Museumsinsel : Säulen nach Athen

David Chipperfields Plan für die James-Simon-Galerie am Kupfergraben ist ein großer Wurf, der souverän mit den auf der Insel vorhandenen Formen spielt.

Christina Tilmann
Chipperfield
James-Simon-Galerie: Der Eingangsbereich vor dem Neuen MuseumFoto: AFP

Peter-Klaus Schuster ist in Form: Der Generaldirektor der Staatlichen Museen kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Er spricht von visionärer Architektur mit der Dignität einer Tempelstadt, von einem kostbaren Bau, einer ästhetischen Vorschule, die sie alle zu Konvertiten gemacht habe. Chipperfields neuer Entwurf sei eine ingeniöse Verbindung von Stüler und Messel, von den Formen her „miesisch modern“, mit einer großen Freitreppe als „Würdeformel“ und der umlaufenden Kolonnade als Leitmotiv, eine Art Schinkel’sche „Große Neugierde“ – und die späte Vollendung der Museumsinsel.

Es geht um David Chipperfields Eingangsgebäude zur Museumsinsel, dessen Entwurf am Mittwoch unter großer Medienbeteilung im Pergamonmuseum vorgestellt wurde. Ein nicht unumstrittenes Vorhaben: Nachdem der Bundestag im November 2006 überraschend 73 Millionen Euro für den ursprünglich auf 2020 angesetzten Bau genehmigte, hatte die Diskussion neue Schärfe bekommen. Traditionalisten polemisierten gegen Neubauten auf der Insel im Allgemeinen und die Pläne des britischen Architekten im Besonderen, Prominente wie Günther Jauch und Wolf Jobst Siedler unterstützten ein Bürgerbegehren gegen die Neubaupläne, und selbst Sympathisanten äußerten insgeheim Zweifel an der Tauglichkeit der bislang vorgesehenen Glaskuben. Dem ersten Entwurf von 2001, den Schuster offenherzig als „Containerdorf“ bezeichnet, habe eindeutig die Würde gefehlt, so der Museumschef.

David Chipperfield hat die Lektion gelernt. Würdig ist der Entwurf, den er nach nur sechsmonatiger Planungszeit nun in Berlin vorstellt, ganz gewiss – und ein großer Wurf, der souverän mit den auf der Insel vorhandenen Formen spielt. Ein hoch auf einem Sockel ragender Tempel aus leichten, schlanken Säulen zitiert sowohl Stülers Alte Nationalgalerie als auch Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie und schafft eine Stadtkrone, die gleichzeitig den Blick auf das dahinterliegende, ebenfalls durch Chipperfield umgebaute Neue Museum nicht verstellt. Erschlossen über eine Freitreppe, öffnet sich eine große Freifläche, eine Terrasse hoch über der Spree, unverglast, nach allen Seiten offen, nur von einem luftigen Dach geschützt. Hier, so träumt Schuster, können die Berliner nachts lustwandeln oder Tangoabende veranstalten, Angler können von hier aus im Kupfergraben fischen, es sei eine „Ebene des Genusses“, ein neuer öffentlicher Platz für Berlin.

Gleichzeitig entsteht zwischen dem Eingangsgebäude, das den Namen des Berliner Mäzens James Simon tragen soll, und dem Neuen Museum ein Kolonnadenhof, eine Fortsetzung der östlichen Stüler’schen Kolonnaden zwischen Neuem Museum und Alter Nationalgalerie. Der Besucher kann trockenen Fußes um das Neue Museum herum zum Haupteingang spazieren, gleichzeitig soll es an der Kupfergrabenseite einen neuen Zugang geben. Das Kolonnadenmotiv, schon von Friedrich August Stüler und Alfred Messel verwendet, wird zum verbindenden Element der Insel. Wo Bausolitäre standen, fügt es sie zum Ensemble zusammen.

Eine herausragende städtebauliche Lösung: Aus einer Abstellfläche auf der Rückseite des Neuen Museums wird ein offener Stadtraum, der gleichzeitig die Insel schließt und der Kupfergraben-Front neues Format gibt, so Chipperfield. Mit dem hohen Sockelgeschoss des Eingangsgebäudes, in dem die Kasse, Garderobe und WCs ebenso unterkommen sollen wie ein Auditorium, Räume für Wechselausstellungen sowie der Anschluss an die die Häuser verbindende „archäologische Promenade“, greift Chipperfield Messels Pläne direkt auf. Schon der Architekt des 19. Jahrhunderts hatte eine Fortsetzung des Pergamonmuseums über den ehemaligen Packhof hinaus geplant, gekrönt von einer Kolonnadenreihe.

Jetzt schließt Chipperfield an das Pergamonmuseum an und ermöglicht den direkten Zugang zum ersten Obergeschoss, wo der große Rundgang durch die antiken Kulturen beginnen soll, mit vorderasiatischem Museum, ägyptischen Großskulpturen, babylonischer Prozessionsstraße und Pergamonaltar. Die veränderte Wegführung im Pergamonmuseum, die zunächst, mit Absenkung der Kellerdecke, als Tiefgang geplant war und nun im ersten Obergeschoss beginnen soll, brachte Chipperfield auf die Tempelidee: Ein Tempel ist immer in die Höhe, nie in die Tiefe gedacht, so der Architekt.

Und doch ist beim Sockelgeschoss die meiste Kritik zu erwarten: Zu monumental wirkt es, zumindest im ersten Entwurf. Die hohe, ungegliederte Fläche dürfte das Erste sein, was der Besucher, vom Kupfergraben kommend, vor Augen hat. Der Durchblick durch das ebenfalls sehr hohe Tempelgeschoss zum Neuen Museum dürfte sich nur für die Anwohner am Kupfergraben erschließen. Doch sei er, so der angenehm pragmatische Architekt, durchaus für Umplanungen wie etwa eine Durchfensterung des Sockels zu haben, auch die Höhe der umlaufenden Kolonnaden stehe noch nicht endgültig fest. Vorgestellt werde ohnehin ein frühes Stadium des Entwurfs, wegen des großen öffentlichen Interesses. Mit einer ausgearbeiteten Fassung wird erst Ende des Jahres gerechnet, mit dem Baubeginn 2010. Immerhin: Bei den Denkmalbehörden, auch dem kritischen Unesco-Berichterstatter Michael Petzet, ist der Entwurf schon auf Zustimmung gestoßen.

Die Museumsinsel mit ihren sich im Wasser spiegelnden Bauten sei ein magischer Ort, ein Sehnsuchtsort, so Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann. Mit Chipperfield hat sie nicht nur einen pragmatischen Planer, sondern auch einen Romantiker zum Architekten bekommen.

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