Musica reanimata : Wie ich sie liebe, die Freunde

Die Reihe "Musica reanimata" im Konzerthaus erinnert Komponisten, die die Nazis vertrieben oder ermordet haben und die seither vergessen sind. Brigitte Schiffer zum Beispiel: Sie musste Deutschland 1935 verlassen.

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Kaum ist der Krieg zu Ende, da schreibt die Komponistin Brigitte Schiffer aus dem Exil in Kairo sehnsuchtsvolle Briefe nach Berlin. Ihre ungeduldige Neugier geht zunächst an den Lehrer Heinz Tiessen, der von 1925 bis 1945 an der Berliner Musikhochschule lehrte, und die Fragen betreffen die ehemaligen Weggefährten: Was wohl aus ihnen geworden sein mag. Sie ist glücklich, dass es H. H. Stuckenschmidt gut gehe. Was macht das Berliner Musikleben, wer leitet welche Institution? Ausgehungert nach Musik sei sie, schreibt sie an den Verleger Alfred Schlee. Die Umständlichkeit der Kontakte ist im digitalen Zeitalter kaum vorstellbar. Alle diese Korrespondenz soll demnächst veröffentlicht werden (Text + Kritik, etwa 650 Seiten). Mit dem Titel des Buches „Es ist gut, dass man überall Freunde hat“ stellt sich Schiffer als Persönlichkeit quasi selbst vor, Berlinerin, Jahrgang 1909. Als Jüdin muss sie Deutschland 1935 verlassen. Kompositionsschülerin von Tiessen und Doktorandin von Curt Sachs, dem großen Berliner Musikforscher, arbeitet sie in Kairo pädagogisch, bevor sie nach London geht. Bis zu ihrem Tod 1980 reist sie viel, etwa zu den Darmstädter Ferienkursen.

Musica reanimata, der hochverdiente Verein zur Wiederentdeckung NS-verfolgter Künstler, widmet Brigitte Schiffer sein 113. Gesprächskonzert. Moderiert wird es im Musikclub des Konzerthauses von Matthias Pasdzierny und Dörte Schmidt. Gottfried Eberle spielt am Klavier Überraschungs-Aphorismen von Stuckenschmidt mit imponierender Technik. Dann versenkt sich ein Klee-Quartett in Schiffers Streichquartett : selbstbewusste Avantgarde, Unisono, Kontrapunkt. Ein Brief wird verlesen, in dem sich Fritz Stein, krasser Antisemit und 1934 Hochschuldirektor, darüber beschwert, dass Stuckenschmidt zu einem internen Vorspiel des Werkes eingeladen sei. Jüdisches soll nicht an die Öffentlichkeit. Brigitte Schiffers Briefe aber sind voll dankbarer Erinnerung an die Studienzeit, diskret bezüglich einzelner NS-Vergangenheit, farbig, eine Fundgrube zum Neuanfang zwischen Verbannten und Daheimgebliebenen.

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