Kultur : Museum der Mörder

Jörg Plath

Die Prager Außenstelle des Referats von Adolf Eichmann organisierte ab Oktober 1941 nicht nur die Deportation der tschechischen Juden in Konzentrationslager, sondern auch die Verwertung und Sammlung ihrer Besitztümer und Kultusgegenstände. In Prag richteten die Nationalsozialisten ein "Jüdisches Zentralmuseum" ein, in dem zeitweise bis zu 44 Juden die aus 150 jüdischen Provinzgemeinden eintreffenden Objekte archivierten, falls nötig ausbesserten, sie bewachten, pflegten und einige von ihnen gar ausstellten.

Die Depots schwollen schnell an: Obwohl unzählige Wertgegenstände geraubt, zu Kriegszwecken eingeschmolzen oder auf anderen Wegen verschwunden wurden, lagerten nach Kriegsende mehr als 200 000 Objekte in acht Gebäuden und 50 Warenhäusern. Das Archiv des "Jüdischen Zentralmuseums" ist das Beinhaus eines ganzen Volkes: Nur etwa 10 000 von 90 000 Juden in Böhmen und Mähren überlebten die nationalsozialistische Vernichtung.

Die unbegreifliche und unerträgliche Einheit von rücksichtsloser Vernichtung und musealem Andenken ist oft beschrieben worden. Jiri Weil, der eine Zeitlang im "Jüdischen Zentralmuseum" arbeitete, erwähnt es in seinem Roman "Mendelssohn auf dem Dach", H. G. Adler in "Die unsichtbare Wand" und Egon Erwin Kisch in "Mörder bauten dem zu Ermordenden ein Mausoleum". Als "Museum einer ausgestorbenen Rasse" geistert das nationalsozialistische Museum jüdischer Kultur noch heute durch Literatur und Reiseführer. So hat es freilich nie geheißen, weiß der junge Historiker Dirk Rupnow in seiner Untersuchung "Täter - Gedächtnis - Opfer. Das "Jüdische Zentralmuseum in Prag 1942-1945".

Rupnow versucht, die tägliche Museumsarbeit unter Todesdrohung zu rekonstruieren und stellt die Institution zudem in den Kontext einer Geschichte der Erinnerung. Der zweite Aspekt ist sehr viel ergiebiger als der erste. Denn die wenigen Quellen sind problematisch: Die Opfer mussten äußerste Vorsicht walten lassen und waren gezwungen, die Sicht ihrer Mörder zu übernehmen.

Der Reihe nach wurden die Museumsmitarbeiter deportiert und durch neue Kräfte ersetzt. Die lebensbedrohliche Situation hielt sie jedoch nicht davon ab, gegenüber den Nationalsozialisten eigene Vorstellungen über die Organisation des Archivs und die in den Synagogen einzurichtenden Ausstellungen anzumelden. Der "wissenschaftliche Positivismus, das Drängen auf objektive Arbeit wird hier zum Widerstand gegen Ideologie und Propaganda", schreibt Dirk Rupnow. Allerdings waren "Bewahrung und Selbstaufgabe" untrennbar miteinander verbunden. Den Nationalsozialisten setzten den Rahmen, in dem Juden ihre eigene Stimme erheben konnten. Während die Opfer versuchten, die Erinnerung an ihr Volk im Museum zu sichern, dienten sie zugleich Propagandazwecken.

Das Prager Zentralmuseum war nicht das einzige seiner Art, in Krakau und Wilna gab es ähnliche Einrichtungen. Im "Dritten Reich" widmeten sich mehrere Institutionen dem Studium des Gegners, darunter das "Institut zur Erforschung der Judenfrage" in Frankfurt am Main. Vielleicht wollten die Nationalsozialisten gar nicht, wie oft behauptet, das Gedenken an ihren Gegner für alle Zeiten "vom Erdboden tilgen". Rupnow deutet an, dass im Gegenteil spätere Generationen an dessen Gefährlichkeit erinnert werden sollten.

Erstaunlicherweise bezeichnet Dirk Rupnow das Museum als eine christliche Institution, die dem Judentum fremd sei. Gegen diese unhistorische, kulturalisierende Sicht spricht jedoch schon sein eigener Blick auf die Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden jüdischen Museen. Durch die Emanzipation der Juden trennten sich damals Volk und Religion. Das Judentum, jedenfalls sein säkularisierter Teil, trat aus der ewigen Zeit der Tradition über in die historische Zeit. Mit und in jüdischen Museen rang man um die eigene Identität.

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