Musiktheater über die Stasi : Sound der Überwachung

„Volk unter Verdacht“ von Ulrike Ruf im Radialsystem verwandelt die dunklen Protokolle der Stasiüberwachung in Musiktheater. Leider verschenkt es dabei viel Potenzial.

Christopher Warmuth
Szene aus der Inszenierung „Volk unter Verdacht“ von Ulrike Ruf.
Szene aus der Inszenierung „Volk unter Verdacht“ von Ulrike Ruf.Foto: Christina Voigt

Es schmerzt höllisch, wenn Gelächter unangebracht ist. Zumindest das verstört bei „Volk unter Verdacht“, einem dokumentarischen Musiktheater von Ulrike Ruf im Radialsystem. Das Werk knöpft sich die Stasimethoden vor. Die Mitglieder des Vocalconsort Berlin agieren als Individuum und Kollektiv zugleich. Drei Leinwände sind angeordnet wie ein aufgeschlitzter Wohnraum, in den wir hineinlauschen, direkt ins Privateste. Alltagsgespräche der Bespitzelten wechseln mit Dialogen der Stasibeamten, alles untertitelt, zu schlecht ist die Originalqualität der Aufnahmen.

Es sind Protokolle einer dunklen Zeit, banal wie schäbig, akribisch archiviert. Und schließlich stöhnt ein Liebespaar. Allein diese Melange, die das Innenleben der Gesellschaft kondensiert, könnte die Zuschauer an die Grenzen bringen. Könnte. Aber freilich soll das so sein. Der dramaturgische Zaunpfahl hebelt das Konzept aus. Rollenwechsel: Das Publikum wird verhört, zwei Lichtstrahler werden angeknipst. Spätestens hier repetiert sich das Erwartbare.

Mehr Wagnis hätte dem Stück gut getan

Ulrike Ruf erdachte sich mit Iris ter Schiphorst diesen Abend. Gedichte von Jürgen Fuchs, einem der prominentesten Dissidenten, werden allenthalben eingestreut. Sie erzählen nüchtern, wie die Stasimethoden Individuen psychisch zermalmen können.

Die Komposition von Schiphorst versucht alles, um Bedrängnis zu kreieren. Sirenenhaft schwellen die A-cappella-Gebilde an und ab, sie changieren harmonisch zwischen dem damaligen Volksschlager „Unsre Heimat“, der aus den Boxen dröhnt, und schweben als Cluster im Raum. Unser Gehör macht aus den willkürlichen Tontrauben selbstständig Dur oder Moll. Jeder hört nur das, was er will. Der Chor meistert das phänomenal, spannt die Bögen ins Unendliche.

Uraufführungen sind ein rares Gut. Wird darüber hinaus noch die Möglichkeit geschenkt, für einen offenen Raum zu komponieren, dann verwundert es doch sehr, dass Konventionen bedient werden, wo Freiheit möglich wäre. Man hätte nicht frontal beschallen müssen. Eine Überforderung durch die permanente Überwachung und den Rollenwechsel zum Staatskomplizen – das hätte mehr Wagnis benötigt. Vor allem aber hätte man den Zuschauern mehr zumuten und zutrauen müssen. Und auf die Musik verzichten sollen. Das historische Material strotzt vor Kraft. Da werden solide Kompositionen schnell zum atmosphärischen Duft eines Räucherstäbchens, der blitzschnell verfliegt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben