• Musikfest Berlin: Wolfgang Rihm im Interview: "Schönberg knirscht vor Kraft und Gegenwart"

Musikfest Berlin: Wolfgang Rihm im Interview : "Schönberg knirscht vor Kraft und Gegenwart"

Ein Gespräch mit dem Komponisten Wolfgang Rihm über Arnold Schönberg, zeitlose Klassiker und das Sinnliche in der Musik.

Tobias Schwartz
Wolfgang Rihm 2011 in Karlsruhe.
Wolfgang Rihm 2011 in Karlsruhe.Foto: dpa

Am heutigen Mittwoch beginnt das Musikfest Berlin (bis 22. September). Wolfgang Rihm ist selbst auch dabei: Am 20. September wird seine „Musik für 3 Streicher“ aufgeführt. Den Schwerpunkt aber bilden die Sinfonien und Streichquartette des dänischen Komponisten Carl Nielsen, dessen 150. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird – und das Werk von Arnold Schönberg.

Herr Rihm, auf den ersten Blick scheint es absurd, Sie mit Arnold Schönberg zu vergleichen. Dennoch gibt es Verbindungen zwischen einzelnen ihrer Werke. Wie würden Sie selbst die Verbindungen beschreiben?
Schönberg ist die Zusammenfassung des klassisch-romantischen Erbes, er integriert Wagner und Brahms, die ihrerseits eine Art Integration von Wiener Klassik und Bach realisierten. Schönberg als Vaterfigur zu empfinden, heißt „Kind“ der Klassik zu sein.

Welche Bedeutung hat oder hatte Schönberg für Sie?
Von ihm ging ich aus. Er, Alban Berg und Anton Webern waren für mich musikalisch Grundnahrung in frühester Zeit. Von Schönberg ging heißer, wilder Ansporn aus. Seine und die Musik Debussys und Strawinskys legten in mir den Keim unbändiger künstlerischer Freiheitsliebe. Ich war verloren für Bürokratie und Systeme.

Können Sie als Komponist der Gegenwart mit der Zwölftontechnik etwas anfangen?
Einige meiner ersten Kompositionen waren in dieser sogenannten Technik komponiert. Nach meiner Symphonie op. 3 von 1969/70 schrieb ich aber nicht mehr in einem System – und ich war vor über 45 Jahren sicher einer der Letzten, der noch „zwölftönig“ komponierte. Ich war halt schon mit 17 etwas altmodisch.

Was macht Schönberg für die Gegenwart interessant?
Sein Feuer. Die unbedingte Leidenschaft der Diktion. Die wilde Irrationalität, die er durch ein Gesetz zu bändigen versucht, sodass seine Musik knirscht vor Kraft und Gegenkraft. Schönberg ist nie langweilig. Er ist vielleicht nicht gefällig, aber die Fallhöhe, die er durch seine musikalischen Visionen erreicht, ist gigantisch.

Was macht ihn zeitlos, zum Klassiker?
Eben das vorher Gesagte. Und vor allem die Tatsache, dass er die Kräfte und Gegenkräfte in Balance hält – exakt das ist das Zeichen jeder „Klassik“: Anwesenheit der Gegensätze im Zustand vibrierender Spannung. Entspannung ist immer unklassisch. Ganz schön gelegentlich, aber eben leider nicht klassikfähig. Für mich ist Mozart der spannendste Komponist. Er ist deswegen Klassiker.

Es gibt Musiker, die den 12-tönigen Schönberg für „unsinnlich“ und einen bloßen Mathematiker halten. Wie sehen Sie das?
Ich kann mir weder unter einem „unsinnlichen Mathematiker“ noch unter einem „sinnlichen“ etwas Konkretes vorstellen. Vielleicht entzieht sich das meiner Erfahrung, weil ich auf dem Gymnasium in Mathe schlecht war.

Was würden Sie dem entsprechenden Musiker entgegnen?
Ich würde ihn zu einer guten Flasche Wein einladen und überlegen, wohin wir anschließend essen gehen.

Besuchen Sie Musikfest-Konzerte? Welcher Schönberg-Programmpunkt ist für Sie der interessanteste?
Leider kann ich nur wenige Konzerte besuchen, schließlich bin ich berufstätig. Aber ich liebe Nielsen, und das Zusammentreffen dieser beiden herrlichen Komponisten verspricht wunderbare Schlaglichter und Geistesblitze. Wir hören Musik von einander zeitgenössischen Komponisten – alter Duft aus Märchenzeit.

Das Interview führte Tobias Schwartz

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