Music Week : Wie das Sammeln zum Mainstream wurde

Pop in der Retrofalle: Früher war das obsessive Sammeln von Musik ein Fall für Freaks. In der Ära des Internets wird aus der Leidenschaft dank neuer Technologien ein Massenphänomen.

Simon Reynolds
Bis zur Jahrtausendwende schien obsessives Plattensammeln die Beschäftigung einer Minderheit.
Bis zur Jahrtausendwende schien obsessives Plattensammeln die Beschäftigung einer Minderheit.Foto: Bettina Seuffert

Ich kann mich nicht für die offensichtlichen Formen des demonstrativen Konsums begeistern – schrille Autos, Designer-Klamotten oder Luxuszeugs. Nichtsdestotrotz muss ich zugeben, dass ich im Lauf der Jahre haufenweise materielle Güter angehäuft habe, die meisten davon sind Bücher und Platten. Vielleicht wirken die irgendwie erhabener als andere Besitztümer. Als Konsumkritiker besitze ich ganz schön viel – wenn auch eher ausgefallene Platten und nerdige Bücher. Tatsächlich bin ich in diesem Bereich ein virtuoser Konsument, ich durchsiebe den Schlamm, um die Sachen zu finden, die übersehen oder verstoßen wurden.

Vermutlich erlaubt mir das Bewusstsein darüber, dass das meiste, was ich kaufe, alter Kram ist, die Pseudo-Distinktion, durch die ich mich mit meiner Konsumhaltung über den normalen Einkaufszentrums-Zombie erhebe. Das Kaufen von Kleidung, Möbeln oder technischen Geräten langweilt mich zu Tode. Aber diese andere Art des Shoppings ist ein Abenteuer. Ich verspüre noch immer Aufregung und Vorfreude, wenn ich einen Second-Hand-Laden betrete. Egal, ob ich etwas finde, wonach ich schon seit Ewigkeiten suche, oder auf etwas stoße, das so bizarr ist, dass ich noch nicht einmal von seiner Existenz wusste – das Erworbene erscheint mir weniger als Ware denn als Verheißung. Trotzdem habe ich mich selbst bis vor kurzem nicht als Sammler gesehen. Sammler waren für mich Leute, die sich an seltene Artefakte wie Münzen, Briefmarken oder Antiquitäten klammern. Plattensammler stellte ich mir als seltsame Käuze vor, auf bestimmte Formate oder Aufmachungen fixiert – buntes Vinyl oder Seven-Inch-Singles, japanische Pressungen von Alben. Mir ging es nur um die Musik, jedenfalls sammelte ich nicht um des Sammelns willen. Bei mir handelte es sich um Recherchematerial für den Job, das Teil meiner musikwissenschaftlichen Bildung war.

Aber eines Tages fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte ein immenses privates Archiv von Ton-Artefakten angehäuft. Ich könnte dafür den endlosen Strom an Promos, der mich per Post erreicht, verantwortlich machen, aber um ehrlich zu sein: Ich hatte diesen Weg lange vor meiner Zeit als Rockkritiker eingeschlagen. Als Studienabbrecher, der von der Stütze lebte, habe ich in Oxford Mitte der 80er Platten in der Bibliothek auf Tapes überspielt, „nur für alle Fälle“. Als ich später als Freiberufler an Geld kam, fing ich an, alle möglichen Platten zu kaufen, die mich interessierten, einige davon sind peinlicherweise bis heute eingeschweißt. Wenn die Schränke und Regale in jedem Zimmer deiner Wohnung voller Platten sind, im Keller noch mehr Vinyl gelagert ist und du in London sogar einen Lagerraum voller CDs, Tapes, LPs und Singles angemietet hast, seit du vor 15 Jahren in die USA gezogen bist … dann musst du den Tatsachen ins Auge sehen. Du bist ein Sammler, ein chronischer, und du hast den Punkt, bis zu dem es eine überschaubare und bekömmliche Freizeitbeschäftigung ist, längst überschritten.

Eine derart gigantische Plattensammlung übt einen unterschwelligen Druck aus. Man denkt darüber nach, ob man überhaupt noch genug Zeit hat, all die Sachen, die man mag, noch einmal anzuhören, ganz zu schweigen von neuen Entdeckungen. Diese Besessenheit von Musik wird zu einer Variante der Midlife-Crisis, wenn all die voll gestopften Regale nicht mehr Vergnügen bedeuten, sondern zu Vorboten des Todes werden.

Dass die psychoanalytische Interpretation im obsessiven Sammeln einen Versuch sieht, dem Tod zu entgehen, oder zumindest eine Ersatzhandlung bei unbestimmten, unergründlichen Ängsten, die oft aus kindlichen Gefühlen der Hilflosigkeit resultieren, entbehrt nicht einer bitteren Ironie. Wenn man all diesen Kram hat, sagt die unbewusste Logik, ist man gegen Verlust gefeit. Aber schlussendlich erinnern einen all diese Dinge an die Unausweichlichkeit des Verlustes. „Ich fürchte den Tag meines Todes“, meinte Gareth Goddard, Sammler und Kopf des Reissue-Labels Cherrystones. „Weil ich mich frage: Was zur Hölle wird aus meiner Sammlung?“

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