, große Fische.

Das hier ist zwar „nur“ ein Grabmal, erstmals wieder so aufgebaut und mithilfe moderner Videotechnik angereichert, wie es die Erbauer vor 3000 Jahren in der Original-Umgebung gesehen haben. Aber eigentlich ist das Ganze viel mehr: eine Oase in der europäischen Kulturlandschaft. Denn wo sonst und wann hätte je ein Museumsdirektor den Satz gesagt: „An Geld fehlt es uns nicht?“

50 Millionen Euro hat die italienische Stadt Turin in den Generalumbau ihres Ägyptischen Museums gesteckt. Es ist mit fast 200 Jahren das älteste seiner Art, es gilt als die bedeutendste Sammlung außerhalb von Kairo, als ein Bezugspunkt ersten Ranges für die Wissenschaft. Nach fünf Jahren Arbeit präsentiert sich das „Museo Egizio“ nun in deutlich verjüngter Gestalt – und ganz selbstbewusst auch als Symbol für den radikalen Wandel einer grauen, aus der Zeit gefallenen Stadt der Autoindustrie hin zur lichten Kulturmetropole.

Große Teile der italienischen Museumslandschaft sind in beklagenswertem Zustand

Ganz Italien, meinte Kulturminister Dario Franceschini zur Neueröffnung, hätte einen solchen Aufbruch nötig – nicht zuletzt aus einer an Häusern reichen, aber schlecht gepflegten Museumswelt, in der es mehr um Verwahren als um publikumswirksames Erschließen geht, vom Begeistern ganz zu schweigen. Im Museums-Italien schrecken miserable, immer ungewisse, immer streikbedrohte Öffnungszeiten die Besucher ab; selbst prominente Institutionen, wie die Pompeji-Sammlung in Neapel, bleiben jahrelang ohne ersichtlichen Grund geschlossen. Überall fehlt das Geld, weil der Finanzminister mit anderen Problemen beschäftigt ist und weil – „absurd“, nennt Franceschini das – das Einbeziehen privater Träger in den staatlichen Kulturauftrag noch immer als „Ausverkauf von Nationalschätzen“ verpönt ist. Auch darin geht Turin neue Wege: Trägerin des Museo Egizio ist eine Stiftung privaten Rechts, in der zwei traditionsreiche, geldschwere Bankstiftungen mehr als die Hälfte des Restaurierungsbudgets beigesteuert haben.

Auf diese Weise, freut sich der erst 40-jährige Museumsdirektor Christian Greco, sei man auch der lähmenden Staatsbürokratie entkommen. Und mit einer „eisernen“ Managerin an der Spitze – Evelina Christillin, die bereits Turins erfolgreiche Olympische Winterspiele von 2006 organisiert hat – wurde das Museum sogar zum geplanten Termin fertig. Wieder so ein italienisches Unikum.

Den Grundstein gelegt aber haben piemontesische Savoyer-Könige. Zur Zeit der allgemeinen Ägypten-Mode nach Napoleons einschlägigen Eroberungen und besessen von dem Spleen, sie selbst seien pharaonischen Geblüts, kauften sie 1824 die private Sammlung ihres Landsmanns Bernardino Drovetti, der als französischer Konsul am Nil das Beste zusammengerafft hatte, was noch vor den großen Ausgrabungen zu finden war. Drovetti hatte seine 5300 Stücke plus 3000 Münzen auch dem Louvre angeboten, aber dem waren sie zu teuer. Wissenschaftlichen Adel erhielt die Sammlung mit ihren zahllosen Papyri unverzüglich durch Jean-Francois Champollion, dem Entschlüsseler der Hieroglyphen: „Der Weg nach Theben und Memphis“, rief er begeistert aus, „führt über Turin.“

Durch die Renovierung wurde die Ausstellungsfläche verdoppelt

Die Sammlung schwoll erheblich an durch eigene italienische Ausgrabungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Nahe Luxor wurde ein komplettes Dorf – Deir el-Medina – freigelegt und mit ihm nicht nur Kunstwerke, sondern auch Abrechnungen und der Rest eines ganzen Verwaltungsapparats zum Bau der Königsgräber von Theben, ja sogar, für italienische Besucher besonders ansprechend, der Bericht über den ersten Streik der Geschichte. Das Grab des pharaonischen Bauleiters Kha, völlig unberührt aufgefunden, stellt eines der Glanzstücke der Turiner Sammlung dar.

Und was an Fundstücken zerstreut wurde über die Museen der Welt, das bekommen Turiner Besucher heute virtuell vereinigt: mit Tablets, auf denen Fotos und Live-Webcams aus dem Louvre, aus Leyden, aus London etc. eingespielt werden. Vier thematische Rundgänge schlagen die Museumspädagogen auf jenen zwei Kilometern vor, die der Fußweg über vier Jahrtausende lang ist; mit der Restaurierung hat sich die Ausstellungsfläche verdoppelt, die Zahl der Exponate aber leicht verringert: „Weniger ist mehr“, sagt Direktor Greco. Unersättlichen steht dann immer noch der Blick in die Magazine offen.

Wem das Ganze trotz seiner Anschaulichkeit am Ende zu nüchtern wird – dem Versuch einer Disneylandisierung hat Turin widerstanden – der kommt zum Schluss im „Saal der Könige“ und der löwenköpfigen Sonnengöttin Sekhmet voll auf seine Kosten. Dieses Ensemble gewaltiger, tonnenschwerer Statuen hat Dante Ferretti gestaltet, der italienische Szenenbildner, den Hollywood mit drei Oscars beschenkt hat. Es ist ein Spiel mit gruftartiger Dunkelheit, einzelnen Lichtern und Spiegelwänden, das Christian Greco auch für Tagungen, Feste, Bankette vermieten will. Mit 81 Prozent Eigenfinanzierung, bestritten durch die zuletzt 568 000 Besucher pro Jahr – das Haus war während der Restaurierung keinen einzigen Tag geschlossen – steht das Museo Egizio zwar heute schon besser da als die anderen in Italien, aber warum dabei aufhören?

Und ob’s ein Gag ist oder die Angst vor Sammelklagen aus den USA: auch an sensible Gemüter ist in Turin nun gedacht. Vor den Eingang zur unglaublich farbenprächtigen Kollektion an Sarkophagen haben Grecos Leute dreieckige, rote Warnschilder gestellt: „Achtung, Mumie!“ bedeuten sie. Als müsste man in einem Ägyptischen Museum mit so etwas nicht rechnen.

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