Museum Barberini in Potsdam : Rom liegt an der Havel

Geglückte Stadtreparatur: Im Januar eröffnet das Museum Barberini am Alten Markt in Potsdam. Ein Rundgang mit Direktorin Ortrud Westheider durch die leeren Räume – kurz bevor die Bilder kommen.

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Pappkameraden. Vorläufige Aufsteller markieren die Stellen, wo bald Skulpturen von Rodin ihren Platz finden.
Pappkameraden. Vorläufige Aufsteller markieren die Stellen, wo bald Skulpturen von Rodin ihren Platz finden.Foto: Thilo Rückeis

Es ist ein ganz normaler Arbeitstag, Handwerker kommen und tragen sich am Eingang mit ihrem Namen ein, um einen Besucherausweis zu erhalten. Die Putzkolonne schaut sich die Räumlichkeiten an und erhält Instruktionen. Und doch liegt eine Spannung in der Luft. Nur noch wenige Tage, und die ersten Bilder werden von den Kunstexpeditionen geliefert. Das Gebäude wird dann endgültig seiner Bestimmung zugeführt: Das wiedererstandene Palais Barberini am Potsdamer Alten Markt wird zum Museum, so ist es auch in feinen geschwungenen Lettern auf der Sandsteinfassade eingraviert. Am 23. Januar soll die Eröffnung sein, der Countdown läuft. Mit der Ankunft der Bilder beginnt die letzte Phase, die Einrichtung.

Ortrud Westheider, die Direktorin des künftigen Museums, kommt mit dem Rad. Auch sie trägt sich am Empfang in die Besucherliste ein, Ordnung muss sein. Und dann steht die aus Hamburg vor einem halben Jahr importierte Kunsthistorikerin in der Eingangshalle und strahlt, immer noch beglückt vom Gebäude, von der Lage. „Das war einst eine öffentliche Passage von der Havel zum Marktplatz“, erzählt sie. Vieh wird gewiss nicht mehr durchgetrieben, aber der Durchgang vom Wasser zur Stadt soll wieder für alle offen sein.

Mit der Rekonstruktion des Palais Barberini, das Friedrich der Große 1771/72 nach dem Vorbild des gleichnamigen Palazzo in Rom als bürgerliches Wohnhaus neben dem Stadtschloss errichten ließ, werden die alten stadträumlichen Verbindungen wieder erfahrbar. Der Besucher bekommt eine Ahnung, wie einer der schönsten barocken Plätze Europas mit Nikolaikirche, Altem Rathaus und Noackschem Haus einstmals ausgesehen haben muss, würde da nicht in der Ecke noch ein Relikt der DDR-Moderne stehen, die Fachhochschule. Ob sie den geplanten Abriss begrüßt oder nicht, dazu will sich Ortrud Westheider nicht äußern – Diplomatie! Stattdessen lockt sie einen ins Haus, schwärmt von den baulichen Details, den neuen Möglichkeiten.

Westheider ist gerührt von der Begeisterung der Potsdamer

Zu verdanken sind sie dem SAP-Mitbegründer und Multimillionär Hasso Plattner, der seine Sammlung eigentlich in einer Kunsthalle anstelle des Mercure-Hotels präsentieren wollte. Aber die Potsdamer legten eine so große Anhänglichkeit an das einstige DDR-Interhotel an den Tag, in dem sie Jugendweihe und Familienfeierlichkeiten erlebt hatten, dass der Plan sich zerschlug. Nachdem sich Plattner auf der anderen Straßenseite bereits für den Wiederaufbau des Schlosses mäzenatisch engagiert hatte, lag das nächste Projekt nahe: die Rekonstruktion des Palais Barberini als Schmuckschatulle für seine Sammlung, zugleich als ein öffentliches Ausstellungshaus von Rang. Das Münchner Architektenbüro Hilmer & Sattler, von dem auch die Berliner Gemäldegalerie stammt, stellte ihm das perfekte Gehäuse hin. Über die Kosten für den Bau des Privatmuseums wird geschwiegen. Sie müssen enorm gewesen sein, polnische Stuckateure, italienische Terrazzoboden-Verleger reisten eigens an.

Plattners Coup ist gelungen. Davon konnten sich Anfang Dezember 24 500 Besucher eine Woche lang beim sogenannten soft opening überzeugen, einer Vorbesichtigung in leeren Räumen. Ortrud Westheider ist noch immer gerührt von der Begeisterung der Potsdamer, die die Rückkehr des Palais als Geschenk empfinden und von ihren Erinnerungen erzählten. Die einen wussten noch, dass die Großmutter hier zum Klavierunterricht ging, dass es sogar eine Tanzschule gab und eine Bibliothek. Die anderen staunten, wie sich der einstige fünfgeschossige Bau mit seinen bürgerlichen Wohnungen in ein Haus mit drei Etagen mit hohen Galerieräumen verwandelt hat: 17 Säle mit 2200 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Der Enkel des letzten Betreibers jenes Kinos, das sich bis zum Bombenangriff am 14. April 1945 ebenfalls im Palais befand, brachte ein originales Filmprogramm von damals mit. Das befindet sich heute in einer Vitrine im obersten Stock, in dem die wechselvolle Geschichte des Hauses vorgestellt wird.

Netzwerkerin. Ortrud Westheider im Garten des Palais Barberini.
Netzwerkerin. Ortrud Westheider im Garten des Palais Barberini.Foto: Thilo Rückeis

Das Museum Barberini ist ein kleines Wunder der Stadtreparatur. Seit dem Abbruch der Ruine drei Jahre nach den Bombardements von 1945 war das Gelände bis zur Nikolaikirche nur noch öde Brache, auf dem sich zuletzt die „Blechbüchse“ befand, das Provisorium des Hans-Otto-Theaters. Jetzt ist hier ein neuer Raum entstanden, ein Ort für Kultur. Mit einem Paukenschlag geht es am 23. Januar los, in einem Gebäudeflügel wird der Impressionismus präsentiert, „Die Kunst der Landschaft“, im anderen die Klassiker der Moderne mit Liebermann, Munch, Nolde, Kandinsky. Fortan gibt es jährlich drei Ausstellungen, um das Haus lebendig zu halten. Das Barberini soll kein Mausoleum für Plattners Sammlung werden, diese soll vielmehr Impulsgeber sein. Im Sommer kommt die „Amerikanische Moderne“ von Hopper bis Rothko aus der Washingtoner Phillip’s Collection, im Herbst steht DDR-Kunst auf dem Programm, 2018 wird Max Beckmanns „Welttheater“ eine Ausstellung gewidmet.

Aufgeschlossen gegenüber Zeitgenössischem

Westheider hat in den letzten sechs Monaten ihre Beziehungen zu internationalen Leihgebern spielen lassen. Genau dafür wurde sie aus Hamburg vom Bucerius Kunst Forum abgeworben, das keine Sammlung besitzt und trotzdem exquisite Ausstellungen zustande bringt. Von dort hat die 53-Jährige ihr Rezept mitgebracht: Als Vorbereitung auf jede Ausstellung lädt sie Experten zu Kolloquien ein, um neue Fragestellungen zu entwickeln und einen überraschenden Blick auf die Klassiker werfen zu können, die auch in Potsdam vornehmlich zu sehen sein werden, als Tribut an den breiteren Publikumsgeschmack.

Dennoch zeigt sich die agile Museumschefin aufgeschlossen gegenüber dem Zeitgenössischen. Bei der Führung durch das leere Haus zeigt sie im Obersaal verschmitzt auf eine Reihe Pappkameraden, vorläufige Aufsteller für Skulpturen, die in den nächsten Tagen erwartet werden. „Na, erkennen Sie, was es ist?“ Nach kurzem Zögern fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Rodins „Bürger von Calais“ sind hier aus schlichtem Karton zur Probe aufgestellt. Dort hockt „Der Denker“, da hebt ein Gefangener mitleiderregend seine gefesselten Hände dem Besucher entgegen. Die Konturen sind als Erinnerungshilfe mit schwarzem Filzstift auf den braunen Grund gekrakelt. Durch die Fenster fällt auf der einen Seite der Blick auf den Markt mit der Kuppel der Nikolaikirche, auf der anderen zur Havel und Freundschaftsinsel. „Hier lassen sich mit aktuellen Skulpturen wunderbare Blickbeziehungen knüpfen“, hat sich Ortrud Westheider bereits überlegt.

Monets „Mohnfeld bei Argenteuil“ wird hier erstrahlen

Zunächst aber muss die Ersteinrichtung gelingen. Die Galeriewände sind in dunklen, satten Farben für die Klassiker gefasst, die Räume für die aktuelle Kunst mit Gerhard Richter, Hans Hofmann und Sam Francis erhalten eine moderne Anmutung in klarem Weiß. Noch hängt nichts, nur da und dort wird an den Wänden geprobt, ob die künftige Beschriftung auch hält. In einem Saal wird noch an den neuen Stellwänden montiert, die erst nach der Vorbesichtigung Anfang Dezember eingezogen wurden, Metalltafeln sind im offenen Gehäuse zu sehen, Kabel hängen heraus. „Ein interkapazitives Feldmeldesystem“, erklärt Ortrud Westheider, „es reagiert auf Körperwärme und -flüssigkeit.“ Vor den Außenwänden wurden Infrarotschleier installiert, alles neueste Sicherheitstechnik, die dem Besucher verborgen bleibt.

Monets „Mohnfeld bei Argenteuil“ wird hier in schönsten Farben erstrahlen, als gäbe es nur die Sonne und keine Sensoren. Das Barberini ist ideal für das Gemälde: Sonntagsspaziergänger flanieren am Rande der Stadt durch die Natur, in der Ferne steht ein Haus. Genau an der Grenze zwischen der Metropole Berlin und der Schlösser- und Gartenlandschaft von Sanssouci will das neue Museum ein internationales Publikum locken. Auf der Website der zwanzig Kunstorte Potsdams hat es das Barberini bereits auf Platz eins geschafft. Jetzt muss es nur noch eröffnen.

Ab 23. Januar, Mi bis Mo 11- 19 Uhr. Jeden ersten Donnerstag im Monat bis 21 Uhr. Infos: www.museum-barberini.com

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