• „Mutter spottete über Hitlers Mundgeruch…“ …und im Ghetto raffte sie Pelze und Schmuck, so viel sie kriegen konnte.

Kultur : „Mutter spottete über Hitlers Mundgeruch…“ …und im Ghetto raffte sie Pelze und Schmuck, so viel sie kriegen konnte.

Niklas Frank über seine Familie und die Verbrechen der Frauen in der Nazizeit.

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Niklas Frank, 66, war lange Reporter des „Stern“. Sein Vater Hans war ein Vertrauter Hitlers und von 1939 an Generalgouverneur in Polen; 1946 wurde er in Nürnberg zum Tode verurteilt. In einem Buch rechnete der Sohn 1987 mit ihm ab. Kürzlich wandte er sich dem anderen Elternteil zu und schrieb „Meine deutsche Mutter“ (Bertelsmann).

Interview: Holger Fuß Herr Frank, bei Kriegsende vor 60 Jahren waren Sie sechs Jahre alt. Und sollten erschossen werden.

Die Amerikaner haben nach ihrem Einmarsch in unser Heimatdorf Schliersee in Oberbayern unser Elternhaus geplündert und die Familie des Polenschlächters an die Wand gestellt – meine Mutter und die jüngeren Kinder Brigitte, Michael und mich. Meine zwei älteren Geschwister waren nicht da. Doch die alliierten Siegermächte hatten nicht mit meiner Mutter gerechnet! Sie brüllte den Ami mit dem Maschinengewehr dermaßen zusammen, dass der verblüfft von uns abließ und von einem anderen US-Soldaten weggeführt wurde.

Was hat Ihre Mutter geschrien?

Die konnte ja kein Englisch. Sie hat ihn auf Deutsch zusammengefegt. Dass das eine Unverschämtheit sei, sie und vor allem ihre Kinder umbringen zu wollen. Ich weiß die einzelnen Worte nicht mehr, aber ich sehe noch heute ihr wütendes Gesicht mit dem schreienden Mund vor mir. Ich fand meine Mutter in diesen Minuten super.

Weil sie mit ihrem Wutanfall Ihr Leben rettete?

Nein, weil sie nicht um unser Leben gewinselt hat. Später entdeckte ich in einem ihrer Briefe die Sätze: „Ich kenne nur eine Sünde: Die Feigheit. Ich war nie feige.“ Meine beiden Geschwister haben geheult. Ich nicht. Und nicht, weil ich etwa mutig war, sondern ich hatte damals schon das Gefühl, Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein und dass der Ami uns zu Recht erschießt. Das glaubt mir zwar keiner, aber es war so.

Sie sollten mit sechs Jahren getötet werden und hatten keine Todesangst?

Ich stand ruhig da und fand das in Ordnung. Sicher hatte ich noch keinen richtigen Begriff vom Tod.

Ahnten Sie denn als Kind schon, dass der Vater Verbrechen begangen hatte?

Ich spürte dieses Unbehagen: Mit meinen Eltern stimmt etwas nicht. Die Verbrechen meines Vaters und der anderen Nazibonzen bildeten allerdings ab Beginn der Nürnberger Prozesse im Spätherbst 1945 das Hauptthema innerhalb der Familie. Rundfunk und Zeitungen berichteten täglich darüber, und ich weiß noch, dass wir irgendwie ein bisschen stolz darauf waren, dass unser Vater auf der Anklagebank in der ersten Reihe saß. Verrückt!

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie aufrüttelte?

Nein. Es gab allerdings eines in Bezug auf mein Verhältnis zu ihm. Das war noch in Polen, ich war drei oder vier Jahre alt. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Lätzchen um den Hals weinend um einen großen Mahagonitisch herum hinter meinem Vater herlief, der mich nicht in seine Arme nehmen wollte. Mein Vater rief immer: „Was willst du denn? Du bist doch ein Fremdi! Du gehörst doch gar nicht zu uns!“ Ich glaube, diese Zurückweisung markierte den Bruch mit meinem Vater. Erst später fand ich heraus, dass mein Vater überzeugt war, ich sei gar nicht sein Sohn, sondern der von Karl Lasch, seinem alten Freund und langjährigen Mitarbeiter, den er in Polen auch zu einem seiner fünf Gouverneure machte. Mit ihm hatte meine Mutter tatsächlich ein Verhältnis gehabt.

Sie verwahren in Ihrer Brieftasche das Totenbild Ihres Vaters nach seiner Hinrichtung.

Das ist meine Form der Rache. Ich kann mich immer vergewissern, dass er seine gerechte Strafe bekommen hat.

Spielt da nicht auch versteckte Liebe eine Rolle?

Nein. Das Foto ist zugleich ein Schmerzauslöser. Wann immer ich an meinen Vater denke, schüttle ich den Kopf: Wie konnte einer mit seiner Klugheit bei diesen entsetzlichen Verbrechen mitmachen? Nein, Liebe empfinde ich nicht. Nur den Schmerz über das, was wir Deutschen angerichtet haben und woran mein Vater aktiv beteiligt war.

Sie hatten gute Gründe, ihn zu verachten. Nun rechnen Sie im neuen Buch mit Ihrer Mutter ab. Aber sie war doch keine Verbrecherin?

Das sehe ich anders. Mein Vater wurde in zwei der vier Anklagepunkte schuldig gesprochen: Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat auch meine Mutter verübt. Zwölf Jahre lang. Zum Beispiel machte sie bis 1933 glänzende Pelzgeschäfte mit deutschen Juden – später war es ihr total gleichgültig, dass ihre treuen Partner ins Gas geschickt wurden. Sie raffte in den Ghettos zusammen, was sie kriegen konnte und dachte nicht im Traum daran, den verzweifelten Juden zu helfen, die der Frau Generalgouverneur in der Hoffnung aufs Überleben ihre letzten Pelze und Stoffe aushändigten. Meine Mutter wusste genau, was in Auschwitz und Treblinka passierte. Es war ihr piepegal. Genauso wie das Schicksal ihres Ex-Geliebten Karl Lasch. Himmler ließ ihn wegen angeblichen Schmuggels verhaften und in Breslau ohne Gerichtsurteil in der Zelle abknallen.

Haben Sie eine Erklärung für dieses Verhalten einer Mutter von fünf Kindern?

Ich werde ewig danach suchen. Eiskalt hat das meine Mutter mitgemacht. Es klingt widersinnig, aber besonders schlimm finde ich, dass sie überhaupt keine glühende Anhängerin der Nazi-Ideologie war. Sie fand diese in Hitlers nachgeahmtem Knödelton herumschreienden Nazibonzen „selten dämlich“, verspottete vor ihren Freundinnen den Führer wegen seines Mundgeruchs und attestierte meinem Vater, ihrem Ehemann, hündischen Charakter. Das sagte auch Hitler über ihn. Ja, meine Mutter hatte einen scharfen Blick auf uns schwache Mannsbilder. Und gerade weil sie keine glühende Nationalsozialistin war, wie etwa Magda Goebbels, finde ich es umso entsetzlicher, mit welcher Eiseskälte sie sich zwischen 1933 und 1945 bereicherte und ungerührt über den Tod von Millionen Menschen hinwegsah. Für mich sind das Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Woher kam diese Eiseskälte?

Schon als Kind in Forst in der Lausitz wurde sie zur gewieften, frechen Göre, die sich in ihrem Viertel durchzusetzen wusste. Dann entdeckte Fräulein Brigitte Herbst, dass sie hübsch aussah und die Männer hinter ihr herlechzten. Meine Mutter wollte raus aus dem Mief der Kleinstadt, wollte nach Berlin, nach oben, die Armut hinter sich lassen. Sie wollte was Besseres werden, was ich völlig in Ordnung finde. Doch trotz aller Anstrengungen musste sie erfahren, dass sie in dieser von Männern beherrschten Welt nicht vorwärts kam. Also nutzte sie ihr gottgegebenes Kapital: ihren Körper. Dabei fand sie keine Freude am Sex.

Woher wissen Sie das?

Von ihrer besten Freundin Margot. „Was Männer nur daran finden?“ hat sie ihr staunend offenbart, obwohl sie sich – auch hier fleißig! – zu einer raffinierten Liebestechnikerin ausbildete.

War Ihre Mutter auch zu Ihnen so eiskalt?

Ich kann mich an keine zärtliche Geste erinnern. Aber das lag auch an mir: total verklemmt. Was meine Mutter mochte, war gestreichelt werden. Das miserabelste Zeugnis konnte ich ihr ungestraft zur Unterschrift vorlegen, wenn ich zuvor gesagt hatte: „Mutti, ich kämm’ dich!“ Bis zu einer Stunde bürstete ich ihr schwarzes Haar, sah an den Armen ihre Gänsehaut. In diesen intimen Stunden liebte ich sie. Aber meine Mutter prostituierte sich. Vielfach. Immer mit älteren Männern, die ihr beruflich voranhalfen. Natürlich fühlte sie sich beschmutzt – und schlug im Dritten Reich zurück: Ich will endlich meinen Anteil am schönen Leben! An Schmuck! An Pelzen! Sie wollte genießen. Rücksichtslos. Weshalb sie meinem Vater, als der sich scheiden lassen wollte, den grandiosen Satz entgegen schleuderte: „Ich bin lieber die Witwe als die geschiedene Frau eines Reichsministers!“

Bislang wurde stets die Verantwortung der Männer beleuchtet. Welche Rolle spielten die Frauen?

Eine ganz entscheidende. Wenn zum Beispiel meine Mutter – wie später den schießwütigen Ami – Hans Frank angepfiffen hätte: „Hänschen, du machst nicht mehr mit! Und zwar sofort!“, dann hätte der ein bisschen gejammert und gebettelt, aber er hätte Hitler sausen lassen.

Kuschte Ihr Vater so sehr vor Ihrer Mutter?

Der Franziskanerpater, der in Nürnberg meinen Vater katholisch getauft und ihn zum Galgen begleitet hatte, sagte mir Jahre später: „Niklas, Ihr Vater hatte noch im Gefängnis Angst vor Ihrer Mutter!“

Allerdings hatten nicht alle deutschen Männer solche Furcht einflößenden Ehefrauen.

Natürlich nicht. Wenn sich die deutschen Frauen millionenfach entsetzt hätten über das, was ihre Männer da tun, auch schon vor dem Krieg, und ihnen ins Gewissen geredet hätten, dann wäre es Hitler sicher nicht so leicht gefallen, sein mörderisches System in Deutschland zu etablieren. Aber die deutschen Frauen hatten sich ja selbst – fiepend wie Delfine – ihrem Führer hingegeben.

Eine kühne Hypothese.

Überhaupt nicht. Hitler brachte Deutschland nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch einen sexuellen. Welche Frau wird das zugeben? Welche Frau gesteht: Jawohl, ich hatte plötzlich wieder richtig Lust auf Männer? Die marschierten alle so schick in Reih und Glied und reckten stolz das eigene. Die Machtübernahme 1933 war eine Revolution. Und wie schon der Schriftsteller Peter Weiss schrieb: „Keine Revolution ohne allgemeine Kopulation!“ Deshalb schauten die Frauen auch über die Verbrechen hinweg – zum Beispiel über die Verfolgung der deutschen Juden.

Und mit ihrem Wegschauen haben die deutschen Frauen Hitler bis zu dessen Ende gestützt.

Ich glaube, die wirkliche Sittengeschichte des „Dritten Reichs“ muss noch geschrieben werden: Hitler war eine Befreiung für die Deutschen. Die Männer durften rauben und morden, und die Frauen haben die Männer an der Nase herumgeführt. Ich finde es ja prima, dass sich die Frauen in dieser männerbeherrschten Gesellschaft nahmen, wonach ihnen Sinn und Sinnlichkeit standen. Doch wie meiner Mutter waren ihnen Verbrechen ringsum egal!

Sie beginnen Ihr Buch mit der Schilderung einer Art Sterbehilfe. Kurz vor Ihrem 20. Geburtstag liegt die 64-jährige Brigitte Frank nach einem Herzinfarkt in der Klinik, und Sie drücken Ihr eine Überdosis Herztabletten in die Hand. Warum taten Sie das?

Ich hatte eben mein Abitur bestanden und würde nun unausweichlich nach acht Jahren Internat auf Föhr in ihre Münchner Wohnung ziehen. Mir graute davor. Ihr sicher auch, denn sie hatte einen gnadenlosen Blick für schwache Männer: „Ich hätte ihn zertreten!“, war eine ihrer beliebten Charakterisierungen von Männern. Ich glaube, sie empfand Horror, sich ausgerechnet um ihren verbockten Jüngsten sorgen zu müssen. Sie hatte uns fünf Kinder ja „wia a Loas“ geworfen, bayerisch für Muttersau. So bezeichnete meines Vaters Mutter die Gebärfreudigkeit ihrer Schwiegertochter und hatte sie durchschaut: Kinder galten Brigitte Frank nur als Rückversicherung gegen Scheidung oder Ähnliches. Sie hatte taktisch richtig geboren: Auch wegen ihrer fünf Kinder verbot Adolf Hitler meinem Vater 1942 die Scheidung. Nach jeder Geburt verschwand meine Mutter umgehend zur Kur. Ich wuchs an fremden Busen. Gott sei Dank.

Wussten Sie, dass die Dosis tödlich sein könnte?

Nicht unbedingt. Ich habe es drauf ankommen lassen. Es war so eine Mischung aus Neugier und Mitleid, aus Trotz und Wut: Rache für „Fremdi“, Rache für ihre Lieblosigkeit, Grauen vor einem engen Zusammenleben. Ich glaube, ich empfand die gleiche Angst wie mein Vater vor ihr. Sie ist erst drei Tage später gestorben. Die direkte Kausalität ist nicht gegeben.

Haben Sie auch gute Erinnerungen an Ihre Mutter?

Sicher. Sie hat mir tiefgründige Lebensregeln mitgegeben: „Ein wahrer Herr darf sich auch in bester Gesellschaft am Po kratzen.“ Ich hab’s mich nie getraut und verstecke mich hinter dem Selbstbetrug, ich sei noch nie in bester Gesellschaft gewesen! Die meisten Erinnerungen an sie sind allerdings mit Angst vermischt.

Haben Sie sich nicht getraut, sie zu lieben?

Ja, das ist es. Ich hab mich nicht getraut. Dabei hat sie mir Lebensmut beibringen wollen: Sie ging mit mir Leichen schauen.

Sie scherzen!

Keineswegs. In Süddeutschland war es früher Brauch, die Verstorbenen drei Tage lang im offenen Sarg aufzubahren. Und wenn wir das Grab meiner Großmutter besuchten, nahm sie mich mit, schaute nach der stillen Gedenkminute auf mich kleinen Steppke runter, kniff dabei verschwörerisch ihr Auge zu, und ich wusste: Auf geht’s zur Leichenschau! Das begann schon mit sieben, acht Jahren. Als Kind empfand ich es als aufregenden Tabubruch, dass da ein Erwachsener mit mir zu so etwas Unglaublichem geht, zu den Toten.

War das von Ihrer Mutter als Mutprobe gedacht?

Vielleicht. Vielleicht meinte sie auch, mein stummes, bockiges Kinderverhalten sei auf den Schock der Hinrichtung meines Vaters zurückzuführen. Auf ihre seltsame Art folgerte sie, vielleicht wird der Junge wieder normal, wenn ich ihm Leichen zeige und ihm damit kundtue, wie schön es ist, friedlich da zu liegen, zwischen brennenden Kerzen, und alles hinter sich gelassen zu haben – wie eben mein Vater nach seiner Hinrichtung.

Freunde schildern Sie als lebensfrohen Ehemann und Vater einer Tochter. Wie gelingt Ihnen das, obwohl Sie so viel Schmerz in sich tragen?

Es ist wie bei einer Mutter, die ihr Kind frühzeitig verliert. Sie wird dieses Kind nie vergessen, aber sie wird trotzdem lachen und vielleicht weitere Kinder gebären und ein Leben führen, das sie am Ende als erfüllt bezeichnen kann. Und dennoch wird sie jeden Tag an dieses verlorene Kind denken.

Was gibt Ihnen dabei inneren Halt?

Das Leben. Es ist eine unheimlich starke Kraft. Wir Lebenden sind immer die Stärkeren. Natürlich denke ich täglich an die unschuldigen Kinder, die wir getötet haben, als ich im gleichen Alter war wie sie und nur zwei Kilometer von ihrem Ghetto entfernt auf der Krakauer Burg in meinem Tretauto juchzend die Gänge entlangraste. Und natürlich ängstigt mich der Gedanke, dass die Verbrechenszeit wieder kommt, weil wir Deutschen es versäumt haben, in unseren Familien darüber zu sprechen. Dennoch: Ich freu’ mich jeden Tag zu leben.

Derzeit laufen Filme über Albert Speer und Joseph Goebbels, in „Der Untergang“ war Hitler als Kinofigur zu sehen. Verbirgt sich dahinter eine Sehnsucht der Deutschen, sich psychologisch zu entlasten?

Die Menschen haben ein Problem damit, Schuld zu ertragen. Aber sie ist auszuhalten – wenn man die geschehenen Verbrechen ohne Wenn und Aber akzeptiert. Und: Dass die weltweite Erinnerung an diese Verbrechen niemals verblassen wird. Diese Erkenntnis füttert den Schmerz. Ein Leben lang. Genau das kann unsere Lebensintensität steigern: Schmerz macht wach. Und hält wach.

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