Kultur : Mutterliebe, Horrorkind

Im Kino: Lynn Ramsays finsteres Familienporträt „We need to talk about Kevin“ mit Tilda Swinton.

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Ratlos. Tilda Swinton und John C. Reilly spielen die Eltern eines Amokläufers. Foto: Fugu Films
Ratlos. Tilda Swinton und John C. Reilly spielen die Eltern eines Amokläufers. Foto: Fugu Films

Eigentlich ist alles zu spät. In „We need to talk about Kevin“ erzählt die schottische Regisseurin Lynn Ramsay vom hoffnungslos zerstörten Leben einer Mutter. Eva – Tilda Swinton verkörpert sie uneitel und überlebensstark – hat ihren Mann und ihre kleine Tochter durch eine Schreckenstat ihres halbwüchsigen Sohnes Kevin (Ezra Miller) verloren.

Eva führt ein Leben in totaler Einsamkeit, ihren Albträumen und den Attacken rachsüchtiger Zeitgenossen ausgesetzt. Die amerikanische Kleinstadt, in der sie übrig blieb, ist so skurril gruselig, wie man das sonst nur aus den Filmen David Lynchs kennt. Künstliches Blut wird über ihrem Auto ausgekippt, eine anständige Lady ohrfeigt die verhärmte Frau im Vorübergehen, die Umwelt glotzt und schweigt. Und taut Eva in ihrem neuen Job im Reisebüro vorsichtig auf, quittiert ein Kollege ihr Verhalten gleich mit sexistischen Sprüchen.

Die verschlossene Frau nimmt jede Zumutung überscharf wahr – Großaufnahmen und kratziger Sound suggerieren die Qual –, wehren aber kann sie sich nicht. Nur für die Besuche bei Kevin scheint sie zu leben, doch die kalten Begegnungen in der Strafanstalt erstarren zu Tableaus absoluter Entfremdung. So inszeniert der Film in hyperrealistisch getunten Bildern die Mutter des Täters als dessen erstes und wichtigstes Opfer, das indes blind für die Untaten des Sohnes verantwortlich gemacht wird.

Von seinem gutmütigen Vater Franklin (John C. Reilly) bekommt Kevin als Kind Pfeil und Bogen geschenkt. Mit dem archaischen Jagdgerät bringt er bei einem Amoklauf Mitschülerinnen zur Strecke und kostet die Verhaftung wie ein C-Prominenter auf dem roten Teppich aus. Ironisch intoniert der Filmtitel die Mahnung zum Erziehungsgespräch, die alle Eltern irgendwann hören, doch die werbeästhetisch designte Traumbildsprache weidet sich daran, dass die pädagogisch korrekte Routine den Horror in Evas Familie niemals hätte bändigen können. Kevin, der eisig grinsende Bogenschütze, erscheint als düster gewendeter Robin Hood, als bösartig soziopathisches Rumpelstilzchen und effektvoll inszenierter Leinwandteufel, Marke raffiniert recyceltes „Rosemary’s Baby“.

Lynn Ramsays Adaption eines Romans von Lionel Shriver nimmt für die Mutter ein. Man folgt Tilda Swinton in die Abgründe ihrer Albtraumerinnerungen. Szenen tauchen darin auf, die die normale Konfusion einer von den sprachlosen Forderungen ihres Kindes überforderten Mutter spiegeln. Doch Kevin will nicht sprechen, nicht Ball spielen, ist von Anfang an die Ausgeburt totaler Verweigerung. Düster fixiert er die Mutter. Verzweifelt geduldig, dann immer misstrauischer gibt sie die Blicke zurück. Alle Entwicklungsschritte scheint er mit der Frau, die ihn geboren hat, zu allerletzt teilen zu wollen.

Ein konventionelles Psychodrama ist Lynn Ramsays Sache nicht. Kevins Innenleben soll nicht für empathisches Verstehen geöffnet werden, sondern eine permanente Provokation, ja, eine physische Zumutung bleiben. Der Film schockiert mit dem Horrormodell einer Männlichkeit, die sich von allen sozialen Bindungen abkoppelt. Wie ein Alien in die Welt hineingeboren, sucht er als Inbild zerstörerischer Misogynie zuerst (Ur-)Mutter Eva, dann die kleine Schwester, der er ein Auge aussticht, und die Highschool-Mädchen als Beute.

Oder will „We need to talk about Kevin“ bloß verquere Familienvorstellungen grell dekonstruieren? Was er über seine Figuren preisgibt, entstammt Evas Albträumen. Ein leeres schlossähnliches Haus, markante Wohlstandsrequisiten, schrille Farben kennzeichnen die Schauplätze. Nirgends ein Außen, nirgends Freunde, Lehrer, Nachbarn, Kontrapunkte zur irrealen Binnenwelt. Wie Eva ihrem Beruf als Reiseschriftstellerin nachgegangen ist, bleibt ausgeblendet. In ihrem Kopf herrscht klinische Sauberkeit. Mitten in der abstrakten Middle- Class-Kulissenwelt das düstere Kind, das Marmelade schmiert, abgekaute Fingernägel aufreiht und noch mit sechs Jahren demonstrativ in die Windel macht.

Der Sohn ist ein Ekel, die Mutter wappnet sich tapfer und versinkt in der Erinnerung an das ekstatische Bad in einer in rote Farbe getauchten Menschenmenge, das sie in ihrer Jugend erlebte. Ob der Verlust ungebrochener Körperlichkeit am Beginn oder am Ende von Evas fataler Beziehung zu ihrem Sohn steht, lässt der Film im Ungewissen.

Filmtheater am Friedrichshain; OmU

im Central, filmkunst 66 und fsk

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